In dieser Ausgabe

Editorial

Editorial

«Der Mensch und die Grenzen seiner Natur» – der Titel dieser Ausgabe enthält jenes klassische skandalon, das Philosophen, Theologen und Biologen heute mehr denn je beschäftigt. Ist der Mensch von der Natur abgefallen, oder ist er ein Teil von ihr? Ist seine Natur mit der Natur kompatibel? Einerseits sehnt sich der moderne Mensch, der sich […]

Dossier «Der Mensch und die Grenzen seiner Natur»

(0) Auftakt

Begrenzungen sind Herausforderungen. Wie interessant ist etwa eine hohe Mauer! Wer ist da nicht in Versuchung, zumindest einmal darüberzuschauen oder gar darüberzuklettern. Ähnlich ergeht es uns mit den Grenzen unserer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit: wir wollen darüber hinaus. Die Leistungssportler machen es uns vor, motiviert vom Ehrgeiz, getragen von Beharrlichkeit, unterstützt durch Trainingspläne und Drogen. […]

Jean-Jacques Rousseau – «Dénaturer l’homme»

Es gibt viele Wege, die Werke von Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) zu deuten. Die Befürworter und Gegner der Französischen Revolution, der romantischen Bewegung, des Sozialismus, des Faschismus, des Kommunismus, der liberalen Demokratie – alle haben sie mitunter auch den grossen Genfer vor den eigenen Karren gespannt. Selbst Fidel Castro hat betont, Rousseau sei noch […]

Die verderblichen Kräfte der Natur

John Stuart Mill ist einer der grossen englischen Moralphilosophen des 19. Jahrhunderts. In seinem postum erschienenen Werk «Drei Essays über Religion» stellt er auch die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Nicht die Versöhnung, sondern der Kampf stehe im Vordergrund; die Natur sei kein Vorbild, sondern ein Gegner, dem die Freiheitsspielräume abgetrotzt werden müssten.

Aktuelle Debatten

Defekte Krone
Defekte Krone

Der Mensch, so wird behauptet, sei die Krone der Schöpfung. Er fühlt sich aber keineswegs so. Er, dieser späte Gast auf Erden, hat zwar aufrecht gehen gelernt. Die Augen sind ihm nach vorn zusammengewachsen und ermöglichen ihm ein dem tierischen Leben unbekanntes stereoskopisches Sehen. Dadurch hat das Gehirn Platz gefunden, sich frei zu entfalten. Und […]

Quo vadis Türkei?

Der eurozentrische Blick auf die Türkei bietet ein zu einfaches Bild. Hinter der Auseinandersetzung zwischen Islamisten und Säkularisten verbirgt sich in Wahrheit der tiefergreifende Konflikt zwischen Nationalisten und Demokraten. Wer von beiden Kräften die Oberhand gewinnt, ist unklar.

Die Vereinnahmung des Lebens

Der Bundesrat will den neuen biometrischen Pass mit Gesichtsbild und Fingerabdrücken definitiv einführen. Dadurch wird zwar die Sicherheit der Identifikation erhöht, doch verletzen biometrische Erfassungstechniken die körperliche Selbstbestimmung des Individuums.

Kultur

Gnade wird nicht gegeben

Auf die «Lust, gewisse Fehler des ersten Versuchs beim zweiten Mal zu vermeiden», verweist Thomas Hürlimann bescheiden als Motiv für die Entstehung einer vollständig neuen Version seines «Einsiedler Welttheaters». Wie der Erfolg aus dem Jahr 2000 – mit insgesamt 65’000 Zuschauern – basiert auch sie auf einer durch den spanischen Barockdramatiker Pedro Calderón de la Barca vorgegebenen Struktur. Dessen Fronleichnamsspiel «El gran teatro del mundo», das in Einsiedeln erstmals 1924 aufgeführt wurde, lässt sechs allegorische Figuren von der Geburt bis zum Tod den Schauplatz des Lebens durchwandern. Auch die Welt selbst spielt mit. In Hürlimanns aktueller Fassung unter dem Emblem eines Kitschengels mit Dynamitstangen wird ihre Endlichkeit durch das Verhalten der Menschen beschleunigt, die der Autor im Einsiedler Milieu ansiedelt und alle Kälin tauft. Vom 22. Juni bis zum 8. September finden die Aufführungen, an denen jeweils 350 einheimische Spieler mitwirken, auf dem Platz vor der Klosterkirche statt, auch dieses Mal unter der Regie von Volker Hesse.

Schweizer Literatur in Kurzkritik

Es ist immer wieder zu hören, die deutschsprachige Literatur der Schweiz könne international nicht mithalten, sei uninteressant und kraftlos, hätte weder Pfiff noch Esprit, sei bestenfalls gediegen, meist jedoch belangloses Mittelmass, manches zwar nett zu lesen, das meiste jedoch schnell wieder vergessen. Wir baten daher unsere Autorinnen und Autoren, in einem kurzen Text ihren Eindruck beim Lesen der Neupublikationen festzuhalten.

Es schreiben:

Rüdiger Görner über Elisabeth Binder, „Orfeo“

Gunther Nickel über Pascal Mercier, „Lea“

Thomas Sprecher über Corina Caduff, „Land in Aufruhr“

Ludger Lütkehaus über Martin Dehli, „Leben in Konflikt“ und „Bloch. Eine Bildmonographie“

Gerald Funk über Charles Lewinsky, „Johannistag“

Christoph Simon über Rudolf Bussmann, „Das 25-Stundenbuch“

Rainer Diederichs über Martin Ebel (Hrsg.), „Nackt gebadet, gejauchzt bis zwölf“

Carola Jungwirth über Martin Suter, „Unter Freunden und andere Geschichten aus der Business Class“

Jens Nicklas über „CINEMA, unabhängige Schweizer Filmzeitschrift“

Dietrich Seybold über Aurel Schmidt, „Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden“

Hartmut Vollmer über Pierre Chiquet, „Kleopatrafalter“

Beat Mazenauer über Sandra Hughes, „Lee Gustavo“

Georg Deggerich über Ralph Dutli, „Nichts als Wunder“

Klaus Hübner über Gianni Kuhn, „Amor als Sieger“

Sabine Kuhlenkampff über Urs Mannhart, „Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola“

Markus Bundi über Daniel Goetsch, „Ben Kader“

Jeroen Dewulf über Yusuf Yesilöz, „Lied aus der Ferne“

Joachim Feldmann über Ernst Solèr, „Staub im Wasser“

Christof Wamister über Richard Reich, „Codewort Laudinella. Ein Hotelroman“

Irene Ferchl über Gabrielle Alioth, „Der prüfende Blick. Roman über Angelica Kauffmann“

Stefana Sabin über Wilfried Meichtry, „Verliebte Feinde. Iris und Peter von Roten“

Patricia Klobusiczky über Friederike Kretzen, „Weisses Album“

Marcus Jensen über Peter von Matt, „Der Entflammte. Über Elias Canetti“

Christine Holliger über Jürg Schubiger (Text) und Eva Muggenthaler (Illustration), „Der weisse Bär und der schwarze Bär“

Duke Seidmann über Karl Lüönd, „Verleger sein“

Anett Lütteken über Charles Linsmayer, „Schlaglichter. 200 weltliterarische Kürzestporträts“

Friedbert Stohner über Jürg Federspiel, Petra Rappo, „Mike O’Hara und die Alligatoren von New York“

Michael Braun über Hans Thill (Hrsg.), „Das verborgene Licht der Jahreszeiten. Gedichte aus der Schweiz“

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Weitere Kurzkritiken folgen in den kommenden Ausgaben.

Geständnis eines vom Liebespfeil getroffenen Rezensenten

Dass einem das widerfahren kann: sich in ein Buch, seinen Rhythmus, seine zarte Sprache regelrecht zu verlieben. Ungehörig für jemanden, der sich anschickte, ein kritisches Wort über diese «Orfeo» betitelte Prosakomposition zu schreiben, die klingt, als handle es sich um ein in Prosa aufgelöstes Libretto für leise, gedämpfte Stimmen. Entweder lieben oder kritisieren oder aus […]

Ungezügelte Sentimentalität – Schade!

Was ist literarischer Kitsch? Man bezeichne damit Texte, so erklärte es der Germanist Helmut Kreuzer, die von den «dominierenden Geschmacksträgern» einer Zeit «ästhetisch diskriminiert werden». Folgen wir dieser Bestimmung, dann ist «Lea», das neue Buch von Pascal Mercier, zweifellos kitschig. Denn führende Geschmacksträger der Gegenwart haben vor ihm bereits gewarnt. Sogar Elke Heidenreich, die sonst […]

«Die alte Schweiz, mit Respekt zu nennen«

Wer emigriert schon gerne? Deswegen ist die Beziehung von Emigranten zum Land ihres Exils meistens ambivalent. Ohnehin tut es niemand freiwillig. Drastische Beispiele haben untern anderem die beiden Häupter der «Kritischen Theorie», Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, geliefert. Noch während sie mit dem emigrierten «Institut für Sozialforschung» in den Vereinigten Staaten generöse Aufnahme finden, […]

Auch keine Currywurst

Es muss nicht immer Kaviar sein, wusste schon Johannes Mario Simmel. Manchmal tut’s auch eine Currywurst. Die ist in der Welt der Feinschmecker das, was der Kriminalroman in der Literatur ist: im besten Fall eine deftige Gaumenfreude für den ansonsten äusserst verfeinerten Geschmack, ein Kitzel der Nerven, den viele literarische Gourmets ab und an durchaus […]

Gänsefüsschentage

«Rückblickend stören mich nur zwei Dinge. Zuviel geredet zu haben und zu schnell gegangen zu sein. Stumm stehenzubleiben wie ein Baum! Dies nicht als Ziel; nur als ein Zielen.» Was Rudolf Bussmann im 25-Stundenbuch dem Alltag, dem Verweilen abgewinnt, ist unerschöpflich. Seine Aphorismen und Bagatellen sind um Aussagen nicht verlegen, nie aber sind sie hochfahrend […]

Zürich literarisch

Zürichs literarische Topographie ist in den letzten Jahren gleich zweimal in Form von Literaturführern vermessen worden. Damit wurde nachgeholt, was Kurt Guggenheim einst behauptet hat: Wenn man auf einem Stadtplan von Zürich alle literarischen Orte mit einem Punkt bezeichnet, dann entsteht dabei eine dicht gepunktete Fläche, die sich vom Zürichhorn bis zum Platzspitz und von […]

Kennste eine, kennste alle

Die Geschichte funktioniert so: Ein Mann reflektiert selbstgefällig die eigene Wirklichkeit. Ein kurzer Zusammenstoss mit einer Gegenwirklichkeit demaskiert den Mann als Idioten. Naturgemäss ist die eine Wirklichkeit sympathisch und die andere lächerlich und kurzsichtig. Ja, das ist amüsant – solange nur eine Geschichte gelesen wird. Dann man wartet auf das Neue, wenn man die zweite […]

Wenn Filme (un-)sicher machen

Man könnte sagen, Bilder durch Worte zu vermitteln, in Sprache zu übersetzen, sei müssig. Sie würden ja gerade durch ihre bildnerischen Qualitäten wie Farbe, Komposition oder Oberfläche unmittelbar, als Bilder eben, wirken. Man könnte auch sagen, Filme, also bewegte und meist vertonte Bilder, in Schrift zu übersetzen sei rundweg unmöglich. Man könnte sich dabei auf […]

Das Glück des Gehens

Der Basler Volksmund – es ist im Grimmschen Wörterbuch vermerkt – hat das Verb «spazifizozle» hervorgebracht, eine Mischung aus «spazieren» und «zotteln». Allein die Existenz dieser sanftmütig-sarkastischen Lokalform macht deutlich: unauslotbar ist die Thematik des Gehens (und suchte man sich zu retten, in die Metaphernwelt der Seefahrt zum Beispiel, es drohte immer noch der «Untergang»). […]

Verlockung des Falters

Ein Schriftsteller, der Ich-Erzähler, hat sich in einen kleinen ländlichen Ort, Feldbach, zurückgezogen, in ein Haus am Waldrand, um dort über einen Mann zu schreiben, der versucht, «einen im Mittelmeergebiet beheimateten Kleopatrafalter in die Feldbacher Gegend zu locken». Der Plan wird allerdings durchkreuzt von dem plötzlichen Erscheinen Ungerers, einer seltsamen Clochard-Figur, die den verwilderten Garten […]

Vom Meteoriten getroffen

Lee taugt als Vorname für Männer wie für Frauen. Daher entzieht sich Lee Gustavo, die Ich-Erzählerfigur in Sandra Hughes’ Debütroman, den geschlechtlichen Zuschreibungen. Lee arbeitet als patente Haushaltshilfe und liebt Frauen. Aber was heisst das schon. Halsbrecherisch schwankt Lee zwischen keckem Mädchen und dummem Jungen – was nicht das einzige ist, das an diesem verworrenen, […]

Olive auf der Zunge

In der akademischen Auseinandersetzung mit Lyrik geht es meistens darum, Zugänge zu finden, Inhalte zu erschliessen oder tiefere Bedeutungsschichten freizulegen. Beschäftigungen also, die wenig mit sinnlichem Genuss, aber viel mit interpretatorischer Schwerstarbeit zu tun haben. Nicht so bei Ralph Dutli. Der Lyriker, Essayist und Übersetzer ist zwar ein genauer, um nicht zu sagen akribischer Leser, […]

Nicht alles besiegt die Liebe

«Amor als Sieger» oder «Omnia vincit amor» heisst ein 1601 oder 1602 von Caravaggio geschaffenes Bild, das heute in der Berliner Gemäldegalerie hängt. Und «Amor als Sieger» heisst auch die titelgebende Erzählung des neuen Buches von Gianni Kuhn, des 1955 in Niederbüren geborenen, in Frauenfeld lebenden Künstlers, dessen Gedichte und Prosasplitter in den «Schweizer Monatsheften» […]

Magnetfeld des kleinen Glücks

Die schwerfällige Bewegung einer Rangierlok und das Zittern des «Weltstaubfusselteilchens» im imaginären Diaprojektor des Bewusstseins, mit dem das Leben wahrgenommen werden kann: das sind die Amplituden-Enden, zwischen denen der Roman Mannharts schwingt. Er tut es bildreich und durchkomponiert. Die Handlung des zweiten Prosawerks des Autors ist sekundär und schnell erzählt: der Protagonist – vom Erzähler […]

Bekenntnisse des Vaters

Noch ein Roman zum 11. September 2001? Es wäre nicht falsch, «Ben Kader» dieses Etikett anzuhängen, dennoch greift die Zuordnung zu kurz. Denn an diesem Tag endet Daniel Goetschs Roman. Im Brennpunkt steht jedoch mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg eine andere Zeit. In acht Kriegsjahren töteten das französische Militär und die mit ihm verbündeten Milizen bis […]

Eine ethnologische Forschungsreise in die Schweiz

Bis vor wenigen Jahren galten Fragen der nationalen Identität noch als verstaubte, wenn nicht geradezu faschistoide Relikte. Bezeichnend, wie Pia Reinacher in «Je Suisse» (2003) die neue Generation Schweizer Autoren dadurch charakterisierte, dass für diese die Schweiz kein Thema mehr sei. So erscheint es fast als paradox, wenn es heute ausgerechnet Autoren ausländischer Herkunft sind, […]

Kopflose Leichen

Eine der beliebtesten Figuren im zeitgenössischen Kriminalroman ist jener Typ des Serienmörders, der nicht nur über eine individuelle Methode verfügt, seine Opfer vom Leben zum Tode zu bringen, sondern darüber hinaus kryptische Botschaften hinterlässt, die dem ermittelnden Kriminalisten etwas zu knobeln geben. War ein Sherlock Holmes noch darauf angewiesen, aus den unbeabsichtigten Spuren des Verbrechers […]

Erstaunlich altmodisch

Altmodisch – das Wort fällt im Roman selber. Lena schreibt ihrem Bruder Fred aus Wien «pünktlich im Monat einen langen, altmodischen Brief». Richard Reich entführt uns in seinem ausdrücklich als Hotelroman bezeichneten neuen Buch «Codewort Laudinella» in eine altmodische Welt, von der sich die Literatur eigentlich schon lange entfernt hat, mit Menschen, die Chorgesang-Ferienlager besuchen, […]

Aufgesplitterte Annäherung

Eine Biographie – und zwar die einer berühmten Künstlerin – nicht aus einer allwissenden Perspektive darzustellen, sondern sie aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenzusetzen, ist eine raffinierte Methode; denn sie suggeriert Authentizität und die angemessenere, weil komplexere Schilderung einer Persönlichkeit. So ganz traut Gabrielle Alioth ihrem Verfahren jedoch nicht, denn sie führt einen Ich-Erzähler ein, den engen […]

Schlafende, zum Sprechen gebracht

Wer in Westdeutschland elf Jahre nach Kriegsende zur Welt kommt, ist nicht «geboren, sondern gestorben» – so stellt es sich zumindest für Elschen im Rückblick auf die Vergangenheit dar. Zusammen mit ihren Kindheitsfreundinnen Gitti und Hanna beschwört sie Jahrzehnte später Landschaften, Stimmungen und Ereignisse herauf, die sich in dreiunddreissig Traumbildern zu einer gemeinsamen Biographie verdichten, […]