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Mehr Leben als gedacht

Neue Daten zeigen: Korallenriffe erholen sich, Wälder vernetzen sich und die Erde wird messbar grüner. Die Natur ist anpassungsfähiger und robuster, als viele denken – auch in der Schweiz.

Totgesagte leben länger

Korallenriffe wurden politisch und medial schon lange totgesagt oder dem Untergang geweiht. Steigende Meerestemperaturen führen dazu, dass Korallen die Algen abstossen, mit denen sie in Symbiose leben und von denen sie Nährstoffe beziehen. Das Ausbleichen der Korallen ist die sichtbare Folge davon. Doch vielerorts scheint nun eine Erholung einzusetzen.

Doch Teile des Great Barrier Reef verzeichnen mittlerweile den höchsten Korallenbewuchs seit 36 Jahren. Auch rund um Hawaii erholen sich die Bestände zunehmend von früheren Bleichen; so zeigen auch die Riffe vor Inseln wie Maui und Kauai wieder eine positive Entwicklung. Ähnliches lässt sich auch im Chagos-Archipel im Indischen Ozean sowie bei Sulawesi in Indonesien beobachten.

Tritt eine Erwärmung des Meerwassers nur kurzzeitig auf, bleibt die Koralle trotz sichtbarer Ausbleichung oft am Leben. Zwar tritt ihr weisses Kalkskelett hervor, doch sie kann neue Algen aus dem Meerwasser aufnehmen und sich so regenerieren.

Die Erholung vieler Riffe wird von schnell wachsenden Korallenarten getragen. Im Chagos-Archipel etwa siedelten sich nach einer schweren Bleiche vor allem Tischkorallen an. Entscheidend ist jedoch, dass sich Riffe nach Störungen ungestört erholen können. Wo sie vollständig zerstört wurden – etwa durch Dynamitfischerei –, lässt sich die Regeneration gezielt durch Korallentransplantationen anstossen.

Der Blaue Planet wird grüner

Nicht alles entwickelt sich zum Schlechteren. Die verbreitete Befürchtung, der Klimawandel lasse die Erde zunehmend zu einem kargen Planten veröden, bestätigt sich so nicht. Satellitendaten zeigen vielmehr, dass der blaue Erdball in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt grüner geworden ist.

Bereits ab 1982 weisen Messungen auf eine zunehmende Vegetation hin. Mitte der 1990er-Jahre identifizieren Forscher erstmals das Phänomen der «globalen Ergrünung». Mit dem Start des MODIS-Programms (Moderate Resolution Imaging Spectroradiometer) in den 2000er-Jahren ermöglicht die Nasa eine hochpräzise Beobachtung der Erdoberfläche.

Bis etwa 2015 zeichnet sich ein klares Bild ab: Ein Viertel bis die Hälfte der bewachsenen Landflächen legt sichtbar an Vegetation zu. Insgesamt wächst die Blattfläche um mehr als 5,18 Millionen Quadratkilometer – ein Plus von rund fünf Prozent gegenüber den frühen 2000er-Jahren. Das entspricht in etwa der Fläche des Amazonas-Regenwaldes.

Die Ursachen liegen vor allem im steigenden CO₂-Gehalt der Atmosphäre. Der Düngereffekt des Kohlendioxids erklärt rund 70 Prozent des globalen Vegetationszuwachses. Hinzu kommt Stickstoff, der etwa neun Prozent ausmacht. Dürren können die zunehmende Begrünung zwar lokal bremsen, diese aber nicht stoppen.

Auch der Mensch trägt wesentlich dazu bei: Die intensive Landwirtschaft steigert die Erträge durch Mehrfachanbau und eine effizientere Flächennutzung, während gross angelegte Aufforstungsprogramme zusätzliche Vegetation schaffen. Besonders ins Gewicht fallen China und Indien: Obwohl sie nur rund neun Prozent der weltweiten Vegetationsfläche ausmachen, tragen sie etwa ein Drittel zur Ergrünung des Globus bei. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass wir es mit einem massgeblich «menschengemachten globalen Vegetationswandel» zu tun haben.

Das «Wood Wide Web»

Bäume sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren. Was esoterisch anmutet, ist heute gut erforscht: Über ihre Wurzeln sind Bäume durch ein weit verzweigtes Pilzgeflecht – das sogenannte Myzel – verbunden. Dieses Netzwerk erlaubt es ihnen, den Bedarf an Wasser und Nährstoffen zu erkennen und Ressourcen gezielt weiterzugeben. So unterstützen die starken Bäume die schwächeren Artgenossen in ihrer Umgebung.

Den Wurzelspitzen der Bäume kommt eine wichtige Rolle zu: Sie verfügen über eine Art koordinierende Struktur zur Verarbeitung von Umweltreizen. Bäume senden chemische, hormonelle und elektrische Signale aus – vergleichbar mit einem einfachen Nervensystem. Die Kommunikation erfolgt dabei dezentral.

Bäume erkennen Angreifer wie etwa Raupen anhand spezifischer Signale. Sie setzen gezielt Duftstoffe frei, um natürliche Feinde dieser Schädlinge anzulocken. So mobilisieren sie Schlupfwespen, die sich dann als biologische «Verteidiger» einschalten.

Grosse, ältere Bäume gelten als die zentralen Knotenpunkte im «Wood Wide Web». Sie versorgen die jungen Schösslinge gezielt mit Wasser, Kohlenstoff und Zucker und fördern deren Wachstum – wobei sie den eigenen Nachkommen oftmals den Vorrang geben. Bäume, die im Sterben liegen, geben einen Grossteil ihrer verbleibenden Ressourcen an die nächste Generation weiter.

So steht es um die Schweizer Wälder

Mit durchschnittlich 354 Kubikmetern zählen die Schweizer Wälder zu den holzreichsten Europas. Insgesamt ist ein Drittel der Landesfläche bewaldet; mehr als 40 Prozent davon schützen Siedlungen vor Naturgefahren.

Anders als in vielen Ländern wächst der Wald hierzulande überwiegend natürlich nach: Rund 85 Prozent der Bestände entstehen ohne künstliche Aufforstung. Gleichzeitig sind etwa 90 Prozent der Waldflächen für die Bevölkerung frei zugänglich.

Auch im Bereich Wasser nimmt die Schweiz eine Sonderstellung ein. Als «Wasserschloss Europas» verfügt sie über rund 6 Prozent der Trinkwasserressourcen des Kontinents. Die Qualität ist so hoch, dass etwa 40 Prozent des Trinkwassers ohne Aufbereitung direkt ins Leitungsnetz gelangen.

71 Prozent der Schweizer Wälder befinden sich in öffentlicher Hand. Der Privatwald ist stark zersplittert – rund 245 000 Eigentümer besitzen im Schnitt lediglich 1,5 Hektaren. Besonders hoch ist der Privatanteil in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden (77 Prozent) und Luzern (74 bis 75 Prozent).

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