Dritte Zungen über Canetti

Erinnerungen an sein Leben in Zürich

2004 war Kant-, Mörike- und Gotthelf-Jahr. 2005 ist Einstein-, Schiller- und Stifter-Jahr. Sowie, besonders in Zürich nicht zu übersehen: Canetti-Jahr. Eines ist bereits sicher: «Canetti in Zürich» ist nicht die wichtigste Canetti-Neuerscheinung. Man darf neben diversen Neuausgaben seiner Schriften den zehnten Band der Werkausgabe erwarten, einen Photoband und einen Ausstellungskatalog, diverse Spezialstudien und nicht zuletzt eine dickleibige Canetti-Biographie. Verglichen damit mögen sich die «Erinnerungen und Gespräche» recht bescheiden ausnehmen, die Werner Morlang gesammelt, mit einer sehr instruktiven Einleitung versehen und herausgegeben hat. Dennoch wohnt dieser facettenreichen Umkreisung des 1981 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Dichters und Zürcher Bürgers ein ganz eigener Reiz inne. Denn im Mit- und Gegeneinander der Erinnerungen von Personen, die den von 1972 bis zu seinem Tod im August 1994 wieder in Zürich lebenden Elias Canetti persönlich erlebt haben, entsteht das plastische Bild eines charmanten und noblen, energischen und selbstbewussten, manchmal arrogant und oft ein wenig kauzig wirkenden, hochgebildeten und ganz seinem Werk verpflichteten Alt-Europäers, der der Schweiz und besonders der Stadt Zürich in liebevoller Dankbarkeit verbunden ist. Trotz mancher Belanglosigkeit im Detail und obwohl es auch buchstäblich nichts sagende Beiträger gibt: man wird «Canetti in Zürich» gerne lesen – und schon während der Lektüre darüber nachdenken, wem man dieses schöne Buch demnächst schenken könnte.

Über die Jahre zwischen 1916 und 1921, die der im Juli 1905 als erstes Kind sephardischer Juden im damals türkischen und heute bulgarischen Rustschuk geborene junge Mann in Zürich verbracht hat, gibt er selbst in «Die gerettete Zunge» Auskunft. Über seine letzten 23 Jahre, die «im Zeichen unentwegter Produktion und zunehmenden Ruhms» standen, wie Werner Morlang schreibt, wissen wir weniger. Die 24 Texte fügen dem bisherigen Bild zahlreiche Detailbeobachtungen und Episoden hinzu – an Vollständigkeit war dabei von vornherein nicht zu denken. Paul Nizon zum Beispiel lernte den Autor der «Blendung» 1964 in der Kronenhalle kennen und blieb ihm bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden, «für mich eine väterliche Instanz, aber kein Mentor oder Meister». In seinem Gespräch mit dem Herausgeber, aber auch in anderen Beiträgen, ist viel von Canettis literarischen Vorlieben und Abneigungen die Rede, etwa von seinem Respekt für Dürrenmatt, seiner Distanz zu Frisch und seiner Zuneigung zu Robert Walser. «Er gehörte nicht zur deutschen und nicht zur Schweizer Literatur», betont Nizon. «Er war für mich die universalste geistige Erscheinung überhaupt.» Dass Canetti «eine Art der Aufmerksamkeit» besass, die «fast magisch» war, «eine unglaublich vitale Präsenz», unterstreichen auch andere Beiträger. Jeremy Adler, der Sohn von Canettis Freund H.G. Adler, würdigt die Verdienste seiner zweiten Frau Hera – aus dieser Ehe stammt die Tochter Johanna, der der Dichter ein «guter Vater» gewesen sei – und betont, dass der Humanist und Menschenkenner Canetti vor allem ein von der jüdischen Tradition geprägter «Schriftgelehrter» war. Sein inständiges Aufbegehren gegen den Tod sei als «die in Revolution verwandelte Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies» zu verstehen. Um Kunst und Schmäh geht es im Gespräch mit der Witwe des Wiener Dramatikers Fritz Hochwälder, mit dem Canetti eine von Geist und Humor getragene «Männerfreundschaft» verband. Felix Philipp Ingold beschreibt sein einziges Gespräch mit ihm – beim Kiosk an der Talstation der Dolderbahn habe der Dichter alles vermieden, was auf Isaak Babel «den geringsten Schatten hätte werfen können». Werner Morlang schildert nicht nur Canettis Wertschätzung des Romans «Die Geschwister Tanner» und sein erstaunliches Wissen über dessen Verfasser. Sehr interessant ist das Gespräch mit Barbara Sidler, die literarische Vorlieben des Stammkunden der Buchhandlung Oprecht beobachtet hat. Bekannte und Freunde – selbst Canettis Nachbar und Coiffeur aus der Klosbachstrasse 88 kommt zu Wort – berichten meist Anekdotisches, erwähnen aber auch seine Hochachtung Hermann Lenz oder Christa Wolf gegenüber. Peter von Matt weist auf Canettis Verdienste um Robert Musil hin und verschweigt nicht: «Annäherungen, die ihm nicht passten, konnte er schroff und verletzend abweisen. Es gibt in Zürich noch einige Leute mit Narben.» Johann Steurer ergänzt: «Er ist immer wütend geworden und manchmal fast auf den Tisch gesprungen, wenn das Gespräch auf Marcel Reich-Ranicki kam. […] Das war eine Feindschaft, die über Jahrzehnte mehr oder weniger stabil vor sich hinbrodelte.» Das Gespräch mit Steurer, dazu die Texte von Michael Krüger und Beat Schläpfer sowie der Bericht «Wie der Canetti-Nachlass in die Zentralbibliothek Zürich kam» von Rainer Diederichs – und schon hat man die geistige Statur des eminenten Literaten lebendig vor sich. Also: «Canetti in Zürich» lesen! Und dann: Canetti lesen!

Werner Morlang (Hrsg.), «Canetti in Zürich. Erinnerungen und Gespräche». München/Wien: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 2005.

Klaus Hübner, geboren 1953, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.

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