Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Vesselina Kasarova «Die ganze Welt als Heimat, dein Wille dein Gesetz! Und vor allem die berauschende Sache: die Freiheit!» (Prosper Mérimée)

Was heisst denn hier Freiheit?

Freiheit bedeutet für mich, mich frei ausdrücken zu können. Gefühle zeigen zu können. Und ehrlich zu sein. Das ist Freiheit. Freiheit ist auch, dass ich das machen kann, was ich liebe. So viele Leute haben keine Chance, sich auszudrücken. Doch ich kann als Musikerin und Sängerin arbeiten. Meine Liebe ist zu meinem Beruf geworden. Was will ich mehr?

Ich bin frei, weil ich experimentieren kann. Das klingt jetzt vielleicht posenhaft, doch ich meine, ich bin frei, weil ich bei der Interpretation meiner Rollen an die Grenzen meiner Emotionen gehen kann. Doch nach der Vorstellung, da möchte ich nicht länger in jener Welt leben. Wenn der Vorhang fällt, dann verlasse ich sie. Freiheit heisst daher auch, dass ich die Welten wechseln kann. Auf der Bühne lebe ich Carmen, ich lebe die Zeilen, die ich singe. So gut, dass die Leute mir meine Rolle glauben, egal ob ich dabei schön bin oder hässlich, ob ich erotisch bin oder arrogant. Die Leute müssen mitbekommen, was ich fühle. Nur dann bin ich gut.

Als Frau unabhängig zu sein: das ist Freiheit. Aus Carmen hat man ein Klischee gemacht: Fächer, Blume, Hüfte… Das ist zu wenig, das ist falsch, das wird ihr nicht gerecht. Carmen ist eine emanzipierte Frau. Carmen ist frei. Und das ist das, was die Männer stört. Deswegen bringt José Carmen am Ende um. So viele interpretieren die Oper falsch. Sie denken, dieser Mann ist der Verlierer und das Opfer. Sie denken, ach, der Arme, der sagt, bitte, bitte, Carmen, komm, bleib bei mir, aber Carmen will nicht und verlässt ihn.

Doch José ist nicht der Verlierer. Er tötet Carmen, weil er nicht akzeptiert, was sie möchte. Er tötet sie, weil er keinen Mut hat, mir ihr zu leben, mit in ihre Welt zu kommen und seine Welt zu verlassen. Er hat Angst vor der Freiheit. Zweimal geht er weg von ihr, einmal weil er zur Kaserne gerufen wird, das andere Mal, weil seine Mutter nach ihm schickt. Dann will Carmen nicht mehr. Carmen braucht Männer, die sich entscheiden können. Die frei sind. Die wissen, was sie wollen und die machen, was sie sagen.

Carmen ist ein weiblicher Don Giovanni. Auch Don Giovanni hat auf eine edle Art immer bestimmt, was er machen will. Erst will er diese Frau und dann eine andere. Sein Wille ist sein Gesetz. Und gleiches gilt für Carmen; erst will sie José, und dann will sie einen anderen: ihr Wille, ihr Gesetz… die ganze Welt als Heimat… Carmen ist ein kosmopolitischer Mensch, der sich überall anpassen kann. Wenn sie will! Sie nimmt sich auch hier die Freiheit. Doch «dein Wille, dein Gesetz» bedeutet auch, dass du einsam bleibst. Menschen wie Carmen sind Persönlichkeiten, die anders sind als die meisten. Anders als Micaëla, die José nach dem Willen seiner Mutter heiraten soll. Micaëla ist eine guterzogene, ein bisschen kokette und naive Frau. Eine Naivität, die die Männer lieben

Die Männer haben Carmen immer als Prostituierte gesehen. Und nicht als emanzipierte, erotische Frau, eine Frau, die voller Melancholie und Tiefsinn ist und ohne Angst. Die so frei ist, dass sie auch keine Angst vor dem Tod hat. Dass sie dann stirbt, beweist, wie die Welt der Männer ist. Wir Frauen sind nicht zu unterschätzen.

Ich bin nicht Carmen. Ich verkörpere sie nur. Ich weiss, was ich will. Doch um das zu erreichen, habe ich meinen Willen in Watte gepackt. Ich habe gelernt, diplomatisch mit Menschen umzugehen. Ich bin vorsichtiger als Carmen. Sie ist genau so, wie sie spricht. Sie ist radikaler. Ich bewundere sie für das. Doch dafür werde ich von keinem Mann erstochen.

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»