Sich laben an den Phantasien

Reflexionsstücke über Schiller

Spielt ein Dichter auch dann, wenn er einen tragischen Stoff behandelt?

Trug, Schuld und höhere Wahrheit. Schillers Kurzballade «Pegasus im Joche». Ein darbender Poet verhökert auf dem Haymarket zu London «der Musen Ross», ein geflügeltes Pferd also, wissend, dass es keinen praktischen Nutzen haben kann. Indem er es einem arglosen Bauern verkauft, der glaubt, dem Pferd die Flügel stutzen und es sich dienstbar machen zu können, wird der Poet zum «Täuscher», zu einem, der täuscht und Pferd gegen Geld tauscht. Absurde Szenen werden unausweichlich. Pegasus, vor Kutschen gespannt, zieht diese in den Abgrund, und auf dem Feld: «Im lächerlichen Zuge/Erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge». Nur ein etwas mit Kunst begabter «lustiger Gesell» vermag den musenlosen Ackersmann von seinem «Hippogryphen» zu befreien. Auf ihm reitet der Musenstiefsohn zuletzt durch die Lüfte gen Parnass. Oder gen Sais.

In «Das verschleierte Bild zu Sais» will ein junger Mann das Bild der Wahrheit im Tempel der Isis entschleiern. Er missachtet die Warnungen des Orakels und wird zu Boden geworfen, nachdem er den Schleier gelüftet hat; wenig später stirbt er. Seine letzten Worte: «Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!/Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.» Man erinnert sich an die Schlussformel der «Braut von Messina»: «Der Übel grösstes aber ist die Schuld.» Je entschlossener Schiller Freiheit predigte, Emanzipation durch das Geistige, desto bohrender stellte sich ihm die Frage nach der Schuld. Die Schuldfrage ist der Preis für den Glauben an das Genie und für den Glauben des Genies an sich selbst.

Zur Fülle der unabgeschlossenen Dramenprojekte Schillers. Sie gewann ihrerseits eine tragische Dimension. Denn je deutlicher es Schiller wurde, dass er nicht mehr würde genesen können, desto sprunghafter nahm die Zahl seiner Entwürfe und Themenskizzen zu. Die Projekte kann man als Form seiner inneren Panik verstehen. Oder schlicht als bunte Vielfalt, die er zu sich nehmen konnte wie ein Elixier: sich laben an den Phantasien, die von blossen Titeln ausgehen.

Hofmannsthal bekundete eine «leidenschaftliche Vorliebe» für die frühen Prosadramen Schillers. Man beschäftige sich zum Beispiel mit dem «republikanischen Trauerspiel» «Die Verschwörung des Fiesco zu Genua», um diese Leidenschaft nachzuempfinden oder selbst in sich zu entdecken. Es handelt von der Tragödie des Republikanismus und des Prinzips Rebellion. Zeigen will es, wie die Genueser mit ihrem Stadtstaat Genua «Unzucht trieben», wie es im Stück heisst. Man stellt freilich fest, dass die frühen Dramen einen Sprachaufwand betreiben, der durch die damit verbundenen Gedanken nicht gedeckt ist.

Fiesco schwankt zwischen rebellischem Republikanismus und Vorliebe fürs Autokratische. Er täuscht alle Welt über seine wahren Gefühle und Intentionen; er tut anfangs so, als bedeute ihm das Leben soviel wie Träumen; überhaupt stellt dieses Trauerspiel die Frage nach dem richtigen Sehen und Einschätzen von Problemsituationen. Desgleichen fragt es nach der angemessenen Optik für geschichtliche Begebenheiten und ihrem Vorbildcharakter für die Gegenwart. So glaubt Verrina, ein aufrechter Republikaner und ursprünglich Freund Fiescos, der zuletzt dem siegreichen, zum Herzog von Genua Ausgerufenen den Todesstoss ins Meer versetzen wird, diesen durch ein Gemälde, das den Sturz des Tyrannen Appius Claudius darstellt, zum Aufbegehren gegen die Dorias, die bisherigen Tyrannen Genuas, inspirieren zu können. So gut hatte Fiesco zunächst die Rolle eines Schlaraffenländers und Hedonisten gespielt, dass selbst Verrina dieses Bild für den wahren Fiesco halten musste. Eindrücklich dann das Streitgespräch zwischen Fiesco und dem Künstler Romano, der ihm eine seiner «Szenen aus dem nervigen Altertum», eben das Claudius-Gemälde, schenken will. Fiesco reagiert zum Schein auf den Schein des schönen Bildes, um zunächst seine Freunde irrezuführen. Er tut so, als habe er nur Augen für die schmachtende Virginia und nicht für den stürzenden Appius Claudius: «Ich…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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