Elizabeth Lunbeck, zvg.

Der menschliche Herdeninstinkt

Warum werden kultivierte Individuen in der Masse zu Barbaren? Eine Erklärung mit Rückgriff auf Sigmund Freud.

Jeder kann sich heutzutage Videoaufnahmen von rechtsextremen Kundgebungen in Europa oder Versammlungen der Alt-Right-Bewegung in den USA ansehen. In der Regel handelt es sich dabei um ausgelassene Spektakel, die an vollständiges Chaos grenzen – und bei denen der besorgte Zuschauer sich fragen wird, warum viele der Versammelten so voller Hass und Wut sind, so uneingeschränkt empfänglich für die Provokationen eines Showman, der sie dazu anstachelt, Intoleranz und Gewalt auszudrücken. Was ist mit ihnen passiert, diesen freundlichen, engagierten, gesetzestreuen Menschen? Mit einer Version dieser Frage im Kopf schrieb Sigmund Freud 1921 den Essay «Massenpsychologie und Ich-Analyse». Moment, Freud, sagen Sie? Tot, veraltet und irrelevant, behaupten seine Kritiker, ein Theoretiker des bürgerlichen Gedankenguts seiner Epoche, der zu unserem anspruchsvollen modernen Selbstverständnis wenig beizutragen hat. Ich bin anderer Meinung – tatsächlich würde ich behaupten, dass bestimmte Aspekte seiner Arbeit relevanter sind denn je.

In der «Massenpsychologie» geht Freud der Frage nach, was mit den Menschen geschieht, wenn sie sich in einer Menge befinden. Denn, schreibt er, was in der Vereinzelung vielleicht ein gebildetes Individuum war, ist in der Masse ein «Barbar, d.h. ein Triebwesen». Warum aber werden die individuellen Hemmungen, die das soziale Zusammenleben erfordert, so leicht von dem überwältigt, was in uns «grausam, brutal und destruktiv» ist? Und wie kommt es, dass die Masse einen Anführer zu brauchen scheint, einen Helden, dem sie sich mit Freude unterwirft? Menschenmassen sind im Grunde nur kurzfristige Ballungen, die sich schnell wieder auflösen, sobald ihre Aufgabe erfüllt ist, aber sie sind eigentümlich «autoritätssüchtig». Sie mögen anarchisch wirken, verhalten sich aber beeinflussbar, fortschrittsfeindlich und traditionsbewusst – wie «eine folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag». Freud argumentiert, dass weder Suggestion noch Ansteckung, also die Idee, dass wir die Menschen um uns herum nachahmen, den paradoxen Charakter der Masse als mitreissend, aggressiv und unterwürfig zugleich erklären kann. Vielmehr seien es die Liebe und all die emotionalen Bindungen, durch die sie zum Ausdruck kommt, die Menschen in einer Menge vereinen. Das mag angesichts der leidenschaftlichen Wut, die sie an den Tag legt, kontraintuitiv erscheinen, aber es lohnt sich, Freud hier zu folgen. Denn erstens: Freud’sche Liebe ist keine sentimentale Angelegenheit. Sie umfasst ein breites Spektrum von Gefühlen, das von Selbstliebe oder Narzissmus über Freundschaft und «allgemeine Menschenliebe» bis zur Intensität sexueller Vereinigungen reicht. Und solche libidinösen, durch sexuelle Energie genährten Bindungen sind es laut Freud, die eine Gruppe von einer blossen Ansammlung von Individuen unterscheidet – ganz unabhängig davon, ob das Zusammenkommen spontaner und kurzlebiger Natur ist (wie im Rahmen einer Kundgebung) oder institutionalisiert (wie innerhalb von Kirche oder Armee). Freud ist Realist genug, um anzuerkennen, dass offenkundig liebevolle, intime Beziehungen zwischen Menschen immer mit Feindseligkeit vermengt sind. Man denke nur an die «Antipathie» zwischen Ehemann und Ehefrau oder an andere Gefühle, die langfristige Beziehungen prägen, sei es zwischen Geschäftspartnern, Nachbarstädten, West- und Ostdeutschen oder Engländern und Schotten. Liebe und Hass sind stets eng miteinander verbunden.

«Menschenmassen sind im Grunde nur kurzfristige Ballungen, die sich schnell wieder auflösen, sobald ihre Aufgabe erfüllt ist, aber sie sind eigentümlich ‹autoritätssüchtig›.»

Die Feindseligkeit, die intime Beziehungen durchdringt, verblasst allerdings im Vergleich mit der Aggression, die wir gegen Menschen zu richten bereit sind, die wir nicht kennen. Dort ist unsere «Bereitschaft zum Hass» durchgängig wahrnehmbar. Umso bemerkenswerter sei es, schreibt Freud, dass diese Antipathien in der Masse verschwänden. Die Gruppe verschmilzt, während sie hasserfüllten Emotionen Luft macht; das scheint uns jetzt so weit plausibel, denn der gegen den anderen gerichtete Hass hat sich als verlässliche Quelle der Solidarität herausgestellt. Freud skizziert aber auch ein weniger unmittelbar eingängiges Szenario: Die Mitglieder eines Kollektivs verzichten untereinander auf die übliche Rivalität und…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»