Das Leben und Sterben von Bewegungen
Dieter Rucht, fotografiert von Kai Horstmann.

Das Leben und Sterben von Bewegungen

Wie soziale Bewegungen entstehen, sich entfalten und auswirken.

Hongkong, Venezuela, Moskau, Gelbwesten, Fridays for Future: Wer in diesen Tagen und Wochen die Nachrichten verfolgt, wird mit einer Fülle von Protesten konfrontiert. Es sind politische Kampagnen oder soziale Bewegungen mit ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Forderungen, Protestformen, Dynamiken und Wirkungen. Aber gibt es jenseits der Besonderheiten konkreter Erscheinungsformen Entstehungsmuster und Entwicklungsdynamiken? Gibt es sogar ein generelles Verlaufsschema, das lediglich im raumzeitlichen Kontext variiert wird? In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwogen Vorstellungen eines «natürlichen Lebenszyklus», der mit der Institutionalisierung bzw. Oligarchisierung der sozialen Bewegung sein Ende findet. Ein komplexeres Entwicklungsmodell mit insgesamt acht Entwicklungsstufen, die aber nicht alle zwingend durchlaufen werden, hat der Soziologe Otthein Rammstedt 1978 präsentiert. Angesichts der Vielfalt empirischer Bewegungsformen erscheint mir jedoch die Unterstellung einer quasiuniversellen Bewegungsphysik unhaltbar. Aber diese Vielfalt ist nicht unendlich. Vielmehr lassen sich bestimmte Grundmuster der Entstehungs- und Entwicklungsdynamik sozialer Bewegungen feststellen.

I. Entstehungsmuster

Keine Bewegung entsteht aus dem Nichts, auch wenn die Öffentlichkeit, am Tropf der Tagesaktualität hängend, vom plötzlichen Auftritt einer Bewegung überrascht sein mag. Es existiert immer eine kürzere oder längere Vorgeschichte, sei es der schwelende unorganisierte Unmut, sei es der zunächst kaum beachtete Auftritt einzelner lokaler Gruppen, sei es ein punktueller Anlass, der einen Flächenbrand oder gar eine singuläre Explosion auslöst. Unzufriedenheit, Benachteiligung, Entrechtung, zuweilen aber auch das Bestreben, eigene Privilegien zu verteidigen, sind der unverzichtbare, aber keineswegs hinreichende Rohstoff, um eine Bewegung in Gang zu bringen und in Gang zu halten. Andere Faktoren, darunter Organisatorinnen und Organisatoren, die die Dinge in die Hand nehmen und zu Protest aufrufen, nicht zuletzt auch die Aussicht, mit Protest etwas bewirken zu können, müssen dazukommen. Es lassen sich drei Muster der Entstehung sozialer Bewegungen erkennen.

Reifeprozess: Bewegungen können langsam und gleichsam organisch heranreifen, um allmählich an Kraft zu gewinnen und sich zu verbreitern. In diesem Fall sind es oft schon länger bestehende Gruppen und Organisationen, die eine übergreifende Problemdeutung entwickeln, enger zusammenrücken und schliesslich gemeinsam handeln. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die seit den 1940er Jahren Konturen annahm und zunächst vor allem von afroamerikanischen Kirchgemeinden getragen wurde.

Strategische Planung: Bewegungen können, und mehr noch thematisch und zeitlich enger begrenzte politische Kampagnen, ein Produkt strategischer Entscheidung einzelner Personen sein, die gezielt eine Bewegung ins Leben rufen und ihr von Beginn an einen strukturellen Unterbau verleihen. Beispielhaft dafür ist die Initiierung der proeuropäischen Kampagne «Pulse of Europe» und die Gründung der linken Sammlungsbewegung #unteilbar in Deutschland durch die prominente Parteipolitikerin Sahra Wagenknecht.

Spontane Eruption: Bewegungen können spontan und relativ unvermittelt aufgrund einer besonderen Bedingungskonstellation, z.B. einer akuten Krisensituation, einer folgenreichen politischen Weichenstellung oder eines markanten politischen Missstandes oder Skandals, entstehen und sich eruptiv Bahn brechen. Dieses Muster war bei den Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten und einigen weiteren Ländern im Jahr 2011 zu beobachten. Bewegungen dieser Art fehlt es meist an organisatorischen Mitteln und strategischen Fähigkeiten, um langfristig und kontinuierlich politischen Druck zu entfalten. Manchmal sind es auch besondere Aktionsformen wie die wochen- oder monatelange Besetzung öffentlicher Plätze, die eine Beteiligung grösserer Bevölkerungskreise erschweren und schon qua Form kaum von Dauer sein können.

II. Entwicklungsdynamiken

Sofern sich Bewegungen über den Zeitraum von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten halten können, sind verschiedene Verlaufsformen festzustellen. Manche Bewegungen werden durch eine Abfolge immer neuer phasenspezifischer Themenschwerpunkte in Gang gehalten und weisen unregelmässige Mobilisierungswellen auf. Das gilt beispielsweise für die Frauenbewegung, die zunächst vor allem auf die Öffnung von Bildungseinrichtungen und Berufsgängen für Frauen, dann auf das Frauenwahlrecht, später auf angemessene Repräsentanz in öffentlichen Ämtern, geschlechtsneutrale Entlohnung, reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung und vieles mehr drängte. Teilweise in Verbindung mit diesen thematischen Schwerpunkten wurden auch mehrere zeitlich aufeinanderfolgende Generationen der Frauenbewegung identifiziert. Mit…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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