Wer ist hier eigentlich «das Volk»?

Wen meinen wir, wenn wir «wir» sagen? Ohne eine Antwort darauf sind die aktuellen Massenbewegungen nicht zu verstehen.

Wer ist hier eigentlich «das Volk»?
Pascal Bruckner, fotografiert von Lea Crespi / Le Figaro Magazine / laif.

Als die französischen Revolutionäre die Dreiteilung der Bevölkerung in Adel, Klerus und den dritten Stand aufhoben und neu definierten, was «das Volk» sei, glaubten sie zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie wurden Gott los, der das Fundament der alten sozialen Ordnung gewesen war, und schufen ein vermeintlich unantastbares neues Fundament für die entstehende Republik. Ihr neuer Demos bestand nicht wie im alten Griechenland aus einer kleinen Gruppe von Bürgern, die Sklaven und Fremden ohne politische Rechte gegenüberstand, sondern aus einer breiten Masse von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, die sich gegen Mitglieder des Klerus, Aristokraten, Staatsparasiten und Spekulanten auflehnte.

Angriff der Stammeskrieger

Und es scheint, als hätten die Revolutionäre die politische Ideengeschichte vor ein ähnlich unergründliches Rätsel gestellt wie der Gottesbeweis die Theologen, denn seit 1789 kämpfen politische Ideologien darum, den Begriff «Volk» für sich zu vereinnahmen. Handelt es sich vielleicht um einen modernen Adelstitel? Im wesentlichen lassen sich heute drei Konzeptionen unterscheiden: das Volk als eigentliches Wahlvolk, als die Gruppe der Unterprivilegierten oder Proletarier und schliesslich als diejenige der unterdrückten Minderheiten. Während noch Karl Marx selbst sich weigerte, die Arbeiterklasse mit den Unterprivilegierten zu verwechseln – die Arbeiterschaft galt ihm als Triebkraft der Geschichte, letztere hingegen war nur die amorphe Masse des «Lumpenproletariats», die immer in Versuchung war, eine Allianz mit der herrschenden Klasse einzugehen –, hat das Aufkommen neuer Kategorien von Unterdrückten (nämlich Einwanderer, Kriminelle, Flüchtlinge, Homosexuelle, Frauen, Kinder und so weiter) unsere Vorstellung davon, was das Volk sei, komplett durcheinandergewirbelt.

Ein Wahlvolk, das über Gesetze abstimmen und die eine oder andere Partei an die Macht bringen kann, läuft immer auch Gefahr, eine «Tyrannei der Mehrheit» hervorzubringen, wie Tocqueville am Beispiel der Vereinigten Staaten vorgetragen hat. In totalitären, faschistischen oder kommunistischen Regimes wird jeder, der sich dem von der Partei geführten Volk widersetzt, zum Feind der Menschheit erklärt und muss umerzogen oder eliminiert werden. Die Partei und insbesondere deren Anführer verkörpern den Willen der Bevölkerung auf höchster Ebene – sie wissen schliesslich am besten, was gut für sie sei. Meinungsvielfalt, Presse- und Religionsfreiheit und das Mehrparteiensystem werden verboten, streng kontrolliert oder existieren nur noch auf dem Papier. Die Französische Revolution mit ihrer Terrorherrschaft und den Notstandsgesetzen hat kurz und blutig, wie sie eben war, die totalitären Episoden des 20. und 21. Jahrhunderts vorweggenommen. Mittlerweile sind neue Protagonisten, die man die «Unangepassten» nennen kann, auf die politische Bühne getreten: Anarchisten, Zadisten, Sans Papiers, Indigene, Öko-Krieger und Dissidenten stellen die eingespielten demokratischen Verfahren auf den Kopf und begegnen ihnen mit dem Zorn ausgeschlossener Stammeskrieger. Diese Unsichtbaren von gestern stehen heute im Rampenlicht. Sie sind das neue Volk, das sich im Widerstand gegen die Privilegien des alten geformt hat. Das Paradoxe an diesen Bewegungen ist, dass sie sich für authentischer halten als den Rest der Bevölkerung – dabei ist genau das, was das Volk ausmacht, dass es sich über die Unmöglichkeit definiert, sich selbst zu definieren, und es fühlt sich gekränkt, wenn man es auf eine Formel bringen oder…

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