Kaspar Villiger, fotografiert von Philipp Baer.

In der Debatte ist der Wurm drin

Die Art des Umgangs in der Politik ist mehr als eine Frage der guten Kinderstube. Sie schlägt direkt auf die Substanz der politischen Arbeit durch.

I

Mit Sprache vermitteln wir Inhalte. Die Art und Weise aber, wie wir Inhalte in Sprache umsetzen, bezeichnen wir als Stil. Stil reichert Sprache mit Emotionen an, die ihrerseits wiederum Inhalte aller Art reflektieren. Stil ist also nicht einfach eine ab­strakte Weise der sprachlichen Darstellung. Stil ist auch Sub­stanz. In der Politik kann die Wahl des Stils es ausmachen, ob ein Inhalt subversiv zerstörerisch oder konstruktiv aufbauend wirkt. Der politische Stil hat deshalb weitreichenden Einfluss auf das gesamte politische Klima. Und dieses Klima bestimmt mit, ob das stets verletzliche und fragile Gebilde der Demokratie erfolgreich ist oder nicht.

II

Gute Politik ist die Kunst, durch geeignete Institutionen und durch die Pflege einer konstruktiven politischen Kultur normalen Menschen mit ihren Stärken und Schwächen ein selbstbestimmtes Leben in Würde, Wohlstand und Sicherheit zu ermöglichen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Menschen herausfanden, wie das für moderne Massengesellschaften bewerkstelligt werden kann. Während Jahrtausenden waren für die überwältigende Mehrheit der Menschen Not, Armut, Gewalt, Krieg, Hunger und Krankheit Normalität. Erst die Aufklärung schuf die Grundlage für eine spektakuläre Wende. Durch Gedankenfreiheit, Alphabetisierung und Buchdruck wurden gesellschaftliche und religiöse Verkrustungen aufgebrochen. Vernunft, Wissenschaft, Unternehmertum und befreite Märkte ermöglichten in den letzten zweihundert Jahren eine explosive Zunahme des globalen Wohlstandes. Praktisch alle Kennziffern menschlichen Wohlergehens – angefangen bei der Lebenserwartung und der Überlebensrate von Kindern und Müttern über die Erfolge bei der Krankheitsbekämpfung und der Versorgung mit Kalorien pro Kopf und Tag bis zur Abnahme des Analphabetentums – entwickelten sich ähnlich dynamisch. Damit hat sich die Lebenssituation sogar in Ländern signifikant verbessert, die nach wie vor autokratisch regiert werden. Aber erst die Demokratie, eine nach tausend teils katastrophalen Irrungen und Wirrungen entwickelte komplexe Regierungsform, ermöglichte ihren Bürgerinnen und Bürgern ein wirklich menschenwürdiges Leben, und auch das nur, wenn eine kluge Balance zwischen den Säulen Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft gefunden werden konnte. Als fragiles Menschenwerk ist allerdings die Demokratie, die sich in unterschiedlichsten Varianten herausgebildet hat, nach wie vor für menschliche Irrungen und Wirrungen anfällig. Sie bedarf der sorgfältigen Pflege.

III

Dass das gute Zusammenleben von Menschen in einem Staat so schwierig ist, hat viel mit deren Schwächen zu tun. Dazu gehören die sogenannten kognitiven Verzerrungen, die grossenteils evolutionsbiologisch bedingt sind und gegen die niemand von uns gefeit ist. Ich will nur wenige davon aufzählen: Wir empfinden eine negative Erfahrung intensiver als eine positive mit vergleichbarer Substanz. Je wichtiger ein Entscheid für uns ist, desto grösser ist unsere Neigung zu irrationalem Verhalten. Wir gewichten Argumente, die unsere vorgefassten Meinungen stützen, stärker als solche, die ihnen widersprechen. Von Daniel Kahneman wissen wir, dass unser Hirn bei unerwarteten Ereignissen spontan und auf der dürftigen Basis zufällig gespeicherter und für die Bewertung des Ereignisses mehr oder weniger geeigneter Fakten Schlussfolgerungen produziert, die – obwohl sie uns selber durch intuitive Plausibilität überzeugen – kreuzfalsch sein können. Wir lieben es, bei negativ bewerteten Ereignissen Schuldige an deren Entstehung zu finden, und wir lieben es, diese bestraft zu sehen.…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»