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Warum der europäische
Kontinent keine Tech-Giganten hervorbringt – und wie sich das ändern lässt

Einst war Europa ein Hort der technologischen Innovation. Heute ist der Kontinent vor allem Absatzmarkt und Datenlieferant für amerikanische und chinesische Technologiekonzerne. Die digitale Wertschöpfung findet längst anderswo statt – doch Europa könnte diesen Niedergang noch umkehren.

Warum der europäische  Kontinent keine Tech-Giganten hervorbringt – und wie sich das ändern lässt
Wo einst das World Wide Web entstand, zeigt sich heute Europas verblassender Anspruch auf die Pole-Position im Technologiebereich. Das CERN in Genf. Bild: Keystone/Christian Beutler.

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Europa verfügt über Talent, bahnbrechende Ideen und reichlich Kapital. Viele der Innovationen, die den Grundstein der digitalen Revolution legten, stammen sogar aus Europa – darunter das World Wide Web, entwickelt am CERN in Genf. Warum also ist es unserem Kontinent bis heute nicht gelungen, einen globalen Technologiekonzern hervorzubringen, der mit den Giganten aus den USA oder China mithalten kann?

Oft werden die Bürokratie oder eine angeblich tief verwurzelte Risikoaversion als Erklärung angeführt. Doch solche Klischees lenken vom eigentlichen Problem ab. Europa fehlt vor allem die Nachfrage nach eigener Technologie. Statt konsequent in unsere eigenen Fähigkeiten zu investieren, kaufen wir digitale Infrastruktur und technologische Schlüsselprodukte lieber im Ausland ein – eine strategische Fehlentscheidung mit potentiell gravierenden Folgen für die wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents.

Geopolitik der Daten

Die Ursache dafür liegt mehr als dreissig Jahre zurück – in einem grundlegenden Missverständnis der europäischen Politik- und Wirtschaftseliten über das Wesen von Technologie. Technologie wurde lange vor allem als Kostenfaktor betrachtet. Wer sie so versteht, versucht zwangsläufig, diese Kosten zu optimieren oder auszulagern – und verlegt die technologische Entwicklung damit in grossem Stil in die USA und nach China.

Tatsächlich ist Technologie jedoch kein blosser Kostenpunkt, sondern der zentrale Baustein der zukünftigen Wirtschaft – so wie die Dampfmaschine im 19. Jahrhundert die Grundlage für Industrialisierung und Wohlstand bildete. Europa und die Schweiz adaptierten die industrielle Revolution rasch. Im digitalen Zeitalter gelingt uns dies jedoch nicht mehr. Heute beziehen wir den überwiegenden Teil unserer Technologie aus dem Ausland. Weil Forschung und Entwicklung vor allem in den USA und China stattfinden, konnten wir die entscheidenden Kompetenzen und Talente nie in ausreichendem Mass aufbauen, um diese Technologien selbst zu skalieren und weiterzuentwickeln. Europa kontrolliert weder die Hardware noch die Rechenzentren, weder die Chips noch die Software, weder die Vertriebswege noch das entscheidende Know-how.

Hinzu kommt ein weiterer Unterschied zur industriellen Revolution: Während sich die Dampfmaschine über Jahrzehnte verbreitete, kann die digitale Technologie heute innerhalb kürzester Zeit global skaliert werden. Klassische Markteintrittsbarrieren existieren kaum noch.

Heute bezahlt Europa den Preis für diese jahrzehntelange Vernachlässigung technologischer Investitionen. Seit der Jahrtausendwende wurde ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums in den USA und China vom boomenden Technologiesektor getragen – mit jährlichen Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent. Europa hingegen verharrt vielerorts bei null bis einem Prozent Wachstum. Da immer mehr Branchen technologisch geprägt werden, geraten inzwischen selbst jene Industrien unter Druck, in denen Europa traditionell stark war. Wer versteht, dass ein modernes Auto heute mehr mit einem Smartphone gemeinsam hat als mit den Fahrzeugen von vor zehn Jahren, erkennt auch, weshalb die europäische Autoindustrie zunehmend gegenüber der aufstrebenden chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen gerät. Dieses Muster dürfte sich in zahlreichen weiteren Branchen wiederholen, je stärker traditionelle Industrien durch digitale Technologien und künstliche Intelligenz umgewälzt werden.

Europa ist heute leider kaum mehr als eine digitale Kolonie. Amerikanische und chinesische Technologiekonzerne kommen hierher, extrahieren die wertvollste Ressource des 21. Jahrhunderts – Daten – und verwandeln sie in hochprofitable Dienstleistungen, für die die Schweiz und Europa mangels eigener Alternativen enorme Summen aufwenden. Gleichzeitig bezahlen diese Unternehmen auf ihre gewaltigen Gewinne oft nur minimale Steuern. Im Kern reproduziert dieses Modell digitale Formen kolonialer Wertschöpfung: Rohstoffe werden abgeschöpft, die eigentliche Wertschöpfung findet anderswo statt. Ein Muster, das schon im 19. Jahrhundert für die kolonisierten Länder selten gut endete.

Europas wirtschaftspolitischer Selbstmord

Wie kann Europa zu einer technologischen Supermacht werden? Der erste Schritt ist ein grundlegender Mentalitätswandel. Technologie darf nicht länger als Kostenfaktor betrachtet werden, den es zu minimieren gilt, sondern als Investition in die gemeinsame wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents. Wer Technologie als Grundlage künftigen Wohlstands versteht, versucht nicht mehr, möglichst wenig auszugeben, sondern gezielt und ambitioniert zu investieren. Europa hat im technologischen Sektor viel zu lange nach dem Prinzip gehandelt: wenig investieren, wenig verlieren. Die USA und China hingegen investierten viel, um viel zu gewinnen. Genau diese Dynamik müssen wir durchbrechen – solange Europa noch über den nötigen Wohlstand verfügt und bevor Kapital, Talente und Wertschöpfung endgültig ins Ausland abwandern.

«Technologie darf nicht länger als Kostenfaktor betrachtet werden, den es zu minimieren gilt, sondern als Investition in die gemeinsame wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents.»

Heute gibt Europa jährlich rund 200 Milliarden Euro für ausländische Technologie aus – ein erheblicher Teil davon über öffentliche Aufträge. Mit anderen Worten: Unsere Steuergelder finanzieren direkt den Aufstieg ausländischer Technologiekonzerne, die anschliessend europäische Unternehmen in deren Heimatmärkten verdrängen. Europa subventioniert damit faktisch seine eigene digitale Abhängigkeit. Diese wirtschaftspolitische Selbstschwächung muss ein Ende haben.

Privaten Unternehmen kann man kaum vorschreiben, welche Technologien sie einkaufen sollen. Bei öffentlichen Verwaltungen ist das anders: Hier geht es um Steuergelder. Europa braucht deshalb eine klare europäische Präferenz bei der öffentlichen Beschaffung von Technologie. Auf den ersten Blick mag das wie eine radikale Forderung erscheinen. Tatsächlich ist sie das überhaupt nicht. Die Vereinigten Staaten nutzen seit Jahrzehnten gezielt öffentliche Aufträge und verteidigungsbezogene Ausgaben, um ihre Technologiekonzerne bereits in der Aufbauphase zu fördern. China setzt seinerseits enorme staatlich gestützte Kaufkraft ein, um nationalen Schlüsselindustrien die notwendige Skalierung zu verschaffen. In einer Welt, in der sowohl die USA als auch China ihre eigenen Unternehmen offen bevorzugen, wirkt nicht diese Strategie radikal, sondern vielmehr Europas Weigerung, dasselbe zu tun.

Funktioniert Protektionismus im Technologiebereich? Ja – und China ist dafür das wohl deutlichste Beispiel. Indem das Land amerikanische Technologiekonzerne weitgehend vom eigenen Markt fernhielt, schuf es die Voraussetzungen für den Aufbau eines mächtigen heimischen Technologieökosystems. Die Vereinigten Staaten verfolgten über Jahrzehnte eine ähnliche Strategie – wenn auch auf ihre eigene Weise. Strategisch wichtige Technologieunternehmen erhielten in ihrer Wachstumsphase milliardenschwere Staatsaufträge und umfangreiche öffentliche Finanzierung. Microsoft, Amazon, Palantir, Tesla und SpaceX profitierten allesamt von diesem Ansatz. Europa handelte einst ähnlich. Airbus ist dafür ein Paradebeispiel. Heute jedoch fehlt Europa eine kohärente industriepolitische Strategie im Technologiebereich. Statt gezielt eigene Champions aufzubauen, hoffen wir darauf, dass Erfolg zufällig entsteht.

Manche argumentieren, Technologie aus Europa sei schlicht zu teuer. Doch oft stimmt nicht einmal das. Proton Workspace etwa ist günstiger als Google Workspace oder Microsoft 365 – und ähnliche Beispiele gibt es viele. Aber selbst wenn europäische Lösungen im Einzelfall teurer wären, greift dieser Vergleich zu kurz. Der reine Anschaffungspreis ist nur ein Teil der Rechnung. Europäische Unternehmen zahlen hier Steuern, schaffen hier Arbeitsplätze und investieren hier. Die Beschäftigten wiederum konsumieren und versteuern ihr Einkommen ebenfalls in Europa. Noch wichtiger aber sind jene Faktoren, die sich kaum in Geld bemessen lassen: die Wahrung der europäischen Souveränität und die Sicherung der strategischen Autonomie.

Gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen

Zweitens muss Europa entschlossener gegen die wettbewerbsverzerrenden Praktiken der amerikanischen Technologiekonzerne vorgehen. Apple und Google kontrollieren faktisch ein Duopol über das mobile Ökosystem und verlangen von europäischen Unternehmen bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes – nicht ihres Gewinns – auf Verkäufe über ihre Plattformen. Das ist besonders brisant, weil das Smartphone inzwischen zur dominierenden digitalen Plattform geworden ist und den klassischen Desktop längst verdrängt hat. Konkret bedeutet das: Verkauft Proton auf iOS Dienstleistungen im Wert von 100 Franken, gehen 30 Franken direkt an Apple. Auf Android geschieht dasselbe mit Google. Da ein immer grösserer Teil des Onlinehandels heute mobil stattfindet, wird faire Konkurrenz dadurch nahezu unmöglich. Europäische Unternehmen sind faktisch gezwungen, ihre mächtigsten Wettbewerber indirekt zu finanzieren.

Drittens muss Europa seine offensichtlichen strukturellen Nachteile überwinden. In den USA kann ein Technologieunternehmen seine Produkte sofort in einem Markt mit rund 350 Millionen Menschen lancieren – mit einer gemeinsamen Sprache, einem einheitlichen Rechtssystem und einer einzigen Währung. Europäische Unternehmen hingegen sehen sich mit einem Flickenteppich aus Sprachen, Regulierungen, Steuersystemen und teilweise unterschiedlichen Währungen konfrontiert. Das bremst Wachstum, erhöht Kosten und erschwert Skalierung. Europa muss deshalb seine nationalen Egoismen überwinden und den Blick stärker auf ein gemeinsames europäisches Interesse richten. Denn letztlich gilt: Entweder behauptet Europa sich gemeinsam – oder es verliert gemeinsam.

Würde man statt einer europäischen Präferenz lediglich nationale Präferenzen einführen, entstünde zwangsläufig eine neue Fragmentierung des Kontinents. Die Schweiz würde Schweizer Lösungen bevorzugen, Frankreich französische, Deutschland deutsche und so weiter. Das Ergebnis wäre ein Flickenteppich kleiner nationaler Teilmärkte, von denen keiner gross genug wäre, um jene Skaleneffekte hervorzubringen, die global konkurrenzfähige Technologieunternehmen benötigen. Nur wenn Europa das gemeinsame Interesse über nationale Einzelinteressen stellt, besteht überhaupt die Chance, im technologischen Wettbewerb zu bestehen. Denn anders als die Wirtschaftsmodelle der Vergangenheit belohnt die digitale Ökonomie vor allem eines: Skalierung.

«Nur wenn Europa das gemeinsame Interesse über nationale Einzelinteressen stellt, besteht überhaupt die Chance, im technologischen Wettbewerb zu bestehen.»

Schliesslich muss Europa jene menschlichen Werte stärken, die unseren Kontinent bis heute einzigartig machen – und gerade hier kann die Schweiz eine führende Rolle übernehmen. In einer Welt, in der Technologie immer dominanter wird, werden Werte wie Privatsphäre, Sicherheit und Vertrauen zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Genau darin liegt Europas Chance. Deshalb müssen Vorschläge wie die revidierte Verordnung über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (VÜPF) entschieden zurückgewiesen werden, die chinesisch anmutende Formen anlassloser Massenüberwachung in die Schweiz bringen würden. Solche Massnahmen untergraben nicht nur Grundrechte, sondern auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Technologieunternehmen. Europa wird nicht erfolgreich sein, indem es das Silicon Valley oder China kopiert und dafür Privatsphäre sowie Menschenrechte opfert. Erfolgreich wird Europa dann sein, wenn es seine traditionelle Stärke – das Vertrauen – konsequent in das digitale Zeitalter überführt.

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