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Die wichtigsten Hebel zum langen Leben kannte schon meine Oma
Schwitzen für ein langes Leben: Der Autor beim Sporttest in der Longevity-Klinik. Bild: Alex Buxeda.

Die wichtigsten Hebel zum langen Leben kannte schon meine Oma

Mit massgeschneiderten Behandlungen wollen uns «Longevity»-Spezialisten helfen, möglichst alt zu werden. Aber eigentlich hilft es viel mehr, der Natur zu folgen.

Wie lange werde ich leben? Das würde ich gern genauer wissen. Als ich die Resultate meines «Longevity Check-ups» sehe, bin ich aber nicht gerade optimistisch.

Ich sitze in den Räumlichkeiten von Ayun, einer Langlebigkeitsklinik in Zürich. Der leitende Arzt Oliver Boekels erklärt mir am Bildschirm die Ergebnisse der verschiedenen Tests. Grün bedeutet: sehr gut. Gelb ist durchschnittlich, orange und rot schlecht.

Bei der körperlichen Leistungsfähigkeit ist alles im grünen Bereich. Der VO2max – der Wert gibt an, wie viel Sauerstoff der Körper maximal verwerten kann – lässt nichts zu wünschen übrig. Und der so genannte DEXA-Scan hat wenig Fett um die Organe gefunden.

Bei der Knochendichte ist das Ergebnis immerhin durchschnittlich. Bei den Beständen von Vitamin D, Eisen oder Omega-3-Fettsäuren bin ich jedoch im roten Bereich. Zudem habe ich eine schlechte Verträglichkeit für Gluten. Und meine Mitochondrien – sie sind sozusagen die «Kraftwerke» der Zellen und spielen offenbar eine wichtige Rolle im Alterungsprozess – schneiden richtig schlecht ab. «Sie laufen nicht mal auf halber Kraft», erklärt Boekels. Ich muss erst einmal leer schlucken.

Bryan Johnson treibt es auf die Spitze

Ayun ist nur eines von vielen Angeboten im Bereich «Longevity» (neudeutsch für Langlebigkeit), die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind. Es gibt spezielle Behandlungen, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel: Das Thema liegt im Trend. Am intensivsten forciert ihn der amerikanische Unternehmer Bryan Johnson. Er hat einen guten Teil seines Vermögens in das Vorhaben gesteckt, möglichst lange zu leben. Jeden Tag wirft er mehrere Dutzend Pillen ein; sein Tagesablauf ist strikt durchgetaktet, damit er genug Schlaf bekommt, zur perfekten Zeit das Richtige isst und die richtigen Sportübungen macht.

So weit gehen Boekels und seine Klinik nicht. Aber sie bieten zahlreiche Möglichkeiten an, die einem ein längeres gesundes Leben ermöglichen sollen. Dabei grenzt man sich von der Schulmedizin ab.

Als ich die Räumlichkeiten das erste Mal betrete, habe ich das Gefühl, in einer Mischung aus Beauty-Salon und Fitnesscenter zu sein. Ayun verkauft Longevity als Lifestyle. Im Gespräch betont Oliver Boekels mehrfach, man biete eine individualisierte Behandlung an, die auf einen gesünderen Lebensstil fokussiere. Damit will er sich abgrenzen von der Schulmedizin, die sich aus seiner Sicht zu stark auf Symptombekämpfung beschränke.

«Als ich die Räumlichkeiten das erste Mal betrete, habe ich das Gefühl, in einer Mischung aus Beauty-Salon und Fitnesscenter zu sein.»

Gleichzeitig sieht Boekels seine Klinik an der vordersten Front des wissenschaftlichen Fortschritts. «In den letzten Jahren gab es einen regelrechten Sprung an Erkenntnissen», sagt er. Er nennt eine Reihe von Behandlungen, die man bei Ayun machen kann: Rotlichttherapie, Kältekammer oder hyperbare Sauerstofftherapie. Bei solchen Begriffen verstehe ich erst einmal nur Bahnhof. Bringt das alles tatsächlich etwas?

Drei Bereiche, 80 Prozent der Wirkung

Einen anderen Ansatz verfolgt der Forscher und Filmemacher Dan Buettner in seinen Arbeiten zu den so genannten «blauen Zonen». Er hat verschiedene Orte auf der Welt besucht, in denen die Leute angeblich besonders lange leben. Die Message: Die Schlüssel für ein langes Leben liegen in Griffnähe, in der Natur – in gesunder Ernährung, Bewegung oder sozialen Beziehungen. Man muss sich nur an jenen orientieren, die sie erfolgreich anwenden. Allerdings ist in der jüngeren Vergangenheit Kritik am Konzept der «blauen Zonen» aufgekommen: Die Qualität der Daten, welche die hohe Lebenserwartung der Menschen dort belegen sollen, sei zu schlecht. Sogar von Betrug ist die Rede.

Was gilt nun? Heike Bischoff-Ferrari, Professorin für Geriatrie an der Universität Basel, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Alterungsprozess. Sie sieht im Wesentlichen sieben Hebel für ein langes, gesundes Leben: genügend Schlaf (7 bis 8 Stunden pro Tag), Bewegung, neue Dinge Lernen, Umgang mit Stress, gesunde Ernährung (zum Beispiel mediterran), soziale Interaktion und nicht rauchen. Zur Wirksamkeit von Medikamenten und medizinischen Eingriffen sagt sie: «Dafür gibt es bis jetzt keine Belege.»

Die Ratschläge tönen vernünftig, aber etwas in die Richtung hätten wohl auch unsere Grosseltern gesagt, wenn man sie nach dem Rezept für ein langes Leben gefragt hätte. Braucht es am Ende nicht mehr als diese «Hausmittelchen»? Boekels sieht das etwas anders. Aber auch er sagt, der wichtigste Hebel sei der Lebensstil. «Mit Ernährung, genug Schlaf und Bewegung erzielen Sie 80 Prozent der Wirkung.»

Ich will es genauer wissen und mache den «Longevity Check-up». Ich lasse mir Blut entnehmen und lege mich in eine Röhre, in welcher der DEXA-Scan gemacht wird. Zudem muss ich eine Reihe von Fragebogen ausfüllen und am Ende einen Sporttest absolvieren.

Lange Einkaufsliste

Die Resultate erstaunen mich. Bei meinem Lebensstil scheint das Longevity-Potenzial begrenzt zu sein. Zwar kann ich laut Boekels durchaus etwas herausholen mit einer Umstellung meiner Ernährung und meinem Sportprogramm. Er empfiehlt mehr Muskelaufbau, zudem sollte ich möglichst auf Gluten verzichten. Das heisst: möglichst wenig Pasta, Pizza und Bier. Ich muss wieder leer schlucken.

Doch auch wenn ich diese Empfehlungen umsetze, brauche ich laut Boekels zusätzlich noch Supplements – und nicht zu wenige. Vitamin D, Omega-3, Eisen – insgesamt neun Supplements stehen auf meiner Empfehlungsliste, inklusive Links zu einem entsprechenden Online-Shop, wo ich praktischerweise als Kunde der Klinik 10 Prozent Rabatt erhalte. Boekels empfiehlt mir, die Supplements zu nehmen und in drei Monaten einen neuen Test zu machen.

«Boekels empfiehlt mehr Muskelaufbau, zudem sollte ich möglichst auf Gluten verzichten. Das heisst: möglichst wenig Pasta, Pizza und Bier. Ich muss leer schlucken.»

Ein Bier muss drinliegen

Ich bin nicht wirklich überzeugt. Zu Hause scrolle ich durch die Supplements, lege sie in den Warenkorb, schicke die Bestellung aber nicht ab.

Ich habe das Gefühl, dass ich bei den sieben Hebeln, die mir Bischoff-Ferrari genannt hat, mehr Potenzial habe. Mein Stresslevel könnte definitiv gesenkt werden. Auch etwas mehr Schlaf würde mir guttun. Und natürlich soziale Beziehungen.

Einen Tag, nachdem ich die Resultate bekommen habe, mache ich mit Freunden und unseren Kindern eine Velotour. Unterwegs grillieren wir. Das Menu würde wohl keinen Longevity-Test bestehen. Auch ein Bier genehmige ich mir. Aber wer ab und zu mit Freunden anstösst, minimiert wohl kaum seine Lebenserwartung. Und sonst sind die Supplements immer noch in meinem Warenkorb im Onlineshop.

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