Der Mensch zwischen Biologie und Genderstern
Ein Westen, der nicht mehr unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Natur und Kultur, wird bald nicht mehr unterscheiden können zwischen Sinn und Schwachsinn.
Was hat die Genderforschung, die seit Jahren westliche Identitätsdebatten dominiert, für ein Verständnis von der Natur des Menschen? Das ist nicht einfach zu sagen. Die Bedeutung des menschlichen Leibes mit seinen biologischen Grenzen scheint eine geringfügige Rolle zu spielen, wenn Genderforscher sprechen. Im Vordergrund stehen soziale und kulturelle Konstrukte, um menschliche Realitäten zu erklären. Den Begriff «Natur» wendet man – wenn überhaupt – auf das Klima an, auf das Reich der Tiere, Wälder und Blumen. Aber nicht auf den Menschen.
Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Gegenwartskultur westlicher Prägung zwar grüne Parteien und eine wissenschaftlich fundierte Umweltökologie kennt, aber keine gleichwertige Humanökologie. Erkenntnisse aus Biologie, Evolutionsforschung oder Naturrecht werden kaum noch auf Mann und Frau angewendet, schon gar nicht auf die «natürliche Familie». In der Transgender-Bewegung werden das Ich und sein Empfinden zum Ausgangspunkt diverser Wunschidentitäten erhoben – mit dem Versprechen, aus dem Gefängnis der Biologie ausbrechen zu können. Es soll keine Naturordnung mehr geben, in die der Mensch unhintergehbar eingebunden ist. Erlaubt sind nur noch gesellschaftliche Konventionen, die im Namen der Freiheit zur Disposition stehen.
Rollenzwänge und fliessende Identitäten
Das steht im Kontrast zum jüdisch-christlichen Menschenbild, das den Westen über Jahrtausende geprägt hat. Gemäss Judentum und Christentum wurde der Mensch als Mann oder Frau geschaffen. Die Theologie beschreibt Mann und Frau mit einem materiellen Leib (irdischen Ursprungs) und einem transzendenten Geist (göttlichen Ursprungs). In dieser Lesart verfügt der Mensch zwar über eine materiell-körperliche sowie eine geistig-seelische Dimension, doch der Geist erhebt den Menschen nicht über die Natur. Der weibliche oder männliche Leib ist kein Anzug, den man wechseln kann, sondern eine materielle Realität, konstitutiv für beide Geschlechter.
Dieses Menschenbild soll verschwinden. Mit der Genderbewegung soll sich die Erkenntnis durchsetzen: Es gibt nur Rollenzwänge, die uns in weibliche und männliche Korsette sperren. Aber in Wahrheit sind unsere Identitäten fliessend.
Nun ist es gewiss richtig, dass vieles, was Frauen und Männer tun, gesellschaftlich-kulturell vorgegeben ist. Doch bedeutet dies zugleich, dass alles eine soziale Rolle ist, dass der Mensch nicht von der Natur geprägt wird? Es ist kein Zufall, dass die Genderbewegung mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften wenig anfangen kann. Die empirische Forschung auf dem Feld der Biologie oder Neurologie hat Elementares über Mann und Frau zu sagen. Sie interpretieren die Dualität der Geschlechter nicht als Kultur-, sondern als Naturvorgabe. Als eine Vorgabe, die auch mit elaborierten Gender-Sprachspielen nicht übergangen werden kann.
In gewisser Weise kann man sagen, dass der zeitgenössische Gendersprech sprachmagische Elemente aufweist. Normalerweise formt die Welt, die wir vorfinden, unsere Sprache. Wir sehen Bäume oder Vögel und suchen dazu passende Begriffe. Das ermöglicht Kommunikation, die Beschreibung von Daseinserfahrungen. Die Natur gibt vor, was ist, die Sprache nimmt es auf – nicht umgekehrt. Die Sprache ist kein Zauberstab, mit dem wir etwas in die Welt hineinbefehlen können, das vorher nicht da war. Doch genau so arbeitet die Gendersprache: Sie bezeichnet etwa 70 Geschlechter und beschreibt eine theoretisch unbegrenzte Anzahl gefühlter Identitäten, die in der Welt nicht vorkommen, so, wie eben Bäume oder Vögel vorkommen.
«Die Sprache ist kein Zauberstab, mit dem wir etwas in die Welt hineinbefehlen können, das vorher nicht da war.»
Das Ende der Aufklärung?
Diese Abkoppelung von der materiellen Welt ist typisch für die Genderbewegung. Geistesgeschichtlich reiht sie sich damit in die Tradition der Gnostiker ein (2. Jahrhundert). Die Gnostiker waren der Überzeugung, dass die niedrige, materielle Welt überwunden werden müsse, dass der Körper des Menschen ein Gefängnis sei. Das Ziel war der Sieg des freien Geistes über die Materie. Gender ist eine zeitgenössische Spielart dieser Anschauung.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es mehrere gnostische Strömungen. Ein gemeinsamer Kern war die Absage an eine Natur, die den Menschen zum Geschöpf macht. Der Gnostiker will kein Geschöpf sein, sondern Schöpfer. Er will Gott sein und sich selber schaffen. In der heutigen Gender-Variante: Er will seine eigene, geschlechtliche Identität schaffen.
Die westliche Zivilisation hat sich aus dem Denken Roms, Athens und Jerusalems entwickelt, das bedeutet: aus den Urquellen des römischen Rechts, der antiken griechischen Philosophie und der jüdisch-christlichen Tradition. Zu diesen Quellen gehört die Bejahung von Welt und Natur als Grundlage von Erkenntnis, Forschung und Fortschritt. Dazu gehört auch der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, geschaffen als Mann und Frau. Ohne die Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau wäre die Idee der unveräusserlichen Würde jeder Person, ungeachtet der sozialen Stellung, nicht denkbar und kulturell wirksam geworden, als Grundlage für die Menschenrechte. In besonderer Weise herausgearbeitet hat diese geistesgeschichtliche Entwicklung zwischen Judentum, Christentum und den Werten der Aufklärung der Oxford-Professor Larry Siedentop in seinem Buch «Die Erfindung des Individuums» (2015).
Die Ideengeschichte Europas zeigt, dass sich die westliche Kultur einer Theologie verdankt, die offengeblieben ist für Vernunft und Wissenschaft, und einer Vernunft, die offengeblieben ist für Judentum und Christentum.
Ein Westen aber, der nicht mehr unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Natur und Kultur, wird bald auch nicht mehr unterscheiden können zwischen Wissen und Aberglaube, zwischen Forschung und Ideologie, zwischen Sinn und Schwachsinn. Dies wäre das Ende der Aufklärung. Das Ende der Einheit von Vernunft und Natur, wie Immanuel Kant sie noch gekannt hat: «Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu einer Absicht gut. Die ganze Natur überhaupt ist nichts anderes als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln.»