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«Wir leben immer noch von den Pionierleistungen des 19. Jahrhunderts»

Ein neues Buch zeichnet die Entwicklung der Schweizer Versicherungen nach. Erfolgreich waren und sind sie weitgehend ohne den Staat.

«Wir leben immer noch von den Pionierleistungen des 19. Jahrhunderts»
Claudia Wirz (Hrsg.): Risiko, Solidarität und Mathematik: Die Schweizer Versicherungswirtschaft und ihre Geschichte. Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2025. Foto: Lukas Leuzinger

Versicherungen sind langweilig. Jubiläen sind langweilig. Und Sammelbände sind langweilig. So gesehen ist bei einem Sammelband zum 125-jährigen Jubiläum des Schweizerischen Versicherungsverbands (SVV) mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Doch das Buch straft die Vorurteile Lügen. Es erweist sich als eine Sammlung spannender und erkenntnisreicher Beiträge über die Geschichte von Kranken-, Gebäude- oder Lebensversicherungen in der Schweiz und über die aktuellen Herausforderungen. Im Beitrag des Historikers Martin Lengwiler erfährt man, warum die Schweiz in Sachen Versicherungen eine Spätzünderin war – und heute trotzdem eines der bestversicherten Länder der Welt ist. Die Probleme werden aber auch nicht verschwiegen, namentlich in der Altersvorsorge, wo Ökonomin Melanie Müller-Häner «eine gewisse Entkopplung von der Politik» anregt, etwa, indem der Mindestumwandlungssatz in der zweiten Säule nicht mehr politisch festgelegt, sondern als mathematische Grösse verstanden würde.

Die Unabhängigkeit vom Staat kann als Erfolgsrezept der Schweizer Versicherungsbranche betrachtet werden. Im Interview mit der Herausgeberin Claudia Wirz betont der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann, dass hiesige Versicherungen im Vergleich zu ausländischen seltener in staatlicher Hand seien: «Wir sehen im Schweizer Versicherungswesen ein bemerkenswertes und funktionierendes Neben- und Miteinander von Staat und Privatwirtschaft.»

Das Ergebnis dieses Systems kann sich sehen lassen. So sind nur ein Prozent der Schweizer Bevölkerung dauerhaft arm, wie Straumann an der Buchvernissage am Mittwoch im Landesmuseum in Zürich ausführte. Er kenne weltweit kein Land, das besser dastehe, sagte er und folgerte: «Wir leben immer noch von den Pionierleistungen des 19. Jahrhunderts.» (Lukas Leuzinger)

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