Akte Willensfreiheit… ungelöst
Uri Maoz zvg.

Akte Willensfreiheit… ungelöst

Ist er nun tot, unser freier Wille? Falls ja, wer hat ihn zur Strecke gebracht? Ein Neurowissenschafter über den aktuellen Stand der Ermittlungen.

Herr Maoz, Philosophen streiten seit mehr als 2000 Jahren darüber, wie es um die Willensfreiheit bestellt ist beziehungsweise was dieser Begriff überhaupt bezeichnen soll. Wann sind Neurowissenschafter in die Debatte eingestiegen? 

Die Neurowissenschaft des freien Willens geht im Grunde auf ein Experiment zurück, das Benjamin Libet und seine Kollegen im Jahr 1983 durchgeführt haben. Allerdings bauten ihre Erkenntnisse auf einer noch früheren Fragestellung auf: Was passiert im Gehirn, wenn wir uns spontan zu handeln entscheiden? Wenn ich zum Beispiel diese Kaffeetasse hochhebe – wie verwandelt sich mein Entschluss in eine Handbewegung? Deutsche Forscher fanden es in den 1960er Jahren heraus: über das sogenannte Bereitschaftspotenzial, eine Zunahme elektrischer Aktivität in einem bestimmten Bereich des Gehirns, kurz bevor wir zu handeln anfangen. Und diese Entdeckung hat viele Menschen fasziniert, denn es wurde damit erstmals möglich, etwas so Abstraktes wie Wille oder Absicht zu messen. Libet selbst untersuchte das Bereitschaftspotenzial eine Weile und fand heraus, dass es sich ungefähr eine halbe bis eine Sekunde vor einer Handlung aufbaut. Was ihn aber eigentlich interessierte, war der Moment, in dem Menschen subjektiv das Gefühl haben, eine Handlung auszulösen.

Und so entwarf er quasi aus Versehen das berühmte Libet-Experiment, das viele als den Todesstoss für unseren freien Willen bezeichnet haben. Wie sah es aus?

Libet setzte Probanden vor eine Uhr mit einem schnell rotierenden Punkt. Dann bat er sie, spontan die Hand zu heben und ihm zu berichten, wo der Punkt war, als sie zur Bewegung ansetzten. Was er feststellte, war, dass die Probanden sich ihrer Entscheidung im Durchschnitt 0,2 Sekunden vor der eigentlichen Bewegung bewusst waren. Was er aber ebenfalls sah, war ein anderes Potenzial, das sich bereits bis zu einer Sekunde vorher aufbaute. Dank der Elektroenzephalographie konnte er also erkennen, dass die Bewegung bereits in Gang gesetzt war, wenn sich die Probanden noch nicht bewusst dazu entschieden hatten – und das sorgte natürlich für viel Aufregung. Beispielsweise weil man einen Angeklagten nur dann schuldig sprechen kann, wenn er das Verbrechen bewusst begangen hat. Er muss einen «schuldigen Geist» gehabt haben: mens rea, wie die Juristen es nennen. Libets Experiment zeigte nach Ansicht vieler, dass wir vielleicht nie bewusste Entscheidungen treffen und dass unser Bewusstsein möglicherweise gar keine Rolle innerhalb der Prozesse spielt, die zu unseren Handlungen führen.

Probanden eine subjektive Beobachtung festhalten zu lassen, klingt allerdings nicht nach der verlässlichsten Methode, um Zeitintervalle im Bereich von Millisekunden zu messen.
Haben Libets Befunde Bestand?

Wissenschafter haben seither fast jeden denkbaren Aspekt dieses Experiments auseinandergenommen, unter anderem die Uhr. Die Probanden konnten leicht voraussehen, wo sich der rotierende Punkt im nächsten Augenblick befinden würde, oder sich unbewusst vornehmen, die Hand zu bewegen, sobald er an einer bestimmten Stelle war. Man hat also versucht, das Experiment durch diverse Variationen zu verbessern, und natürlich sind auch die Messgeräte leistungsfähiger geworden: Das Bereitschaftspotenzial, das Libet ungefähr eine halbe Sekunde vor Beginn der Bewegung sah, können wir heute fast zwei Sekunden vorher erkennen. Das Experiment wurde seither jedoch so oft wiederholt, unter anderem auch in meinem Labor, dass wir sagen können: Der Befund als Befund steht. Jeder, der dieses Experiment durchführt, sieht in etwa das gleiche Resultat.

Gab es unter den unzähligen Anschlussexperimenten eines, das Sie besonders beeindruckt hat? 

Ja, gab es: John-Dylan Haynes und seine Forschungsgruppe liessen 2008 Probanden, die in einem MRT-Scanner sassen, spontan mit der rechten oder linken Hand auf eine Taste drücken. Dabei entdeckten sie, dass bestimmte Aktivitäten im Gehirn bis zu acht Sekunden vor der eigentlichen Bewegung darauf hindeuten, welche Hand die Probanden bewegen werden. Jetzt ging es also nicht mehr um Millisekunden, sondern um Sekunden – und wenn man vorhersagen…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»