«Wir sehen zurzeit viele Blasen»

Lassen sich Finanzblasen voraussagen? Didier Sornette hat die Antwort auf die grosse Frage im Zeitalter vernetzter Finanzmärkte. Er hat schon viele Blasen prognostiziert. Und er verrät, wo die nächsten platzen. Gespräch mit dem ETH-Professor über komplexe Systeme, ihre Risiken und Nebenwirkungen.

«Wir sehen zurzeit viele Blasen»

Herr Sornette…
…Sie wollen also ein längeres Gespräch über Risiko mit mir führen? Das ist gut, sehr gut sogar. Wir Wissenschafter müssen den Leuten da draussen sagen, was wir in unserem Elfenbeinturm den ganzen Tag lang tun.

Was denn?
Forschen.

Sie sind Professor für Entrepreneurial Risks an der ETH Zürich…
…erlauben Sie mir noch eine kritische Vorbemerkung zu dieser Art von Interview…

…klar. Wenn Sie sich beklagen wollen, haben Sie jetzt die Gelegenheit.
Sie sind Journalisten und haben es auf die tolle Nachricht, die grossartige Geschichte abgesehen. Die Wissenschaft ist aber nicht auf Effekthascherei aus. Gerade kürzlich habe ich wieder eine ärgerliche Geschichte erlebt. Robert May, Ökologe und Spezialist für komplexe Systeme, ist einer der bekanntesten Wissenschafter in Grossbritannien, Ex-Präsident der Royal Society und Berater des britischen Premiers. Zusammen mit Andrew Haldane, Direktor des Risikomanagementteams der Bank of England, hat er einen Artikel in «Nature» und der «Financial Times» publiziert. Die These: die Finanzindustrie und ihre regulierenden Institutionen können von der Wissenschaft öko-lo-gischer Systeme lernen, in denen es Milliarden von Organismen gibt, die durch unendlich viele positive und negative Rückkoppelungen untereinander verbunden sind. Unser lineares Denken können Sie hier vergessen! Das ist doch interessant, oder…

…absolut. Das ist jedoch eine ziemlich steile These, die bestimmt ihre Kritiker fand…
…tat sie auch. Zwei Kommentatoren in «Nature» argumentierten, dass die Analogie zwischen ökologischen Systemen und der Finanzwelt nicht funktioniere. Über diese Replik habe ich mich geärgert. Also habe ich zusammen mit einer meiner Doktorandinnen eine Replik auf die Replik verfasst. Der Text war ein wenig zu lang, das gebe ich gerne zu, 12’000 Wörter statt der üblichen 500. Aber was mich aufregte: nach der Kürzung durch die Redaktoren war der Text völlig unverständlich. «Nature» stellte sich hingegen auf den Standpunkt, dass sie unseren Aufsatz bloss gekürzt und zusammengefasst hätten. Wir spielten ein endloses Pingpong mit dem Text, und mittlerweile sind wir uns mehr oder weniger einig. Es ist manchmal wirklich mühsam, mit Journalisten zu arbeiten.

Sie zieren sich. Vom «Wall Street Journal» haben Sie sich als mit einem Fernrohr ausgestatteten Professor darstellen lassen, der nach Finanzblasen jagt.
Das war eine witzige Geschichte. Ich habe absolut keine Berührungsängste mit modernen Marketingmethoden, wenn sie der Sache dienlich sind. Ich möchte nur, dass in den Medien dann auch tatsächlich meine Ideen zirkulieren. Nun legen Sie los!

«Ein Prophet ist nicht jemand mit speziellen Visionen, sondern jemand, der blind ist für das meiste, was die anderen sehen.» Wie finden Sie dieses Zitat?
Das Zitat ist richtig und falsch zugleich. Richtig, weil gute Wissenschafter sich auf eine Sache konzentrieren und für alles Unwichtige blind sein müssen. Doch ist es keine stupide, sondern eine dynamische, eine proaktive Blindheit. Denn sie erlaubt erst, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Ich mag Schopenhauer. Er sagt, dass Wahrheit durch drei Phasen geht. Zuerst ignorieren alle die Wahrheit. Dann bekämpfen sie sie. Und zuletzt finden sie alle offensichtlich. Genau so funktioniert der wissenschaftliche Alltag. Nur jene Theorien, die überleben, verdienen unsere Aufmerksamkeit. Die meisten neuen Ideen sind Müll.

Sind Sie ein Prophet? Sie gehören zu den wenigen, die die Finanzkrise angekündigt haben. 2004 haben Sie das Platzen der amerikanischen Immobilienblase für Mitte 2006 vorhergesagt, während andere weiterhin die Illusion ewigen Wachstums kultivierten.
(Lacht) Notieren Sie bitte: nein, Sornette ist kein Prophet. Sobald einem dieser Stempel aufgedrückt ist, hat man ein Problem. Man gilt als arrogant.

Das Zitat stammt aus dem neuen Buch von Nassim Taleb. Die Hauptthese seines Bestsellers «Der schwarze Schwan» besagt, dass es in jedem komplexen System Ereignisse gibt, die sich nicht vorhersehen lassen, schwarze Schwäne eben.
Ich…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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