Larionows Aufzeichnungen

Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: der junge Offizier Larionow möchte dem Vaterland dienen – und sieht sich nun mit der Frage konfrontiert, wie in der Armee die Menschenwürde zu bewahren sei. Doch der Alltag verändert die Ideale des Humanisten schon bald grundlegend.

Larionows Aufzeichnungen
Michail Schischkin, photographiert von Yvonne Böhler.

«Bogomolov, man hält Sie für den besten Offizier im Regiment. Aber Sie schlagen die Soldaten ja. Das ist doch eine Schweinerei. Es verletzt die Menschenwürde, die Ihre, die meine.»

Erstaunt blickte er mich an.

«Sie sind ein vornehmer, kein dummer Mensch», fuhr ich fort. «Das können Sie doch vor Ihrem Gewissen nicht vertreten, einen Menschen zu schlagen.»

«Mein lieber Larionow», erhielt ich zur Antwort, «Sie haben recht. Auch teile ich Ihre Ansicht, dass es das Anständigste wäre, wenn man einem Soldaten seine Schuldigkeit sachte einflösste und nicht mittels Bestrafung verständlich machte. Aber dazu gehörte auch, dass die Soldaten mit Ihnen einer Meinung wären. Bei uns in Russland nun aber gilt: Wenn nicht Sie Ihren Diener schlagen, so schlägt er Sie.»

«Aber hängt denn die Würde eines Menschen etwa von seinem Standpunkt auf der Landkarte ab?»

Wieder lachte er. «Beweisen Sie mir doch das Gegenteil. Man wird Ihnen Soldaten geben, Larionow, so fangen Sie doch an, diese zu siezen, verzichten Sie auf Schläge, organisieren Sie eine Schule, und nachher werden wir ja sehen, was daraus wird.»

Aufgebracht versuchte ich ihm weiszumachen, dass es eben gerade in der Armee sein sollte, wo ich mich ans Werk machen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen würde, um zu zeigen, dass man, wenn man dem Menschen Achtung entgegenbringt, doch Ergebnisse erzielen könne, die den Rutenstreichern nicht einmal im Traume einfallen.

«Ach wie wunderbar!», entgegnete Bogomolow. «Ich wette, noch bevor drei Monate vergangen sind, lassen Sie bereits den ersten verdreschen, auch wenn Sie ihn dabei siezen.»

Ich kehrte als ein Besessener ins Regiment zurück. Man gab mir Soldaten, und mit jugendlicher Leidenschaftlichkeit ging ich an mein Werk. Als erstes schuf ich die Körperstrafe ab und begann, jeden Soldaten mit «Sie» anzusprechen. Diese nun, alle mürrisch, wortkarg, nach den Dienstvorschriften des früheren Kommandeurs bis zur tierischen Blödheit getrieben, blickten mich düster an, voll Argwohn, und meinten, eine Falle zu wittern.

Mit Feuereifer machte ich mich an ihre Ausbildung. So begann der Lese- und Schreibunterricht. Ebenso nahm ich es auf mich, ihnen Vorträge über die römische Geschichte zu halten. Die Soldaten nahmen alle meine Neuerungen schweigend entgegen, mit der üblichen Gehorsamkeit, wie alles, was man ihnen zu tun befahl. Geschichte ging ja noch an – den Erzählungen über Scipio, die Gracchusbrüder und Brutus hörten sie zu wie einem Märchen von Bowa Koroljewitsch. Das Schreiben und die Arithmetik bereiteten mehr Schwierigkeiten. Meinen Unterricht empfanden sie nach den vielen Stunden purer Dressiererei lediglich als zusätzliche Plackerei, und sie zeichneten all die Häkchen und Schnörkel ohne den geringsten Lerneifer.

Abends setzte ich mich zu ihnen ans Feuer, führte lange Gespräche über den Sinn und Nutzen von Ausbildung, erzählte ihnen von den freiheitsliebenden Helden der Antike, von den Wundern der westlichen Kultur, die auf der Grundlage von Menschenachtung vollbracht worden waren, davon, wie die nordamerikanische Republik aufgebaut ist, und von vielem, vielem mehr, was, wie mir schien, in diesen eingeschüchterten Menschen zumindest einen Schimmer von Selbstwertgefühl hätte wachrufen sollen. Die Soldaten hörten mich schweigend an und schüttelten bloss ihre Hemden über dem Feuer aus, aus denen die Flöhe mit einem leisen Prasseln in die Flammen rieselten.

Genau genommen fand ich nur einen einzigen geneigten Schüler. Das war Ustinkin, einer der neuen Rekruten, ein schmächtiger Bursche ohne Argwohn, der in seiner Kindheit mit kochendheissem Wasser übergossen worden war, so dass eine seiner Wangen und der Hals voll runzliger Flecken und bleicher, blutloser Muster waren. Eine Niete beim Marschieren, von Natur aus nachdenklich, ein Wirrkopf, war er mehr als die anderen der Plagerei auf dem Exerzierplatz ausgesetzt. Ja, auch die Soldaten, vor den Kommandeuren so machtlos, liessen an diesem Wesen, das alles ohne zu murren über sich ergehen liess, ihren Zorn aus. Wem es gerade passte, der servierte ihm eine Backpfeife oder einen Fusstritt. Er war der einzige, der für meinen Unterricht reges Interesse zeigte, hatte eine gute Auffassungsgabe, das Lernen war für ihn ein Kinderspiel, seinen krummen, verbrühten Mund leicht aufgesperrt, hörte er zu, und beim Malen der Buchstaben senkte er in seinem Eifer den Kopf so tief aufs Papier, dass man meinen konnte, er schriebe mit der Nase und nicht mit der Feder.

Ustinkin verband eine unzertrennbare Freundschaft mit einem zugelaufenen Hündchen, genauso siech und abgezehrt wie er selbst. Das Hündchen war der allgemeine Liebling und wurde von den einen Soldaten «Schrapnell» und von den anderen wegen seines geringelten Schwanzes «Widderlein» genannt. Alle fütterten es und wollten es an sich drücken wie ein kleines Kind, es folgte aber allein Ustinkin und diesem auf Schritt und Tritt. Es begleitete uns zu allen Übungen und warf sich, sogar wenn wir bloss mit dem Bajonett in Strohsäcke stachen, gemeinsam mit dem Zug jedes Mal mit lautem Gebell auf den Feind. Mich erstaunte, wie diese Leute bereit waren, mit dem Hündchen ihren letzten Zwieback zu teilen, und sich gleichzeitig grausamst über ihren Leidensgefährten lustig machen konnten.

Einmal kam Bogomolow nach der morgendlichen Wachablösung zu mir, klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und sagte: «Ihre Bemühungen sind lobenswert. Aber hören Sie, Larionow, Sie denken doch nicht etwa wirklich, dass Sie fähig sind, etwas zu ändern? Glauben Sie mir, das ist eine Wand, an der man sich seine Stirn nur allzu gut zerschlagen kann. Tut es Ihnen tatsächlich letztendlich nicht leid um Ihre Kräfte, Ihre Anstrengungen, Ihre Zeit?»

Ich schwieg und wartete nur darauf, dass dieses inhaltslose Gespräch zu Ende ging.

«Eine Divisionsbesichtigung steht vor der Tür, ich rate Ihnen deshalb, sich nicht mit Lappalien abzugeben, es wäre besser, wenn Sie brav Ihre Soldaten drillten.»

Diese seine Worte feuerten mich nur noch mehr an, mein Unterfangen voranzutreiben. Da ich meine Neuerungen in der Absicht eingeführt hatte, das viehische Leben meiner Soldaten zu vermenschlichen, erwartete ich von ihnen wenn auch nicht gerade Begeisterung, so doch zumindest Anerkennung. Aber ach, alles, was sich in meiner Phantasie so reibungslos hatte zusammenfügen lassen, kam in Tat und Wahrheit schief heraus. Ich hatte alles versucht, damit die Soldaten mich verstünden und mochten, sie blieben aber nach wie vor argwöhnisch, mieden mich, begegneten meinen Bemühungen, in vertraulichem Ton mit ihnen zu sprechen, nur ausweichend. Sie hielten ihren neuen Offizier für irgendeinen Narren und lachten hinter meinem Rücken über mich. Da sie sahen, dass sie keine Strafen zu befürchten hatten, taten sie mit der Zeit während unseres Unterrichts rein gar nichts mehr, verloren die Hefte, Bleistifte und kamen schliesslich ungeachtet meines Zuredens überhaupt nicht mehr in meine Schule. Am Ende blieb mir nur ein einziger Schüler, Ustinkin, dem sie nun noch heftiger zusetzten, da er sich bei mir Bücher auslieh. Meine Soldaten meinten jetzt, sich alles erlauben zu können, und wollten sogar im Wehrdienst nichts mehr machen, ganz zu schweigen von der Stehlerei, über die sich die lokale Bevölkerung beinahe täglich beschwerte. Was auch immer ich ihnen über die Amoralität solchen Verhaltens sagte, wirkte nicht stärker als der Hauch eines Lüftchens auf sie. Dass auf allen Ebenen, von den Divisionsvorräten bis hin zur Feldküche, die Verpflegung für die Soldaten gestohlen wurde, gehörte so sehr zum Alltag, dass man sich gar nicht mehr darüber wunderte. Das Resultat war eine über die Massen freie Einstellung des Soldaten zu fremdem Eigentum. Es war unmöglich, ihn von der Niederträchtigkeit des Stehlens zu überzeugen, wo er sich doch mit eben diesen Diebstählen seine Existenz sicherte.

Selbstverständlich gaben wir bei der Divisionsbesichtigung ein abscheuliches Bild ab.

Ich wurde vor den Kommandeur des Regiments zitiert, den Generalmajor Russajew.

Als ich zu ihm kam, fiel Russajew über mich her und brüllte mich etwa eine Viertelstunde lang an. Schliesslich hielt er inne, um Atem zu schöpfen, und ich sagte:

«Sie können mir befehligen, was Ihnen beliebt, und ich füge mich der Disziplin. Aber ich bin so dreist, darauf bestehen zu wollen, dass ich meine eigenen Überzeugungen habe, und kein Befehl vermag mich zu zwingen, diese zu ändern.»

Auf dem Gesicht Russajews traten weisse und rote Flecken hervor. Er war mit einer Schreibarbeit beschäftigt gewesen, nun knirschte die Feder in seiner Faust.

«Du Milchbart!», zischte er. «Aus meiner ersten Wunde floss mehr Blut, als du in dir hast! Lern du erst mal das Leben kennen, bevor du von Überzeugungen faselst!»

«Unter den Offizieren ist es üblich, sich zu siezen», unterbrach ich Russajew.

Er war drauf und dran, mich nochmals anzuschreien, hielt sich aber unter grossem Willensaufwand zurück und befahl mir zähneknirschend, auf die Hauptwache in Arrest zu gehen.

«Sie, Herr Fähnrich, haben jetzt fünf Tage Zeit, über allerhand nachzudenken!»

Das Fensterchen meiner mit unterhaltsamen Sprüchen vollgekritzelten Zelle ging auf den Garten hinaus. Das Geissblattgestrüpp wucherte so wild, dass es sich ganz dicht an die Gitter schmiegte und durchaus einen Ersatz für die nicht vorhandenen Gardinen abgab.

Ich schlief viel, pfiff gelangweilt vor mich hin, sang, blätterte in den von Bogomolow mir zugeschickten Büchern. Mit einem Wort: im Gefängnis war mir wonnig und friedlich zumute, war ich doch überzeugt, dass man in Einklang mit dem eigenen Gewissen und nicht mit den Vorgesetzten leben sollte.
Sowohl den Arrest als auch die Verweise ertrug ich mit Stolz und weigerte mich weiterhin, einen Soldaten zu schlagen, was sich allerdings schon bald ändern sollte.

Einmal wurde ich vor dem Wecksignal wachgerüttelt, und man teilte mir mit, Ustinkin habe sich umgebracht. In jener Nacht hatte er Wache gestanden, und am Morgen fand man ihn, in der Hand einen Stutzsäbel. Er hatte sich die Gurgel durchgeschnitten. Am Abend zuvor hatten sich die Soldaten volllaufen lassen und ihn wieder einmal geschlagen. Ustinkin lag auf dem Rücken, die verbrühte Seite des Kopfes ungeschickt nach oben gekehrt, und Widderlein leckte das Blut von der Wunde. Man wollte den Hund wegjagen, aber er rannte stets wieder herbei.

Damals erhielten nur drei eine Strafe, ich war jedoch an einem Punkt, wo ich am liebsten jedem einzelnen Spiessrutenlaufen aufgebrummt hätte.
Ich erinnere mich sehr genau an jenen nebligen, bereits leicht frostigen Morgen, an die mit dünnem Eis bedeckten Pfützen, an die wegen der Frostluft besonders klangvolle Trommel, die Mark und Bein durchdringende Flöte. Ich erinnere mich an die wutverzerrten, hasserfüllten Augen der Angeklagten. Ich erinnere mich, wie sie die Hemden auszogen, wie man ihre Hände an die Gewehrkolben fesselte, wie die ersten Hiebe auf ihre Rücken niedersausten, ich erinnere mich an ihre bestialischen Schreie. Und zum ersten Mal empfand ich bei einer solch grässlichen Exekution Genugtuung.

Aus dem Russischen übersetzt von Franziska Stöcklin.

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