Der Gast

Einige Gedanken zur besonderen Qualität des Fremdseins

Der Gast
Francesco Micieli, photographiert von Michael Wiederstein.

Ich nenne mich nicht Schriftsteller. Ich fühle mich auch nicht so. Wie fühlt sich ein Schriftsteller? Ja, sicher, ich habe als Präsident des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz für die Rechte von Schreibenden gekämpft, habe Lobbying betrieben, aber das gesuchte Gefühl hat sich nicht eingestellt. Mein Schriftstellerkollege Kurt Marti schreibt bei Postsendungen die Berufsbezeichnung «Schriftsteller» immer in grossen Lettern über meine Adresse. Das schmeichelt, hilft aber nicht weiter. Ich fühle mich nicht als Schriftsteller. Vielleicht, weil ich wenig schreibe und das wenige auch noch kurz ist. Vielleicht, weil ich viel Zeit ohne Schreiben verbringe, die meiste Zeit. Ein Kritiker hat mich mit der Aussage trösten wollen, dass man dann am meisten Schriftsteller sei, wenn man nicht schreibe.

Beim Schreiben, so viel weiss ich, ahne ich mein «ich selbst» – mir gefällt die französische Absicherung «moi-même» – aber erst in der Entfernung vom einmal Geschriebenen spüre ich die intensivste Nähe zu mir selbst, möchte ich für immer so bleiben, mich sehnen, die Begierde erhalten. Schriftsteller sein, das bedeutet vielleicht sich selbst beim Schreiben näherkommen. Und sich dadurch des eigenen Fremdseins stets neu zu versichern.

Heute trete ich als eine Art Anwalt vor Sie. Ich plädiere für das Recht, «fremd zu sein». Das Fremdsein ist eine fundamentale Dimension des Seins – von uns allen. Das Recht, fremd zu sein, ist aber nicht nur Recht, sondern auch Pflicht: wer es einfordert, muss auch von sich verlangen, jeden einzelnen Fremden – und das eigene Fremdsein – zunächst zu respektieren. Im Nachdenken über das Fremdsein ist mir der Dichter Edmond Jabès ein Vorbild. Er wurde 1912 in Kairo geboren, 1957 emigrierte er nach Frankreich und lebte dort bis zu seinem Tod 1991. Die Fremdheit war eines seiner grossen Themen. Für ihn ist die unendliche Grosszügigkeit dem Fremden gegenüber die Grundbedingung fürs Zusammenleben; die Conditio sine qua non der Gastfreundschaft, wenn man so will. Er stellte sich zur Illustration dieser Idee ein utopisches Haus vor, in welchem Pilger und Fremde sich gegenseitig aufnehmen und sammeln. Dass die Sprache des Gastes nicht die des Gastgebers ist, dass letzterer diese nicht wird sprechen können, ist, so Jabès, was ihn daran hindert, den Gast unterwerfen, ihm Gesetze auferlegen zu wollen. Sein Haus ist ein Ort, in welchem wir alle einsehen, «dass jedes Vaterland nie etwas anderes ist als ein winziger Teil eines gemeinsamen Traums».1

Von einem Bewohnen dieses «gemeinsamen Hauses» sind wir noch weit entfernt. Die Angst vor dem Fremden ist verbreitet. Sie ist die Angst vor dem Leben und dem Tod: Der Fremde erinnert uns daran, dass wir hier nur zu Gast sind. Wie angenehm billig sind demgegenüber nationale Ideologien. Sie setzen uns eine Maske auf, und wir sagen: «Das bin ich.» Sie leihen uns vielleicht ein «ich», aber sicher kein «selbst». Auf Ideologien verfällt, wer seine ständige Fremdheit nicht zulässt, wer sich ihr nicht stellen kann oder will.

Da und weg

In einem neuen Land geht es nicht darum, sich in ein Rudel von ebenfalls Fremden zu integrieren, eine Art eigene Zone, ein Ghetto, zu gründen – denn das würde ja doch nur die Umkehrung der Einheimischennation bedeuten. Es geht um etwas anderes: um das Sich-selbst-treu-Bleiben und also Anderssein und Trotzdem-mittendrin-Sein und Mitmachen und Heutigsein. Da. Da. Da. Ich denke, viele Minderheiten in den verschiedensten Ländern Europas leben heute erfolgreich so. Die Albanoitaliener zum Beispiel sind in Italien über 500 Jahre lang stets Fremde geblieben, mit ihrer Sprache, ihren Liedern, ihren Sitten. Und dennoch haben sie sich in den italienischen Staat einbezogen gefühlt. Viele von ihnen haben sogar mit Garibaldi für die Einheit Italiens gekämpft. Im Grunde geht es also um das ALL-EIN-Sein. Alle sein…

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