Vertrauen macht den Ball schnell

Economy of Speed – das gilt als die ökonomische Signatur dieses Jahrhunderts. Wir bekommen die Dinge aber nicht schneller bewegt, indem wir uns schneller bewegen. Und das Erhöhen der Geschwindigkeit hat nichts zu tun mit härterem oder längerem Arbeiten. Das einzige, was wirklich schnell macht, ist Vertrauen.

Vertrauen macht den Ball schnell
Reinhard K. Sprenger, photographiert von Philipp Baer.

Im Jahr 1972 wurde Deutschland Europameister – mit der besten deutschen Nationalmannschaft aller Zeiten, besser als die WM-Siegermannschaften von 1954, 1974 oder 1990. Es gibt kaum einen Kenner, der sich diesem Urteil nicht anschlösse. Günter Netzer, Franz Beckenbauer und die anderen… hier kam alles zusammen: Denken und Handeln, Ergebnis und Schönheit.

Diese grandiose Schau des «kompletten» Fussballspiels wurde – mindestens zum Teil – dadurch möglich, dass im Vergleich zu heute Standfussball gespielt wurde. Man schaue sich die Aufzeichnungen von damals an: Wie viel Zeit man da hatte beim Anbieten, Stoppen, Schauen, Drehen, Halten, vielleicht Dribbeln, dann lange Flanke! Wie entspannt trabend der ballführende Mittelfeldspieler den nächsten Pass planen konnte! Geht man noch weiter zurück und vergleicht die heutigen Spiele mit denen aus den 1960er Jahren, dann fällt auf, dass damals alle zweiundzwanzig Spieler die neunzig Spielminuten ohne wesentliche Müdigkeitserscheinungen überstanden; Auswechslungen waren noch verboten. Willi «Ente» Lippens von Rot-Weiss Essen hat diese Zeit auf den Punkt gebracht: «Ich habe nie eine Chance hastig vergeben, sondern lieber gemütlich vertändelt.»

Heute hingegen gilt: 1. Ball flach halten 2. Verweildauer am Fuss so kurz wie möglich, deshalb müssen sich 3. sofort mehrere Spieler aktiv anbieten. Das heisst: intensives Spiel ohne Ball! Schnelle Ballstafetten, die Spieler dauernd in Bewegung. Der Rückpass in die sicheren Arme des Torhüters: verboten! Die langen Flugbälle aus der Netzer-Overath-Ära, die sich langsam und bananengleich in den Strafraum senkten: fast nur noch als Verzweiflungsball akzeptiert, allenfalls bei schnellen Kontern. Oder noch als Eckstösse, aber auch die meist schnell und flach auf den kurzen Pfosten und von dort aus per Kopf verlängert. Ebenso fast verschwunden: die weiten Abschläge der Torhüter. Diese Zeit hat heute auf Topniveau einfach keiner mehr.

Vorteil Stürmer

Anfang des neuen Jahrtausends wurde deutlich, dass die Deutsche Bundesliga gegenüber dem Speed-Fussball der englischen, französischen und spanischen Ligen schlicht zu langsam war. Deshalb wurden Spieler wie Marcelinho in der Bundesliga gefeiert – international wirkten sie wie Stehgeiger. Der erste, der das aufdeckte, war Jürgen Klinsmann: Wer zu langsam spiele, konstatierte er, könne heute nicht mehr erfolgreich sein. Das war eine peinliche Wahrheit für die Mehrheit der deutschen Bundesligatrainer, die sich genüsslich im deutschen Mittelmass suhlten, international aber schon länger keine Rolle mehr spielten. Klinsmann hingegen wollte seine Spieler nicht deutsch spielen lassen, nicht brasilianisch, nicht modern oder unmodern, sondern einfach schnell. Sein Ideal: «Ein-Kontakt-Fussball», das schnelle Direktspiel, wie es Arsène Wenger von Arsenal London schon lange zelebrierte. Der schnelle «blinde» Pass durch die Mitte, bei dem die Stürmer in Strafraumnähe den Ball erwarten – das bringt Überraschung, kürzere Wege zum gegnerischen Tor und damit mehr Durchschlagskraft für die Offensive.

Die Bilanz der WM 2006 bestätigte Klinsmanns Analyse: Tempo und Athletik machen den Weltmeister, nicht Taktik und Erfahrung. Was zählt, ist Hochgeschwindigkeitsfussball. Spielsysteme spielen eine untergeordnete Rolle: Wichtiger als 4-4-2, 4-2-3-1, Raute oder Linie ist die Geschwindigkeit – und die gibt es nur mit Vertrauen. Gute Spielzüge, vor allem Konter, überbrücken blitzschnell den Raum. Ein einzelner könnte unmöglich mit dem Ball diese Strecken in diesem Tempo durchmessen.

Denn es ist unbezweifelbar richtig, was die holländische Fussballlegende Johan Cruyff einst sagte: «Der schnellste Spieler ist der Ball.» Der Ball fliegt schneller, als Spieler laufen können. Lässt man den Ball fliegen, dann ist das mutig – und mutig ist man nur im Vertrauen auf den anderen. Wird der Ball von Mann zu Mann geschoben, scheut man das Risiko, geht man auf Nummer sicher…, was an die Kontrollexzesse in den Unternehmen erinnert. Und deshalb ist das schnellste Spiel das direkte Spiel der schnellen Pässe. Thomas Doll, damals Trainer des Hamburger SV, über die WM 2006: «Das Turnier hat gezeigt, wie wichtig das…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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