Der Geburtsfehler  des Kryptogeldes
Urs Birchler, zvg.

Der Geburtsfehler
des Kryptogeldes

Das Bitcoin-Protokoll ersetzt Vertrauen in eine zentrale geldpolitische Instanz durch einen Algorithmus. Das ist programmiertechnisch brillant, führt aber ökonomisch in die Sackgasse.

«Papa, willst du Land auf dem Mond kaufen?» – «Wie bitte?» – «Land auf dem Mond. Gibt’s im Internet.» Unser jüngerer Sohn (14), der mir das schmunzelnd offerierte, hat sein Angebot nicht aus der Luft gegriffen: Schon sieben Prozent der Mondoberfläche sind von selbstproklamierten Besitzern verkauft worden. Neu ist auch Mars zu haben. Oder Kryptowährungen. Wem nämlich ein «Blätz» auf dem Mond noch zu bodenständig ist, kauft Bitcoins oder einen der vielen anderen Coins und Tokens. Coinmarketcap.com sammelt aktuell über 2000 davon: Sie alle sind Einträge im Grundbuch des Nichts. Es ist, wie es der Digitalisierungsspezialist der finnischen Notenbank, Aleksi Grym, sagt: «Kryptowährungen sind Buchungssysteme für nichtexistente Anlagen.»1

Doch ist eine Papierwährung wie der Schweizer Franken nicht genauso fiktiv? Der innere Wert des Frankens ist seit der Loslösung vom Gold gleich null. Wir glauben an den Franken nur, weil alle anderen daran glauben, dass alle anderen an ihn glauben – eine reine Kollektivillusion. Die Schweizer Bauern des 19. Jahrhunderts begegneten den neu aufkommenden «Zetteln» genauso kritisch wie heute viele den Digitalwährungen. Mit der Zeit jedoch konnten sie sich mit Papiergeld anfreunden. Warum? Weil ein rechtlich-institutionell-politischer Unterbau entstand, der das Vertrauen in das von der Nationalbank ausgegebene Geld stützte.

Vordergründig sind es die einzelnen Gesetze, die den Franken zum offiziellen Zahlungsmittel, auch für Steuern, machen oder die politische Unabhängigkeit der Nationalbank garantieren. Aber deep down ist es das gesellschaftlich-politische Grundgestein der Schweiz, auf dem unsere Papierwährung ruht: der Konsens über den Wert gesunder Staatsfinanzen und die Fähigkeit der Gesellschaft, Konflikte zu lösen, ohne die Notenpresse anzuwerfen. In anderen Worten: In unserem Papiergeld, dem Schweizer Franken, steckt Schweiz drin. In Bitcoin und den anderen Kryptowährungen steckt nichts.

Kann Bitcoin zur neuen Weltwährung werden?

Aber was, wenn Bitcoin trotz alledem die neue Weltwährung wird, wie es Apples Steve Wozniak und Twitter-Gründer Jack Dorsey prophezeiten? Was, wenn Bitcoin an die Stelle all der ausstehenden Dollars, Euros, Franken usw. tritt? Gemessen an der geschätzten Weltgeldmenge von rund 40 Billionen US-Dollar2 wäre dann ein einziger Bitcoin, von denen es maximal 21 Millionen Stück geben kann, zwei Millionen US-Dollar wert – fünfhundertmal mehr als im April 2019.

«Im Schweizer Franken steckt Schweiz drin.

In Bitcoin und den anderen Kryptowährungen steckt nichts.»

Bitcoin entstand durch einen Geistesblitz von Satoshi Nakamoto3, einer Vision des bis anhin Unmöglichen: der Kombination von digitalem und zugleich dezentralem Geld. Anders als Banknoten, die von einer Zentralbank ausgegeben und kontrolliert werden, und anders als unsere digitalen Bankguthaben, die auf einem zentralen Server der Bank abgelegt sind, liegen Bitcoins in Kopie auf den Computern sämtlicher Teilnehmer des Netzwerks. Digitales Geld hatte bisher das Problem, dass jeder Teilnehmer sich ohne entsprechende Kontrollen als jemand anders ausgeben oder das eigene Geld zweimal ausgeben, also Geld selbst «drucken» oder fälschen konnte. Die programmiertechnische Herkulesaufgabe war es daher, digitales Geld fälschungssicher und knapp zu halten. Denn was nicht knapp ist, taugt nicht als Geld. Aber alles Digitale (Folgen aus Einsen und Nullen), das einmal in der Öffentlichkeit ist, lässt sich perfekt und gratis beliebig oft kopieren. Und das Internet ist ein gigantischer Kopierer, dem kaum beizukommen ist: Musikindustrie und Zeitungsbranche…

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