Editorial

 

«Alle Menschen müssen sterben,
alles Fleisch vergeht wie Heu:

Was da lebet, muss verderben,
soll es anders werden neu.»

Johann Rosenmüller (1652), vertont 1714 von Johann Sebastian Bach in «Das Orgelbüchlein» (BWV 643).

 

Alle Menschen müssen sterben? Noch ist das der Fall. Auch wenn natürlich niemand sich selbst und auch keine geliebte Person zu den Opfern von Gevatter Tod zählen will. Während es zu Zeiten Bachs Alltag war, an einem Blinddarmdurchbruch, einer Infektion oder einer Lungenentzündung zu sterben, ist heute alles anders: «Ich bin mit 74 Vollwaise geworden», schreibt Franz Hohler scherzhaft-wahrhaft in seinem neuen Kurzprosa-Büchlein «Fahrplanmässiger Aufenthalt» über den Tod seines Vaters mit 101 Jahren. Dagegen werden die Kinder aktuell zu Hause mitsamt ihren Eltern eingesperrt und müssen ihre Jugend in Unfreiheit verbringen, obwohl sie vom Coronavirus kaum gefährdet sind. In Tat und Wahrheit sterben Risikopatienten daran, und das sind zumeist ältere Menschen: Lediglich 0,56 Prozent der bisherigen Coronatoten in der Schweiz (5 von bisher 899, Stand 14. April) waren jünger als 50. 68 Prozent waren älter als 80.

Das Risiko des Lebens, zu dem auch der Tod gehört, soll es nicht mehr geben in der Welt von heute. Aus Angst davor, die Verantwortung selbst zu tragen, übertragen sie viele bereitwillig den Behörden. Und die retten die Welt (oder glauben das wenigstens) ohne Grenzen und ohne Berücksichtigung der Folgen: Massnahmen, die kerngesunde Unternehmen in den Ruin treiben? Schulden, die man irgendwann wieder zurückzahlen, rekordtiefe Zinsen, die man irgendwann wieder anheben müsste? Kollateralschäden wie Suizide? Neben diesen massiven ­Auswirkungen, die alle zu spüren bekommen werden, geht es auch um den Verlust der bürgerlichen Freiheiten: Neben der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, der zunehmenden Über­wachung und der ausgesetzten demokratischen Rechte ist das grösste Opfer die Gewerbe­freiheit. Unternehmern wird de facto untersagt, ihr Lebenswerk erfolgreich weiterzuführen, bei Karrieren wird die Pausetaste gedrückt.

Konservativen Menschen, die sich an vertraute Umstände gewöhnt haben und gut mit ihnen leben, droht eine schwierige, turbulente Zeit. Aufgebaute Werte und Vermögen, die bisher ein Leben lang sicher waren, könnten sich auflösen und neu ordnen. Aber was kommt dann? Eine Rezession, eine Depression, ein Ölpreisschock, eine Hyperinflation, das Grundeinkommen? Können Sie sich vorstellen, dass Bitcoin schon in drei Jahren eine, ja vielleicht die Weltwährung bzw. Weltzentralbank ist, und der Dollar, der Euro, der Franken am Ende? Wohl nicht. Aber hätten Sie jemandem vor drei Jahren erzählt, dass die globalisierte Wirtschaft zum Stillstand kommt wegen eines Virus, das nur Risikopatienten lebensgefährlich bedroht: Man hätte Sie ausgelacht.

Zu hoffen bleibt nur, dass uns jetzt endlich auffällt, dass ein System, in dem private Unternehmen heruntergefahren werden und der Staat alles regelt, ordnet und zahlt, nicht funk­tionieren kann. Die Welt 2021 wird eine andere sein. Vielleicht notgedrungen eine, in der das Individuum wieder mehr Selbstverantwortung tragen wird.

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  «Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu: Was da lebet, muss verderben, soll es anders werden neu.» Johann Rosenmüller (1652), vertont 1714 von Johann Sebastian Bach in «Das Orgelbüchlein» (BWV 643).   Alle Menschen müssen sterben? Noch ist das der Fall. Auch wenn natürlich niemand sich selbst und auch keine geliebte Person […]

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»