Zieht die Zügel an!
Barbara Kolm. Bild: OeNB.

Zieht die Zügel an!

Grüne Geldpolitik, Helikoptergeld, Modern Money Theory – die Zentralbanken müssen sich wieder auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: die Geldwertstabilität.

 

Quo vadis, EZB? Spätestens seit der Finanzkrise 2008 und der nachfolgenden Eurokrise 2012 hat die Europäische Zentralbank (EZB) sich immer weiter einer lockeren Geldpolitik zugewandt. Blickt man auf die Geldmenge, die in der europäischen Wirtschaft unterwegs ist, stellt man fest, dass die (versteckte) Inflation – klassisch verstanden als eine Expansion eben jener Geldmenge – jährlich bis zu acht Prozent gestiegen ist.1Neben extrem niedrigen oder gar negativen Zinssätzen, die bislang auch trotz wirtschaftlicher Erholung nicht erhöht wurden, hat man in Frankfurt unter der Führung von Ex-Zentralbankchef Mario Draghi zu neuen Methoden wie beispielsweise dem gezielten Aufkaufen von Staats- sowie Unternehmensanleihen gegriffen.

Eine erfolgreiche Geldpolitik sieht anders aus

Auch wenn ein wirtschaftlicher Aufschwung in den letzten Jahren stattgefunden und zu stabilem (wenngleich bei ein bis zwei Prozent etwas müdem) Wirtschaftswachstum fast überall in Europa geführt hat, kann man die Geldpolitik der EZB im letzten Jahrzehnt kaum als erfolgreich bezeichnen. Berücksichtigt man die bevorstehende globale Abschwächung des Wachstums aufgrund der Verlangsamung der Dynamik des Welthandels und der Industrieproduktion, werden die Herausforderungen für Notenbanken grösser.

Die heutige EZB sieht es als ihre Aufgabe an, die Inflationsrate – bemessen an der Preisinflation, nicht der Geldinflation wie oben erwähnt – bei «nahe, aber unter zwei Prozent» zu halten. Mit einer Inflation in der Gegend von einem halben bis eineinhalb Prozent (zuletzt im November 2019 bei einem Prozent2) hat sie das schon nicht erreicht.

Hinzu kommt, dass es die eigentliche Kernaufgabe der EZB ist, Geldwertstabilität zu gewähren. Wie eine Gruppe von ehemaligen Zentralbankchefs aus Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden in einem Memorandum im Jahr 20193 richtig argumentierte, wäre eine Inflationsrate von knapp einem Prozent vollkommen in Ordnung gewesen und hätte das Mandat der EZB erfüllt. Doch die irrationale Vorstellung, die Inflation müsse bei zwei Prozent liegen, hat die EZB dazu veranlasst, eine unnötig lockere Geldpolitik zu implementieren, die in den letzten Jahren schwere Schäden angerichtet hat und es weiterhin tun wird, sollte nicht endlich eine Umkehr stattfinden.

Wie das Memorandum weiter erklärt, haben die ultralockere Geldpolitik sowie die grossen Anleihenkaufprogramme der letzten Jahre dazu geführt, dass Nationalstaaten nach der Finanzkrise keine echten Strukturreformen umsetzen mussten, da die Zen­tralbankpolitik einfach die weitere Verschuldung finanzierte. Ein Umdenken von Regierungen, die ihre Länder in wirtschaftlichen Problemen sahen, war nicht nötig: Trotz der nicht gemachten Hausaufgaben konnten sie sich von Krise zu Krise retten, indem sie die Hilfe der EZB (und anderer von der EZB finanzierten Länder) annahmen. Dieser Schutz von schwerverschuldeten Staaten könnte besonders in der nächsten Krise noch dramatische Folgen haben, da eine «Zombifizierung» sowohl der Finanz- als auch der Realwirtschaft (insbesondere der mittelständischen Unternehmen) stattgefunden hat. Die negativen Folgen dieser Politik auf Individuen und Bürger sind mehrdimensional.

Wer nicht hat, dem wird genommen

Die lockere Geldpolitik hat zu einer Blasenbildung geführt, die früher oder später neue Krisen auslösen kann. Dies ist insbesondere am Immobilienmarkt zu beobachten.4 Die extremen Anstiege auf Aktien- und Finanzmärkten in den letzten Jahren bei gleichzeitig hinterherhinkender Gesamtwirtschaft sind ebenfalls ein Zeichen dafür, dass die enorme Geldausweitung durch die EZB-Politik eben doch inflationäre Effekte aufzeigt, wenngleich nur in manchen Bereichen. Die österreichische Schule der Nationalökonomie, insbesondere die Konjunkturtheorie, hat dieses Phänomen mehrfach beschrieben.

Blickt man auf eben jene Märkte, so stellt man auch fest, dass vom Wirtschaftswachstum der letzten Jahre in erster Linie die Oberklasse der Gesellschaft profitiert hat. Es sind immerhin hauptsächlich wohlhabende Menschen, die in Immobilien, Aktien oder andere Finanzinstrumente investieren. So haben, wenn wir ein letztes Mal zum Memorandum der Zentralbankchefs zurückkehren, «Umverteilungseffekte zum Vorteil für Besitzer von Immobiliarvermögen» stattgefunden, welche «soziale Spannungen kreiert» haben.…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»