Von Zeit zu Zeit

Beschleunigung, Hetze, Burn-out: Schuld daran ist unser naiver Glaube an die verordnete Uhrzeit, behauptet Zeitforscher Karlheinz Geissler. Wieso wir gut
daran tun, über das Ziffernblatt hinauszudenken.

Von Zeit zu Zeit
Karlheinz Geissler, photographiert von Jonas Geissler.

Herr Geissler, schön, dass Sie sich Zeit nehmen, mit mir zu sprechen. Wobei: das ist ja gleich schon die erste Frage. Kann man sie sich nehmen, die Zeit? Hat man überhaupt welche?

Nein. Die Zeit ist nicht so etwas wie ein Gegenstand, der von mir abgetrennt ist, den ich mir also nehmen und an Sie vergeben könnte. Zeit haben, Zeit nehmen, Zeit erhalten – all diese Begrifflichkeiten existieren erst, seit es die Uhr gibt. Und Sie werden mir zustimmen, dass Zeit auch schon vorher dagewesen sein muss, nicht?

Im Prinzip schon, wobei: was ist Zeit?

Wir Menschen nennen das Werden und Vergehen «Zeit». Und wir leben quasi in zwei Zeiten. Eine, die uns qua Geburt mitgegeben ist, die uns chronobiologisch strukturiert – unsere Lebenszeit, wenn Sie so wollen, in die wir hineingesetzt werden mit dem Anfang unseres Lebens und aus der wir wieder ausscheiden, wenn wir sterben. Diese Zeit überlebt uns und ist älter als wir – wir können sie nicht beeinflussen oder kontrollieren. Nehmen wir einmal das augenscheinlichste Werden und Vergehen: die Erddrehung, das heisst: den Tag-und-Nacht-Wechsel. Zwar ist kein Tag wie der andere, die Signale aber, die der Tag-und-Nacht-Wechsel aussendet, wiederholen sich: Wir werden jeden Tag müde, aber nicht immer zur gleichen Zeit. Dieser natürliche Rhythmus ist elastisch im Hinblick auf unsere Belastbarkeit, er ist daher ein «lebendiges» Zeitmuster.

Und das zweite Zeitsystem?

Das andere Zeitsystem, von dem ich sprach, ist nicht lebendig, sondern tot: die Uhrzeit. Sie ist eine Zeit, die wir Menschen uns selbst erfunden haben: Wir lesen sie auf der Uhr ab, sie ist pro Tag auf 24 Stunden begrenzt und einen Teil davon können wir vergeben und «uns nehmen», etwa indem wir uns hier unterhalten. Die Uhrzeit ist nicht elastisch, nicht flexibel und nicht täglich anders – sie ist immer gleich. Deshalb nenne ich sie, im Gegensatz zum «lebendigen» Rhythmus der natürlichen Zeit, ein «Totzeitsystem». Und sie existiert eben erst seit der Erfindung der mechanischen Uhr, unseres populären Zeitmessgerätes. Die darauf abgelesene Zeit ist nur ein Hilfsmittel zur Tageseinteilung. Mit der natürlichen Zeit hat sie deshalb nichts zu tun.

Unsere physische Umwelt – das Universum, unser Sonnensystem, die sich drehende Erde – repräsentiert also ein Zeitsystem, unser Körper repräsentiert ein anderes – und dann haben wir uns bei all der Zeitinflation sogar noch ein weiteres geschaffen?

Genau. Die Uhr transformiert Zeit in Zahlen und macht aus erzählter und erzählbarer Zeit gezählte Zeit. Seitdem zählen wir, wenn’s um Zeit geht, und hätten doch so viel über sie zu erzählen. (lacht) Der weltweite Erfolg der Uhr hat dafür gesorgt, dass wir, wenn wir von Zeit sprechen, augenblicklich auch an sie, die Uhr, denken. Was keineswegs sein müsste.

Dank der mechanischen Uhr können wir aber genauer planen, sie gab uns die Möglichkeit, den Tagesablauf besser zu strukturieren. Das ist doch eine Errungenschaft?

Ja, in gewissem Sinne ist es das. Wir könnten aber mit derselben Berechtigung auch sagen: die Uhr hat die lebendige Zeit in unserer Wahrnehmung ausradiert, wegrationalisiert im eigentlichen Sinne des Wortes. Und zwar, indem sie keinen Rhythmus, sondern einen Takt als Zeitmuster anbietet. Wiederholung ohne Abweichung, strenge Ordnung. Die Uhr ist also ein durch und durch rational-ökonomisches Werkzeug.

Woraus machten die Uhren also Ordnung, als sie damals von Mönchen zur Strukturierung der Gottesdienst- und Anbetungszeiten erfunden wurden? Eine gewisse Organisation gab es ja auch vorher schon.

Zunächst machten sie, wie Sie richtig sagen, Ordnung im Umfeld des klösterlichen Alltags, indem sie die Einhaltung der Gebetszeiten gewährleisteten. Der Erfolg der Uhr stützt sich aber darauf, dass man mit ihr in der Welt ausserhalb der Klostermauern Ordnung schaffen konnte: Stadttore konnten pünktlich geschlossen werden, Märkte pünktlich eröffnet, Verabredungen pünktlich eingehalten werden und so weiter. Das haben die Mächtigen, die Stadt- und Landesherren, natürlich genutzt, um mit Zeit ihre Ordnungsvorstellungen durchzusetzen. Das ist bis heute so, schön zu sehen auch an den immer wieder aufflammenden Diskussionen um längere Ladenöffnungszeiten. Und der Laden ist ein gutes Stichwort: Nach den politischen Machthabern entdeckten nämlich die Handelsleute die «neue Zeit» für sich…

…und sagten beim nächsten Atemzug: «Zeit ist Geld.»

Ganz genau. Diese Aussage ist nur im Hinblick auf die Uhrzeit möglich, denn nur eine von der Natur und allen Erfahrungen geleerte Zeit können Sie mit Geld besetzen, oder genauer: in Geld verrechnen. Die Uhrzeit erhält so ein Preisschild umgehängt. Damit das aber möglich wird, müssen Sie zunächst an die Uhr und ihre Zeitsignale und dann auch noch ans Geld glauben. Kalauernd könnte man sagen: Sie müssen, wenn Sie Zeit in Geld verrechnen, im doppelten Sinne dran glauben. (lacht)

Die Idee «Zeit ist Geld» liegt der Arbeitswertlehre der klassischen Nationalökonomie zugrunde. Demnach sollte die Zeit, die aufgewendet wurde, um einen bestimmten Gegenstand herzustellen, dessen Wert bestimmen. Es war also laut dieser Theorie egal, ob Sie in zwei Wochen einen Stuhl oder einen Teilchenbeschleuniger konstruieren: beides hätte dasselbe gekostet. Diese Idee hat sich als falsch herausgestellt.

Der alte Marx hat die Arbeitswertlehre auf die Spitze getrieben und damit gezeigt: Sie taugt nicht. Einen richtigen Satz zum Thema hat er aber dennoch beigesteuert: «Alle Ökonomie ist Ökonomie der Zeit.» Die Zeit ist in jedem ökonomischen System ein Kostenfaktor. Immer. Und das stimmt. Falsch ist hingegen der Umkehrschluss, den man ja heute gern in die Schulbücher schreiben würde: «Alle Zeit ist Zeit der Ökonomie.» Das ist falsch, denn sonst kämen andere wichtige Dinge des Lebens – wie Liebe, Kunst und Kultur – ja gar nicht zustande. Sie gedeihen nur jenseits der Uhr. Oder anders gesagt: Arbeit ist Zeitversessenheit, Liebe ist Zeitvergessenheit.

Schön gesagt. Wenn ich nun unser Gespräch bisher zusammenfasse, stellt sich eine zentrale Frage: Ist all unser Wirtschaften nur auf Basis der Common-Sense-Uhrzeit überhaupt denkbar?

Nun, gehandelt wurde ja schon vor der Erfindung der Uhr. Den Beginn des beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs der indus­trialisierten Welt können wir aber tatsächlich etwa mit dem Zeitpunkt gleichsetzen, als die mechanische Uhr erfunden, mit dem Inhalt «Geld» belegt und diese Verknüpfung auf der ganzen Welt zunehmend als «segensreich» empfunden wurde. Man kann also sagen: Der Kapitalismus ist ein Produkt der Uhr, ohne sie existierte er nicht. Umgekehrt kann man aber auch sagen: Die Uhrzeit ist bloss eine Art Glaubenssystem, genau wie das Geld. Die Uhr wird also völlig überschätzt – und zu dieser Überschätzung wurden wir dressiert.

Inwiefern?

Sowohl das Geld als auch die Uhrzeit sind heute Staatsreligionen, sie werden von den Behörden aller Industrieländer per Gesetz vorgeschrieben und von staatlichen Behörden verwaltet und garantiert.

Staaten sind natürlich vor allem an öffentlicher Ordnung interessiert. Und wir als Bürger ja letztlich auch: schliesslich sind wir froh, wenn
die Behörde pünktlich öffnet oder der Zug, der um 8.08 Uhr am Bahnhof abfahren soll, auch zu einer allgemeinverbindlichen 8.08-Uhr-Zeit fährt.

Wie gesagt: unser materieller Wohlstand gründet auf dieser Verbindlichkeit. Wenn alle Uhren eines Landes die gleiche Zeit anzeigen und diese auch für alle unverrückbar gilt, so sind wir viel produktiver, weil besser koordinierbar. Irland kannte das System lange nicht, weshalb im Bahnhof von Dublin nicht bloss vier Uhren vier verschiedene Zeiten anzeigten, sondern Irland wirtschaftlich kaum vom Fleck kam. Was den Geld- und Güterwohlstand angeht, sind die veruhrzeitlichten Gesellschaften reicher als die anderen. Und weil der Staat das weiss, schreibt er in westlichen Industrieländern nicht nur die Zeit vor – in Deutschland kommt sie aus Braunschweig, in der Schweiz aus Bern –, sondern macht sie auch zum Gesetz, namentlich im sogenannten «Zeitgesetz». In der Schule und später auch im Militär wird einem dann eingetrichtert, dass es nur eine einzige Zeit gibt – und das ist die Uhrzeit. Es gibt aber, in Afrika etwa, noch Länder, die diese zentralistische Fixierung auf die Uhrzeit nicht kennen und die daher einen grösseren Zeitwohlstand und mehr Zeitvielfalt haben: Diese Länder sind zwar materiell ärmer, aber auch viel entspannter und zeitreicher. In solchen Gesellschaften gibt es auch keine Zwangspausen für Pausenlose, für die wir den Begriff des Burn-out erfunden haben.

In unseren Breiten klagen tatsächlich auffallend viele Menschen über Zeitknappheit und terminlichen Druck – obwohl wir heute viel mehr Freizeit haben als früher. Das ist doch paradox?

Nein, das ist nicht paradox. Was wir «Freizeit» nennen, ist keine freie Zeit, sondern Konsumzeit, in der das viele, das unter Zeitdruck produziert wird, dann unter Zeitdruck gekauft und konsumiert wird. Die Freizeit unterliegt also den gleichen Prinzipien und Dynamiken wie die Arbeitszeit. Arbeitszeit und Freizeit sind wie Vor- und Rückseite der gleichen Schallplatte. Ihre Zeitmuster sind ebenso die gleichen wie ihre Zeitzwänge.

Das klingt nun gerade so, als ob wir uns unseren Stress nicht nur selbst machen, sondern zu grossen Teilen einbilden würden.

Ja, das tun wir. Was ist es anderes als Einbildung, auf die Uhr zu schauen und daraus zu schliessen, uns liefe die Zeit davon! Unser Umgang mit Zeit ist eine gut funktionierende Einbildung.

Ich persönlich gewinne Zeit, wenn ich sie gut plane.

Nein, Sie sind dann nur ein cleverer Uhrzeitmanager und ein braver Gläubiger. Und so einer managt doch wieder nur die Uhrzeiten und Termine! Er erstellt Schedules, Timetables und To-do-Listen und glaubt, diese so besser – also schneller – abarbeiten zu können. Sie kommen auf diese Weise nur immer tiefer in Ihr Hamsterrad, weil jedes Mitglied einer hochflexiblen Gesellschaft einfach mehrere Zeiten koordinieren muss. Wenn Ihnen das schwerfällt, brauchen Sie einen Zeitberater.

Einen wie Sie? Nun denn los: was macht so ein Zeitberater anders als ein Zeitmanager?

Der Zeitberater schafft zunächst Verständnis dafür, dass es unterschiedliche Zeiten gibt und man diese auch verschieden nutzen kann und soll: Es gibt die Uhrzeit, die im Bereich der Wirtschaft und der Arbeit die Hauptrolle spielt. Und dann gibt es die soziale Zeit, die im Bereich Familie, Freundschaft, Gemeinschaft, Kooperation dominiert. Des weiteren spielen die Zeiten des Körpers, die biologischen Zeitmuster, eine wichtige Rolle – wann bin ich aktiv, wann arbeitsfähig, wann müde? Zeitberatung koordiniert diese unterschiedlichen Zeiten und Zeitansprüche, sie zeigt, wie Sie die unterschiedlichen Zeiten und Zeitanforderungen balancieren, ohne in Zeitdruck und in Zeitkonflikte zu geraten. In den USA sucht man zum Beispiel Langstreckenpiloten auch nach ihrem Wach-Schlaf-Rhythmus aus – um die Gefahr, im Cockpit einzuschlafen, zu minimieren.

Wie bringen Sie aber nun einem termingeplagten Uhrzeitgläubigen wie mir ganz konkret bei, kurz vor Redaktionsschluss keine Zeitnot, also keinen Stress zu bekommen?

Erste Regel: Halten Sie sich von Uhren fern! (lacht) Regel zwei: betrachten Sie Zeit generell nicht quantitativ, sondern qualitativ – dazu müssen Sie sich ein Stück weit von der leeren Uhrzeit entfernen. Es geht nämlich nicht darum, wie viel Zeit Sie «haben», sondern welche Zeiten Sie haben. Sie müssen sich vom Denken verabschieden, dass «mehr machen» besser ist als «weniger machen». «Genuss», da sind wir uns einig, hoffe ich, können Sie und ich nämlich nicht quantitativ definieren, sondern nur qualitativ – so ist es mit fast allen Dingen im Leben, die man erlebt. Erfahrung ist qualitativ und steht im Kontrast zur rein quantitativen Uhrzeit: Spielen mit dem Sohnemann, einen Berg besteigen, ein gutes Menü, einen guten Wein geniessen, da vergisst man besser die Zeit. Generell gilt: leben, erfahren Sie Zeit, messen und kalkulieren Sie sie weniger! Leben Sie Zeit mehr mit Ritualen als mit der Uhr!

Pardon, aber wie soll sich denn ein 9-to-5-Sachbearbeiter in einem Grossunternehmen diesen Luxus leisten können? Der kommt morgens zu der Zeit, da ihn der Chef einbestellt hat, übt seine Tätigkeit bis abends aus – und hat dann doch wieder seine ersehnte Freizeit.
Für Zeitberatung besteht da kein Bedarf.

Sie haben schon recht: In Situationen, in denen die Zeitmacht sehr unterschiedlich verteilt ist, also auch in den meisten Grossbetrieben, kann man ohne die Einbeziehung der Führungsebene oft wenig ausrichten als Zeitberater. Die Jobs mit rigiden Zeitvorgaben werden aber Gott sei Dank immer seltener! Dies auch deshalb, weil man selbst monotonste Tätigkeiten heute oft «elastischer» gestalten kann. Wenn in Betrieben Gleitzeit eingeführt wird, ist schon sehr viel Zeitflexibilisierung möglich. Nur: flexibles Handeln muss der Uhrzeitmensch wieder lernen. Denn was tun diejenigen, die wählen dürfen, ob sie um sieben oder um acht oder halb neun an ihrem Arbeitsplatz erscheinen? Sie kaufen sich einen Wecker, um sich zu standardisieren!

Und normen sich instinktiv wieder nach der Uhrzeit ein.

Da liegt der Fehler! Wir beraten Unternehmen, die auf Gleitzeit umstellen, dahingehend, dass wir sie darauf hinweisen, dass Gleitzeitarbeit nur dann von Vorteil ist, wenn die Mitarbeiter ein Gefühl für die Rhythmen ihrer Arbeitskraft entwickeln. Sie müssen sich fragen: Wann kann ich was besonders gut leisten? Unternehmer profitieren davon, wenn ihre Mitarbeiter ihren eigenen Leistungsrhythmus präsent haben, ihn erleben, also ihre verschiedenen Zeiten gut koordinieren. Gelernt werden musste das auch in der Schule, zum Beispiel durch einen flexiblen Unterrichtsbeginn am Morgen, einen Zeitpuffer von bis zu einer Stunde, in der die Kinder, ihrer Lernfähigkeit entsprechend, in der Schule erscheinen können. Immer mehr Menschen und Institutionen entwickeln also einen neuen Abstand zum herrschenden Zeitregime.

Das klingt nun leicht esoterisch. Was hat es damit auf sich?

Die Uhrzeit spielt in der globalisierten Welt von heute nicht mehr eine so grosse Rolle wie noch vor wenigen Jahren. Nehmen Sie die Pünktlichkeit als eine Art Moral der Uhrzeit: sie verliert an Wert. Wir müssen immer seltener pünktlich sein, aber immer häufiger am Punkt. Am Punkt aber kann man nur sein, wenn man sich nicht zur Pünktlichkeit verpflichtet hat. Um am Punkt zu sein, braucht man keine Uhr, aber ein Mobiltelefon. Deshalb hat beim Zuspätkommen zu einem Termin der alte – moralische – Satz des Gegenübers «Wieso bist du zu spät?» ausgedient, und ein neuer – reaktionsabhängiger – hat seinen Platz eingenommen: «Warum hast du nicht angerufen?»

Das Entschleunigungsideal vieler Mitmenschen setzt sich also quasi von allein um, nur merken es viele noch nicht?

Das tut es, weil die Beschleunigung die Sehnsucht nach Entschleunigung – ich spreche lieber von Enthetzen – produziert, und der Kapitalismus ist deshalb allen anderen Systemen überlegen, weil er die Mängel und Sehnsüchte profitabel machen kann. Dazu zählen: der ganze Spa- und Wellness-Hype, die Sinnsuche auf spirituellen Reisen nach Asien und Afrika, der halbjährige Tempel­aufenthalt in entlegenen Teilen Nepals, der Klosterurlaub im Schwarzwald, das Do-nothing-Weekend in einem irischen Cottage. Es zählt zu den Idealvorstellungen des Kapitalismus, dass wir von Besinnung zu Besinnung hetzen.

Entsprechend findet bei uns auch die Slow-City-Bewegung grossen Anklang? Orvieto in Italien etwa hat sämtliche Restaurant- und Modeketten ebenso aus der Stadt gesperrt wie Automobile und sonstige «Beschleunigungen». Was halten Sie davon?

Vorsicht! Man muss viel rennen, um zur Slow-City zu werden, und häufig auch weit und schnell fahren, um dort anzukommen. Or­vieto, eine pittoreske Kleinstadt inmitten von Weinbergen, mag damit ja gute Erfahrungen machen. Dies aber vor allem, weil Touristen kommen, um sich das Funktionieren dieser angeblich entschleunigten Stadt anzuschauen. Aber versuchen Sie doch das mal in Castrop-Rauxel, Grenchen oder Thalwil! Sie werden bald feststellen: diese Orte sind dann nicht nur entschleunigt, sondern bald entvölkert. Hypes kommen und gehen. Ihr eigenes Leben machen Sie zu einer besseren Zeit, indem Sie vor allem weniger auf die Uhr schauen.

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