Du musst dein Leben steigern!

Die Wachstumsrhetorik ist ein grosses Missverständnis. Europa ist seit der frühen Neuzeit auf mehr als Wachstum angelegt: auf Lebenssteigerung. Stichworte zu einer Neufassung der europäisch-unternehmerischen Idee vom reichen Leben.

Du musst dein Leben steigern!

Wer heute eine affirmative Wachstumsdoktrin vortragen möchte, befindet sich in einer wenig beneidenswerten Position: er muss sich zur Verteidigung seiner These auf einen Begriff stützen, der schon heute stark kompromittiert ist und der künftig wohl gänzlich unbrauchbar werden wird. «Produktivitätswachstum» – das geht wohl noch an; aber schon der Drohbegriff «Bevölkerungswachstum» macht den positiven Eindruck zunichte, um vom «Wachstum» der Krebszellen nicht zu reden, und von dem vielerorts angeklagten «Wachstumswahnsinn» erst recht nicht. Es scheint, als hätten die Sprecher und Theoretiker der modernen Wirtschaft es versäumt, rechtzeitig an die semantische Wurzel ihrer Existenz zu gehen und eine adäquate Sprache für das grosse profitwirtschaftliche Gewinnspiel der Neuzeit zu entwickeln. Man hat zu lange auf die suggestive Gemächlichkeit einer letztlich noch immer agrarromantisch codierten Terminologie gesetzt und steckt jetzt semantisch in einer Falle, aus der es kein Entrinnen gibt. Der einzige Ausweg besteht darin, sich auf die Quellen des grossen europäischen Bereicherungsspiels zu besinnen und von dort her eine neue Sprache für das zu entwickeln, was mit der unmöglich gewordenen Rede vom Wachstum wirklich gemeint war.

 


 

Ich denke, man muss mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurückgehen, um sich vor Augen zu bringen, was die Kultur- und Wirtschaftsrevolution der Europäer bedeutet und was diese in der Folge von anderen Kulturen unterscheidet. Egon Friedell hat meines Erachtens recht daran getan, seine grossartige Kulturgeschichte der Neuzeit mit der Schwarzen Pest von 1348 beginnen zu lassen. Diese schwerste Epidemie der Menschheitsgeschichte löschte innerhalb weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung Europas aus und veranlasste die Zeitgenossen zu der Meinung, es sei leichter, die Übriggebliebenen zu zählen als die Toten. Wer so verreckt, für den steht kaum der Himmel offen. Europäische Pestüberlebende können darum nicht mehr anders, als sich mit einer typischen und neuen Betonung an das Leben vor dem Tode zu klammern.

Das klassische Dokument dieser neueuropäischen Orientierung auf die diesseitige Existenz ist Giovanni Boccaccios berühmtes und berüchtigtes Hundertgeschichtenbuch: «Il Decamerone». Es bezeugt unmissverständlich den Neuen Bund der Nach-Pest-Europäer mit dem irdischen Leben. Man soll sich davor hüten, in diesem überragenden Buch nur die erotische Geschichtensammlung zu sehen, die es natürlich auch darstellt. Der Sache nach ist es gerade kein Männermagazin des 14. Jahrhunderts, sondern ein Aufheiterungsbuch für Überlebende und für Frauen, von deren guter Laune – das weiss Boccaccio – der Zauber des geselligen Lebens abhängt. Der «Decamerone» ist die Magna Charta der europäischen Selbstermunterung, er enthält nicht weniger als den Versuch, die Lebensgründe für europäische Stadtmenschen neu zu buchstabieren und ihrer Liebe zum Leben einen neuen Anhalt in der Welt zu bieten. Der «Decamerone» erzählt von hundert Gründen, trotz allem das Leben vor dem Tod zu lieben; er verkündet ein pluralistisches Evangelium der Heiterkeit, der Neugier, der Schlagfertigkeit. Wenn die grosse Pest tatsächlich das Realsymbol für das Ende des christlichen Mittelalters war, so steht der «Decamerone» für die beginnende Renaissancekultur und die Umstellung alteuropäischer Lebensstimmungen von Todesüberwindung auf Diesseitsbewältigung.

Liest man die Dokumente der frühen Neuzeit unter dieser Optik, so wird deutlich, dass die typischen Nach-Pest-Europäer, sofern sie dem städtischen Geist nahestehen, schon eher an die Fortuna als an Christus geglaubt haben. Als Göttin der Gewinne und Verluste steht Fortuna, die wechselhafte femme fatale, am Eingang zur europäischen Neuzeit. Sie repräsentiert das Abenteuer der Bereicherungen und der Lebenssteigerungen, ohne die sich der Typus des neuzeitlichen Besitz- und Bildungsbürgers eine «menschliche» Existenz schlechterdings nicht mehr vorstellen kann. Aus diesem Geist wurde Europa für ein halbes Jahrtausend zur Mitte der Welt, Ausgangspunkt einer ungeheuren Expansion und Taktgeber in einem umfassenden Prozess, den wir heute die Globalisierung nennen. Die Jahre 1492 bis 1945 stehen weltgeschichtlich ganz im Zeichen Europas, sie…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»