Grau drüber: Freie Sicht für den Betrachter

Zeichnungen von Nanne Meyer

Grau drüber: Freie Sicht für den Betrachter

Ein Leben zu führen, das könnte heissen: den Versuchungen zu widerstehen und das, was übrig bleibt, das ist das eigene Leben. Komponieren: aus einer Sammlung von Tönen aller nur möglichen Höhen, Farben und Längen die meisten verstummen zu lassen, und das, was zurück bleibt, das ist die Komposition. Bildhauern: von den unzähligen Formen, die in einem unbehauenen Block angelegt sind, alle bis auf eine zu verwerfen, diese ist dann die Skulptur.

Zeichnen: aus dem Strom der nicht ausformulierten Gedanken, dem Ringelreihen der nicht begrifflichen Erinnerungen, dem Flirren der huschenden Eindrücke die meisten vorbeiziehen zu lassen und die übriggebliebenen in Linien zu kondensieren. Oder auch, Gedanken, Erinnerungen, Eindrücke durch die Übersetzung in Linien zum Verweilen einzuladen. Haltbar, dingbar, bildbar zu machen. Was nicht vorbeizieht, das ist dann die Zeichnung.

Der Zeichenstift als Blitzableiter der Seelenspannung. Als Werkzeug, das auswählt, übersetzt und konkretisiert. Als Kanal, der von den obersten Schichten des Gedankenmeers zum tiefen Grund des Zeichenpapiers führt. Es könnte der Zeichenstift von Nanne Meyer sein.

Ihre Bilder sind von keiner Fülle, die den Atem verschlägt; sie sind von einer Leere, die atmen, aufatmen lässt. Wie etwa die Ansichten aus dem Zyklus «Staubkarten». Sein Ausgangsmaterial sind Karten, wie sie sich im Postkartenständer vor dem Souvenirladen im Urlaubsort finden lassen. Jedoch nicht die bunten Ansichten mit Sehenswürdigkeiten, sondern jene Karten, die als Stütze hinter solchen Stapeln stehen, abgegriffen, fleckig, verwittert. «Jahrelang haben Staub und Wasser gezeichnet. Ich tue fast nichts – und schon zeigt sich ein Bild». Nanne Meyer ergänzt ein Geländer, so wie sie auf Aussichtsplattformen anzutreffen sind, davor zwei Personen, aneinander gelehnt. Mehr nicht. Es könnte überall sein. Es könnte jeder von uns sein. Es macht Spass zu sehen, was nicht gezeichnet ist. Nanne Meyers Bilder sind der vorbereitete Freiraum für die Geschichte des Betrachtes. Sie sind der Grund, von dem aus die eigenen Gedanken zu strömen, die eigenen Erinnerungen zu tanzen, die eigenen Eindrücke zu huschen beginnen. So bleibt mit kurzem Unterbruch auf dem Papier alles in Bewegung (S. 49).

Dort, wo kein Freiraum ist, da schafft ihn Nanne Meyer. Das Centre Pompidou auf der Ansichtskarte von Paris, die Staatsoper unter den Linden auf jener von Berlin, die Rialto-Brücke in Venedig, der Felsendom in Jerusalem oder die Akropolis in Athen? Das kennen wir doch alles, das haben wir doch schon zigmal gesehen. Weg damit! Grau drüber! Die Erinnerung verweilt bei anderem. Dem verlorenen Schuhabsatz, dem Geruch heisser Marroni, der verpassten Verabredung, den vom Speiseeis klebrigen Fingern, den viel zu vielen gurrenden Tauben, der Tasse Espresso vor der Zeitung. Für diese Erinnerungen geben die Ansichtskarten aus dem Zyklus «Begraute» den Raum (S. 7).

Doch was könnte Nanne Meyers Arbeiten und Anliegen besser verdeutlichen als die Wolken, Sinnbilder von Wandel und Vergänglichkeit? Wolken wie Gedanken wie Zeichnungen. Eine löst die andere ab. Ein Kommen und Gehen. Neu und immer vertraut. Ein Verdunkeln, ein Aufhellen. Für Momente gibt die Kondensation der Flüchtigkeit eine Form. «Leicht bewölkt», eine Installation aus vielen kleinen Büttenpapierchen, die mit Stecknadeln an die Wand geheftet sind, jedes einzelne ein Wölkchen – und alle zusammen eine Wolke ergebend –, sind wie ein Kommentar Nanne Meyers zu ihrer eigenen Arbeit.(Weitere Abb. S. 14, 32, 33, 39 und 59; Courtesy: Galerie & Edition Marlene Frei).

Nanne Mayer, geboren 1953 in Hamburg, studierte von 1975 bis 1981 an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg. Seit 1994 ist sie Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee.

Die Künstlerin wird von der Galerie Marlene Frei, Zürich, vertreten. Ihre Installation «Leicht bewölkt», von der ein Auszug auf dem Titelblatt abgebildet ist, kann zur Zeit in der Ausstellung «Wolken» im Aargauer Kunsthaus betrachtet werden.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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