Weihnachtsmärkte hinter Gittern
Jovana Dikovic, fotografiert von Daniel Jung.

Weihnachtsmärkte hinter Gittern

Am Weihnachtsfest soll das Gemeinsame im Zentrum stehen. Doch in diesem Jahr wird das Trennende betont.

Die Zürcherinnen und Zürcher lieben die Lichter der Stadt, die Kerzen und den betörenden Duft von Glühwein mit einer Prise Zimt. Ein einziger Schluck davon versetzt einen in himmlische Gefilde, macht glücklich und friedlich. Alle Sorgen scheinen zu verschwinden ‒ zumindest in der kurzen Zeit, in der die Menschen auf den traditionellen Weihnachtsmärkten gemeinsam feiern. Das Geheimnis liegt nicht im Zimt, sondern im Heiligen Geist, der um die Jahreswende herum weht.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr überreich seid in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes!
(Elberfelder Bibel, Römerbrief 15, 13)

In diesem Jahr scheinen die Verse der Liebe und der Hoffnung aber an verschlossene Türen zu klopfen. Die Welt von heute ist nicht mehr die, die sie einmal war. Weder den Römern noch später den Osmanen gelang es, Weihnachten auszutreiben. Nun versuchen es die europäischen Massnahmen gegen die Covid-19-Pandemie erneut.

Wohl zum ersten Mal in der modernen Geschichte brauchen Menschen eine Eintrittskarte, um Weihnachten auf öffentlichen Plätzen zu feiern. Sogar Jesus Christus selbst wäre ohne ein solches Ticket machtlos. Auch er bräuchte die Eintrittskarte, um den öffentlichen Markt zu betreten, der seinen Namen ehrt und die Werte feiert, die er verbreitet hat. Die Weihnachtsmärkte im öffentlichen Raum sind in Privatangelegenheiten umgewandelt worden, die kleinen Staaten ähneln. Sie sind exklusiv denjenigen vorbehalten, die eine Eintrittskarte haben.

Weihnachtsmärkte als Privileg der Zertifizierten

Der Raum der Freude, des Glühweins, der leckeren Speisen und des betörenden Zimtdufts ist zum Privileg der Berechtigten geworden. Diese Räume – sie kommen wie kleine Staaten daher – sind optisch vom Rest des öffentlichen Raums abgetrennt, manchmal mit Metallzäunen, manchmal mit hohen Holzwänden. Freundliche Pförtner lassen die Besucher erst ein, nachdem sie die Gültigkeit ihrer Zertifikate überprüft haben. Wie jeder Staat haben auch die Weihnachtsmärkte ihre Leibwächter. In Deutschland sind einige von ihnen gar mit Gewehren bewaffnet. Die Wächter in der Schweiz haben zwar nur durchtrainierte Bizeps. Das reicht aber aus, um jeden potenziellen Eindringling abzuschrecken.

Bei meinem Rundgang durch Zürich kam ich an mehreren Weihnachtsmärkten vorbei und fragte mich, wer auf die Idee gekommen war, den öffentlichen Raum abzusperren und ihn denjenigen mit den Covid-Zertifikaten vorzubehalten. Die Institution des Privateigentums war sicherlich eine unmittelbare Inspiration. Das Konzept der Umzäunung, des Schutzes und des Nutzens von Privateigentum hat seine Berechtigung in den politischen und wirtschaftlichen Philosophien Westeuropas. Aber wer, um Himmels willen, hat beschlossen, diese Idee zu Weihnachten anzuwenden?

Ich ermahne euch aber, Brüder, dass ihr achthabt auf die, welche entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, Zwistigkeiten und Anstösse anrichten, und wendet euch von ihnen ab! Denn solche dienen nicht unserem Herrn Christus, sondern ihrem eigenen Bauch, und durch süsse Worte und schöne Reden verführen sie die Herzen der Arglosen.
(Elberfelder Bibel, Römerbrief 16, 17‒18)

Die Corona-Krisenmanager haben offensichtlich die Effizienz des Privateigentums in wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten mit seinem wirksamen Einsatz in medizinischen Angelegenheiten verwechselt. Denn eine Pandemie verhält sich nicht so vorhersehbar, wie es Menschen normalerweise tun. Und Viren dringen meist unbemerkt in Menschen, Tiere und geschlossene Gemeinschaften ein. Sie verbreiten ihre Ansteckung subtil, sanft und unsichtbar, indem sie sich in den Körpern derer einnisten, die meinen, sie seien geschützt und sicher.

Privatisierung gemeinsam genutzter Plätze

Mit der Einführung der Covid-Zertifikate im September 2021 in der Schweiz wurde versprochen, dass sie die Übertragung des Virus verlangsamen, neue Infektionen eindämmen und eine Überlastung der Krankenhäuser vor Weihnachten verhindern würden. Nichts davon ist eingetreten, wie die aktuelle Situation anschaulich zeigt.

Die «Tickets zur Freiheit», wie viele die Covid-Zertifikate auch bezeichnen, werden wahrscheinlich nicht nur Weihnachten ruinieren. Sie stellen auch die Idee des öffentlichen Raums in Frage. Indem sie gemeinsam genutzte Plätze in private umwandeln und sie einer medizinischen Funktion unterwerfen, berauben die Krisenmanager die Menschen der gemeinschaftlichen Aspekte von Weihnachten – des geteilten Glücks.

Die Pandemiemanager sehen in der Privatisierung des Staates die Möglichkeit, die politische Vielfalt und verschiedene Ebenen der Kontrolle zu unterdrücken, die in einer demokratischen Gesellschaft normalerweise funktionieren. Die Übernahme der Kontrolle in einem privatisierten Staat ermöglicht es ihnen, ungestört eine Reihe von Dingen zu steuern – von der öffentlichen Gesundheit über die Mobilität und die Freizeit bis hin zu Weihnachten.

Die Covid-Krisenmanager machen alles noch schlimmer, indem sie darüber entscheiden, wie wir uns verhalten, feiern und unsere Gesundheit behandeln sollen. Bald werden die Weihnachtsglocken läuten, und wir sollten uns fragen, ob wir akzeptieren, dass selbst die kostbarsten und heiligsten Elemente des Lebens in Zukunft den Bestimmungen und Launen des Notstands unterworfen werden.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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