Die grosse Einkaufstour

Zentralbanken decken sich mit Anleihen (halb)maroder Staaten ein. Geschäftsbanken tun es ihnen gleich mit Gratisgeld, das sie von Zentralbanken erhalten. Und die Staaten refinanzieren ihre Schulden mit immer noch mehr Schulden. Sind alle also zufrieden? Nicht ganz.

Die grosse Einkaufstour
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Die grossen Zentralbanken der westlichen Welt sind seit mehreren Jahren auf Einkaufstour. Staatsanleihen stehen weit oben auf der Wunschliste. So hat sich ihr Bestand in den Bilanzen der amerikanischen, britischen, japanischen und europäischen Zentralbanken seit dem Jahr 2009 verdoppelt. Während die Zukäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) mit 53 Milliarden Euro in absoluten Zahlen vergleichsweise gering ausfallen (in concreto: 53 000 000 000), erreichen sie andernorts beträchtliche Ausmasse: die Bank of England hat ihre Bestände um 262 Milliarden Pfund aufgestockt, die amerikanische Fed um 1270 Milliarden Dollar, und die Bank of Japan gab stolze 68 337 Milliarden Yen aus, um zusätzliche Staatspapiere zu erwerben. Auch die Geschäftsbanken in den genannten Währungsräumen halten heute deutlich mehr Staatspapiere als noch vor fünf Jahren. Diese nutzen sie auch, um im Rahmen der Refinanzierungsgeschäfte mit ihren jeweiligen Zentralban­ken Sicherheiten zu stellen. Hierdurch bekommen sie bei der gegenwärtigen Zinspolitik nahezu zum Nulltarif Zugang zu frischem Zentralbankgeld.

Wann immer Zentralbanken oder Geschäftsbanken im grossen Stil «einkaufen», ist besondere Wachsamkeit geboten – zumal dann, wenn es sich dabei um Schützenhilfe für die Staatsfinanzierung handelt. Und zwar aus einem gleichermassen simplen wie fundamentalen Grund: Im Gegensatz zu allen anderen Akteuren im Wirtschaftsgeschehen können Banken mit Geld bezahlen, das sie zuvor nicht erst verdienen müssen. Sie können es einfach per Federstrich aus dem Nichts schaffen.

Privilegienwirtschaft

So paradox es klingt: neues Geld entsteht erst durch den Einkauf der Banken. Da unser heutiges Geldsystem auf Kreditdeckung beruht (den Beträgen auf den Einlagenkonten der Kunden stehen in den Bankbilanzen Kreditforderungen gegenüber), ist die Geldschöpfung ein Akt von simultaner Geld- und Kreditexpansion. Zentralbanken unterliegen technisch betrachtet gar keinen Grenzen, sie können so viel Staatsanleihen kaufen, wie sie wollen. Ihnen geht der Rohstoff dafür – Zentralbankgeld – niemals aus, weil sie diesen Rohstoff selbst in beliebiger Menge herstellen können. Geschäftsbanken sind bei der Geldproduktion auf die Zen-tralbank angewiesen. Dank eines staatlichen Privilegs – des Teilreservesystems – benötigen sie aber nur für einen Bruchteil des von ihnen neu geschaffenen Geldes Zentralbankgeld. Der Staat als Eigentümer der Zentralbank einerseits und als Privilegienstifter für die Geschäftsbanken andererseits ist damit kein Schuldner wie jeder andere. Daher die besondere Vorsicht, wenn Banken über Geldschöpfung Staaten finanzieren. Schauen wir uns dies näher an.

Zusätzliches Geld kommt dadurch in den Wirtschaftskreislauf, dass Banken Kredite an Kunden aus der sogenannten Realwirtschaft (Unternehmen, private und öffentliche Haushalte) vergeben und dafür den Kreditnehmern neu geschöpftes Geld bereitstellen. Der Kredit der Bank ist eine Forderung gegenüber dem Kunden, und diese Forderung «kauft» die Bank mit frischem Geld. Kreditbeziehungen können in verschiedenen Formen verbrieft sein – im Kern geht es immer darum, dass der Kunde der Bank verspricht, den Kreditbetrag nach einem festgelegten Modus (Laufzeit, Zinssatz etc.) zurückzuzahlen. Konkret funktioniert die simultane Geld- und Kreditschöpfung so: Wird dem Kunden einer Geschäftsbank ein Kredit gewährt (Kreditexpansion), dann schreibt ihm die Bank den Betrag als «Einlage» gut (Geldexpansion). Die Bilanzen aller Beteiligten verlängern sich entsprechend, zusätzliches Vermögen entsteht im Zuge der simultanen Geld- und Kreditschöpfung nicht.

Hierin spiegelt sich wider, dass für die Kreditschöpfung (im Gegensatz zur Kreditvermittlung) kein anderer Akteur im Wirtschaftsgeschehen zuvor gespart hat; die Kredite, und damit auch das zusätzliche Geld, entstehen tatsächlich aus dem Nichts nur durch einen Federstrich (nämlich durch die Unterschriften von Kunde und Bank unter den Kreditvertrag). Zentralbankgeld benötigen die Geschäftsbanken in dem Masse, wie die Kreditnehmer sich einen Teil der neuen Einlage in bar auszahlen lassen – je bedeutender der bargeldlose Zahlungsverkehr, desto geringer der Zentralbankgeldbedarf der Geschäftsbanken. Ausserdem müssen die Geschäftsbanken sogenannte Mindestreserven auf die bei ihnen ausstehenden Kundeneinlagen als Zentralbankgeld vorhalten. Die Mindestreservesätze sind aber mittlerweile lächerlich niedrig. In der Eurozone wurden sie jüngst auf 1 Prozent gesenkt.

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