Karl Schmid – auf dem Weg zu einer Biographie

Thomas Sprecher hat die Werke Karl Schmids in sechs Bänden herausgegeben und nun, über ein Jahrzehnt später, die erste Biographie des Denkers vorgelegt. Wie vollzieht man den Rollenwechsel vom Editor
zum Biographen? Ein Bericht

Karl Schmid – auf dem Weg zu einer Biographie
Thomas Sprecher, photographiert von Philipp Baer.

Im Zusammenhang mit dem Komplex «Das Genaue und das Mächtige» erwähnte Karl Schmid 1970 in einem Brief die «Philologen», die «in der Herstellung des genauen Textes oft seinen Sinn völlig aus den Augen» verlören.1 Genauigkeit sei hier «das Hindernis Nr. 1 der Erkenntnis». 

Ein wenig erging es mir tatsächlich so bei der Arbeit an der Edition der Werke Schmids in den 1990er Jahren. Der Editorenblick ist ein anderer als der Interpretenblick, und dieser ist dem Biographenblick näher, denn Biographie ist Interpretation. Als Herausgeber hatte ich schon damals das Bedürfnis, Distanz zu gewinnen, um Schmid näherzukommen, und zwar auf dem Weg einer Biographie. So hielt ich während anderthalb Jahrzehnten mehrere Laufmeter an Unterlagen als manifeste Mahnung in meinem Arbeitszimmer. Der Anlass für diese Biographie ist demnach kein Jubiläum. Sie entstand aus einem persönlichen Anliegen.Am Anfang ist das eigene Verhältnis zur beschriebenen Person zu klären: Verehrung und Identifikation oder Ablehnung und Empörung? Ich mag den Begriff des Interesses, wie ihn Thomas Mann in seinen eigenen biographischen Versuchen bestimmt hat. Er hielt ihn für umfassender als Liebe, weil Interesse auch erhellende Kritik, ja sogar Polemik zulasse. Ich bewundere und liebe die Textsorte der Laudatio. Würdigen heisst aber nicht einfach loben, denn ein Moment des richterlichen Urteils ist in diesem Wort enthalten, und so kann man Biographien auch als ein vielhundertseitiges Urteil lesen – ein Urteil auch über jenen, der urteilt. Identifikation mit Karl Schmid, den ich nicht mehr persönlich kennengelernt habe, wäre ein entschieden zu starkes Wort; Wahlverwandtschaft hingegen liesse ich, für einige Belange, durchgehen.

Quellenlage und Aufbau

Wie ist mit den Quellen umzugehen? Eines vorweg: Sie sind immer unvollständig. Zwar ist vieles da, manches aber auch nicht. Eine Fülle von Material liegt in diesem Falle im Archiv für Zeitgeschichte. Aber Schmids Tagebücher sind vernichtet, auch zahlreiche Briefe. Zeitgenossen, die hätten befragt werden können, leben nicht mehr. So bleibt vieles notwendigerweise unerhellt. Das stellt vor zweierlei Probleme: Zum einen hat man sich bewusst zu halten, dass kein Papier, nur weil es vorliegt, schon Berücksichtigung verdient. Das Verschriftlichte ist nicht als solches schon bedeutend. Es untersteht der Prüfung und Auswahl. Auf der andern Seite stellt sich das Problem der Lücke: Manchmal mag es erlaubt oder sogar geboten sein, von Bekanntem auf Unbekanntes zu schliessen. Man gerät hier aber rasch in den Bereich der Spekulation. Um einige zögerliche Gänge in dieses Gelände bin ich allerdings nicht herumgekommen, auch wenn ich mich um Zurückhaltung bemüht habe.

Vor allem dort gerät man ins Spekulative, wo es um innere Beweggründe geht. Warum tat jemand dieses und warum jenes nicht? Verschiedene Gegenleserinnen und Gegenleser stellten solche Fragen. Manchmal liefert Karl Schmid selbst Antworten dazu. Aber darf man seiner eigenen Deutung immer trauen und folgen? Ist Schmid der beste Interpret seiner selbst? Ist seine Aussage gültig über den Kontext hinaus, in dem sie gemacht wurde? Es kann die Aufgabe des Biographen sein, hier Interpretationsvorschläge zu machen. Dazu besteht manchmal auch ein narrativer Appell. In erster Linie aber sollen der Leserschaft die relevanten Fakten vorgelegt werden, so dass sie in die Lage versetzt wird, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Im übrigen beschäftigt sich der Biograph mit einem fremden Lebenslauf, und er muss sich bewusst halten, dass ihm vieles davon immer fremd bleiben wird – wie übrigens ja auch beim eigenen.

Manche Quellen sind noch nicht zugänglich. So sind einzelne Briefwechsel von Dritten gesperrt, und bei Max Frisch wartet man gespannt darauf, ob die Veröffentlichung von noch versiegeltem Archivmaterial zu der Kontroverse mit Schmid von 1974 neue Gesichtspunkte freigeben wird.

Der Blick von aussen ist demnach eingeschränkt auch durch mangelndes Wissen. Andererseits weiss der Biograph nicht nur weniger als sein Gegenstand, sondern auch mehr. So standen mir Informationen zur Verfügung, die Schmid…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»