Diversifikation bringt Stabilität
Rudolf Minsch, zvg.

Diversifikation bringt Stabilität

Die Schweiz profitiert stark von Globalisierung und Freihandel. Ein Zurückholen der Produktion lohnt sich nur, wenn sie langfristig automatisiert werden kann.

 

Die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine haben zwei Punkte deutlich gemacht. Erstens können die internationalen Lieferketten und die Versorgung mit wichtigen Gütern in einer Krise kurzfristig gestört werden. So fehlten zu Beginn der Pandemie gewisse Produkte wie Masken. Zudem sorgten die behördlich verordneten Betriebsschliessungen in vielen Ländern dafür, dass die Produktion auch in der Schweiz reduziert werden musste, weil Rohmaterialien und Halbfabrikate nicht rechtzeitig geliefert wurden. Die Problematik akzentuierte sich, weil auch die Transportkapazitäten betroffen waren, insbesondere in China. Noch bevor sich die Lage nach der Pandemie wieder beruhigen konnte, verschärfte der Ukraine-Krieg die Versorgungsprobleme.

Zweitens haben sehr viele Unternehmen in den stürmischen Zeiten eine beeindruckende Flexibilität gezeigt. Es wurde entschieden und umgehend nach Lösungen gesucht, um den grossen Herausforderungen zu begegnen. Die Pandemie eröffnete sogar Chancen. Sie hat sonst kaum zu realisierende Veränderungsprozesse und Innovationen ermöglicht.1

Kurz zusammengefasst: Die Krise hat gleichzeitig die Vulnerabilität und die Flexibilität der international vernetzten Wirtschaft gezeigt. Die Frage ist nun: Wie reagieren die Unternehmen und die Staaten auf die jüngsten Ereignisse? Stehen wir am Ende des Zeitalters der Globalisierung und fallen wir zurück in eine Art Merkantilismus, wo Exporte gut sind, aber Importe verteufelt werden? Und wie soll die Schweiz reagieren?

Unternehmen erhöhen Lagerbestände

Seit Ausbruch der Pandemie hat Economiesuisse in regelmässigen Abständen die Schweizer Unternehmen befragt, wie stark sie betroffen sind und wie sie auf die Probleme reagieren. Ende 2021 gaben rund 80 Prozent der Unternehmen an, dass sie Schwierigkeiten beim Bezug von Vorprodukten hätten. Dieser Wert war noch höher als während des ersten Lockdowns 2020, als gut die Hälfte der Unternehmen mit Lieferproblemen zu kämpfen hatte.

Wie reagieren die Unternehmen auf die Lieferengpässe? Die Antworten hierzu waren über die Befragungszeitpunkte hinweg bemerkenswert stabil. Nicht unerwartet erhöhen viele die Lagerbestände, um Lieferengpässe länger überbrücken zu können. Die zweitwichtigste Reaktion besteht darin, neue Lieferanten im Ausland zu suchen. In-Shoring (also Vorleistungen wieder selber herstellen) oder Near-Shoring (die Produktion nach Europa zu holen) sind als Lösungswege interessanterweise deutlich weniger verbreitet. Nur jedes zehnte Unternehmen überlegt sich, die Vorleistungen neu in Europa zu beschaffen. Ein In-Shoring wird von gerade mal 6 Prozent der Unternehmen geprüft.

Wieso sehen Unternehmen ein In- oder Near-Shoring nicht auf breiter Front vor? In vielen Fällen ist es äusserst schwierig und mit viel zu grossen Kosten verbunden, die Produktion zurück in die Schweiz (oder nach Europa) zu holen. Einerseits gibt es in Asien und insbesondere in China zahlreiche hochspezialisierte Industriecluster. Nicht nur in der Produktion von elek­tronischen Komponenten, auch bei Schuhen, Textilien, medizinischem Verbrauchsmaterial oder Komponenten für die Maschinen- oder Automobilindus­trie liegen grosse Teile der Wertschöpfungskette in China. Wenn nun die Produktion etwa von Schuhen nach Vietnam oder sogar in die Schweiz geholt würde, dann müssten weiterhin Vorprodukte aus China bezogen werden. In anderen Worten: Die Versorgungssicherheit bei einem Unterbruch von Lieferketten würde nicht wirklich verbessert. Man verlagert das Pro­blem lediglich um ein, zwei Glieder entlang der Lieferkette. Andererseits ist die Integration der Herstellungsprozesse für Vorprodukte in das eigene Unternehmen auch deswegen wenig beliebt bei Schweizer Unternehmen, weil es oft am nötigen Know-how fehlt, das erst teuer aufgebaut werden müsste.

Wir müssen nicht alles selber machen

Das Zurückholen der Produktion in die Schweiz kann betriebswirtschaftlich nur dann eine Strategie sein, wenn langfristig ein hohes Mass an Automatisierung möglich ist. Die tiefen Kapitalkosten in der Schweiz erlauben eine kapitalintensive Produktion. Hingegen muss die Personalintensität tief sein, weil die Lohnkosten hierzulande sehr hoch sind. Folglich eröffnet die Digitalisierung durchaus Opportunitäten, eine ehemals personalintensive Produktion durch Automatisierung wieder in die Schweiz (oder nach Europa) zu holen.

Klar ist: Wirtschaft und Bevölkerung wollen mit wichtigen Gütern und…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»