Die Gig Economy erfordert ein ­flexibleres Vorsorgesystem

Die Gig Economy erfordert ein ­flexibleres Vorsorgesystem

Aufgrund der digitalen Transformation der Wirtschaft drohen viele Arbeitnehmer durch die Maschen zu fallen. Abhilfe schaffen können Reformen, welche die Eigenverantwortung stärken.

 

Die aktuellen Systeme der sozialen Sicherung sind auf die sozioökonomischen Bedingungen rasch wachsender Industriegesellschaften mit stabilen Erwerbsverhältnissen und einer jungen Erwerbsbevölkerung ausgerichtet. Diese Bedingungen unterliegen im 21. Jahrhundert einem rasanten Wandel. Insbesondere die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft führt zu einer Globalisierung des Wettbewerbs, instabilen Erwerbsbiografien sowie weiteren Veränderungen im Arbeitsmarkt und im gesellschaftlichen Wertesystem.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen setzt sich mit den Konsequenzen der Digitalisierung für die Vorsorge in der Schweiz auseinander1. Funktionierende Vorsorgesysteme gelten als bedeutende Stärke von Industrienationen. So setzt sich etwa das Einkommen von Alleinstehenden im Rentenalter laut dem Bundesamt für Statistik zu 78 Prozent aus Transferleistungen der Altersvorsorge zusammen.2

Bestehende Arbeitsformen wandeln sich

Die Digitalisierung bewirkt eine grundlegende Veränderung der Wirtschaft und Gesellschaft – und damit auch der Vorsorge. Dies liegt nicht zuletzt am Wandel der Arbeitsformen. Der digitale Wandel dringt in bisher ungeahnte Bereiche vor: Valora experimentiert mit digitalen Supermärkten, in denen Kunden selbständig den Warenkorb erfassen und beim Verlassen des Marktes die Rechnung auf dem Handy erhalten. Die Google-Tochter Waymo setzt ihre selbstfahrenden Taxis ohne Sicherheitsfahrer bereits zur Personenbeförderung im öffentlichen Verkehr ein.

Im Kontext solcher Veränderungen werden die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt oftmals mahnend beschworen. Dem Verlust von Arbeitsplätzen steht die Entstehung neuer Arbeitsplätze gegenüber. Insbesondere in einer wissens- und dienstleistungsbasierten Wirtschaft wie der Schweiz ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu erwarten, was sich bereits heute an verschiedenen Stellen zeigt. So wird der Kanton Zug aufgrund der vor Ort stark vertretenen Blockchain-Firmen in Anlehnung an das Silicon Valley in den USA auch «Crypto Valley» genannt. Strukturelle Defizite wie in anderen Industrienationen, etwa durch früher stark manuelle Fertigungsindustrien wie Werften oder den Steinkohleabbau, gibt es hingegen kaum.

Um den Bedarf an neuen Arbeitskräften zu decken, ist die Schweiz auf die Einwanderung von Fachkräften angewiesen, die ihrerseits in die Vorsorgesysteme einzahlen. Durch die veränderten Berufsqualifikationen kann es aber selbst bei nur geringer Nettoänderung in der Anzahl der Erwerbstätigen auch zu einer gewissen Arbeitslosigkeit kommen. Dieser mögliche Verdrängungseffekt muss das Vorsorgesystem berücksichtigen. Positiv anzumerken ist, dass eine Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitnehmer häufig auch eine vermehrte Beschäftigung von Inländern ermöglicht. Die Auswirkungen der Digitalisierung und des digitalen Wandels auf die Anzahl der Arbeitsplätze sind damit empirisch heute kaum zu prognostizieren. Gerade für die Schweiz erscheint eine langanhaltende Massenarbeitslosigkeit aber eher unwahrscheinlich.

Neue Arbeitsformen entstehen

Die neuen Arbeitsformen unter dem digitalen Wandel lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: mitarbeiterorientierte Arbeitsformen, gemischte Arbeitsformen und selbständigkeitsorientierte Arbeitsformen.3

Unter mitarbeiterorientierten Arbeitsformen werden vorwiegend Formen abhängiger Beschäftigung verstanden (z.B. Gelegenheitsarbeit, Jobsharing und Interim Management), die nicht im traditionellen Rahmen eines stabilen Vollzeitarbeitsverhältnisses «ein Arbeitgeber – ein Arbeitnehmer» festgelegt sind. Während diese Verträge hinsichtlich Arbeitssicherheit und Sozialleistungen ähnlich zu einer vergleichbaren Anstellung in Vollzeit sind, bedeuten Teilzeitverträge Abstriche beim Gehalt und damit bei den Leistungen in der ersten und zweiten Säule. In der Schweiz stieg der Anteil an Teilzeitstellen im Zeitraum zwischen 2000 und 2019 von 54 auf 60 Prozent bei Frauen und von 11 auf 18 Prozent bei Männern, bei weiterhin mehrheitlicher Beschäftigung in Vollzeit.

«Auch wenn es die Mehrheit  befür­wortet, Selbständige

und Gering­verdiener ins Vorsorgesystem aufzunehmen,

stellt sich die ­Frage, ob und, wenn ja, wie dies ­ökonomisch umsetzbar ist.»

Selbständigkeitsorientierte Arbeitsformen bezeichnen selbständige Tätigkeiten, die durch digitale Plattformen vermittelt werden, sowie Formen der Zusammenarbeit zwischen Freiberuflern. Als Überbegriff für die Arbeit in der Plattformökonomie hat sich der Begriff Gig Work etabliert. Dieser trennt sich auf in Crowdwork und Arbeit auf Abruf. Bei Crowdwork wird die Arbeit digital und ortsunabhängig erbracht, während diese bei Arbeit auf Abruf ebenfalls digital vermittelt,…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»