Der Klebstoff  unserer Gesellschaften
Rachel Botsman, zvg.

Der Klebstoff
unserer Gesellschaften

Die Digitalisierung höhlt mit ihren Dienstleistungen und Tools das Vertrauen in unsere Mitmenschen aus? Was nachvollziehbar und richtig klingt, ist nachweislich falsch: Vertrauen verschwindet nicht – es verschiebt sich nur. Aber wohin?

Die Episoden unethischen Verhaltens, von schmutzigen oder gar kriminellen bis hin zu bloss dummen oder, leider, routinemässigen, kamen heftig und rasant über uns wie der Plot einer überdrehten Seifenoper oder einer jakobinischen Tragödie. Und jede hat das Vertrauen der Öffentlichkeit erschüttert: von Falschinformationen über etwaige Massenvernichtungswaffen, den Wucher grosser Pharmaunternehmen und die von Mineralöl-firmen verursachten Ölkatastrophen bis zu den Bestechungen innerhalb der FIFA, Volkswagens Dieselgate oder groben Verstössen gegen den Datenschutz durch Facebook und Cambridge Analytica. Und damit sind längst nicht alle Skandale aufgezählt: Man denke an die Panama- und Paradise-Papers, die Wechselkursmanipulationen durch die einflussreichsten Banken der Welt, die politischen Versäumnisse während der Flüchtlingskrise oder nicht zuletzt die schockierenden Enthüllungen über den weitverbreiteten Missbrauch durch katholische Priester, andere Geistliche und Pflegeeinrichtungen. Da wundern die tausend Schlagzeilen nicht, niemand habe mehr Vertrauen in Autoritäten. Korruption, Elitedenken, wirtschaftliche Ungleichheit – und die schwachen Reaktionen auf die oben genannten Vorkommnisse – haben das Vertrauen in traditionelle Institutionen gepeitscht wie ein Sturm ein paar knorrige alte Eichen.

Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen so überwältigt vom Tempo dieses Wandels und der schieren Menge an Wissen, die heute mit einem Klick verfügbar ist, dass sie sich in mediale Echokammern zurückziehen, die Informationen filtern und bereits bestehende Überzeugungen verstärken. So kann man konträre Ansichten leichter ignorieren, oder man sieht sie gar nicht erst. Technologie bedeutet bei allen Vorteilen auch, dass Unwahrheiten und sogenannte Fake News sich ungehindert und mit unaufhaltsamer Wucht über ganze Netzwerke hinweg ausbreiten können. Fake News sind zu einem Spiel der An- und Gegenbeschuldigungen geworden. Was als nützliche Kennzeichnung von unwahren Meldungen begonnen hat, ist zu einem omnipotenten Begriff geworden, der sich auf alle Arten unbequemer Wahrheiten anwenden lässt, die für einen Präsidenten vielleicht unerwünscht sind. So wurde Online-Desinformation in grossem Massstab – und das Potenzial für digitale Waldbrände – vom Weltwirtschafts-forum 2016 als eines der gravierendsten Risiken für unsere Gesellschaft gelistet. Das Ergebnis dieser Echokammern und Fehlinformationen? Unsere Ängste werden oft unbegründet bestätigt. Unsere Wut wächst. Der Kreislauf des Misstrauens dehnt sich aus. Alles in allem ist unser Vertrauen in zahlreiche Institutionen an einem kritischen Wendepunkt angelangt.

Tatsächlich würden die jüngsten Umfragewerte jeden Politiker oder Wirtschaftsführer ins Schwitzen bringen. In den letzten siebzehn Jahren führte das globale Kommunikationsunternehmen Edelman ein jährliches Trust-Barometer durch, bei dem mehr als 30 000 Menschen in 28 Ländern nach ihrem Vertrauen in verschiedene Institutionen befragt wurden. Die aufschlussreiche Überschrift für die Ergebnisse 2017: Vertrauen in der Krise. Das Vertrauen in die vier grossen Institutionen – Regierung, Medien, Wirtschaft und NGOs – ist auf einem historischen Tiefstand. Den grössten Verlust erlitten die Medien, die inzwischen in 82 Prozent aller untersuchten Länder für nicht vertrauenswürdig gehalten werden. In Grossbritannien sank die Zahl der Befragten, die den Medien vertrauten, von 36 Prozent im Jahr 2016 auf 24 Prozent im Jahr 2017. «Die Menschen betrachten Medien jetzt als Teil der Elite», sagt Richard Edelman, Präsident und CEO der PR-Firma Edelman. «Das Ergebnis ist eine Verschiebung hin zu selbstreferentiellen Medien und Vertrauen in Kollegen.» Mit anderen Worten: Wir möchten stärken, was wir bereits glauben, und zwar häufig dank Menschen, die wir bereits kennen.

Der Brexit und die Wahl von Donald Trump gehören zur ersten Welle unmittelbarer Symptome, die eine der grössten Vertrauensverschiebungen der Menschheitsgeschichte anzeigen: vom Monolithischen hin zum Individualisierten. Vertrauen und Einfluss liegen heute mehr bei «den Menschen» – Familie, Freunden, Kollegen und sogar Fremden – als bei Top-Down-Eliten, Experten und Behörden. Durch die individualisierte Verbreitung und Erzeugung von Nachrichten und Einschätzungen sind Kunden heute nicht mehr bloss sozusagen stille Konsumenten, sondern soziale Einflussfaktoren, die Marken definieren.

Wenn wir die problematische Struktur und Grösse institutioneller Systeme in Frage…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»