«Ohne eine gemeinsame Identität ist die Demokratie in Gefahr»
Francis Fukuyama, fotografiert von Djurdja Padejski.

«Ohne eine gemeinsame
Identität ist die Demokratie in Gefahr»

Hinter den politischen Stammeskriegen in vielen Staaten steht das Bedürfnis nach Würde und Anerkennung. Darauf müssen liberale Demokratien mit einer eigenen Identitätspolitik reagieren.

 

Die Coronapandemie hat einiges in Frage gestellt, das wir für selbstverständlich hielten. Was überraschte Sie am meisten?

Wirklich überrascht hat mich nichts. Wer die globale Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten verfolgte, wusste, dass diese Art von Pandemie möglich und sogar wahrscheinlich war. In gewisser Weise erstaunlich waren die Reaktionen der verschiedenen Länder, insbesondere wie schlecht die USA mit der Situation umgingen. Wobei ich bei der derzeitigen Regierung weniger überrascht als enttäuscht bin.

Was werden die langfristigen Auswirkungen sein? Werden die Dinge zur alten «Normalität» zurückkehren oder verändert die Krise den Lauf der Geschichte?

Nun, sie hat den Lauf der Geschichte bereits geändert. 2020 wird einen Wendepunkt darstellen ähnlich 1989 oder 2001, der den Leuten noch lange in Erinnerung bleibt. Ich denke, die Krise markiert das Ende der neoliberalen Phase der Globalisierung. Viele Länder waren bereits in diese Richtung unterwegs, nun aber werden sie sich noch stärker von der Interdependenz zurückziehen, die sie zuvor geschaffen hatten.

Bedeutet dies das Ende der Globalisierung?

Die Globalisierung an sich kann nicht zu Ende gehen, dafür sind wir viel zu stark von ihr abhängig zur Wahrung eines minimalen Lebensstandards. Würden wir tatsächlich versuchen, zu einer sehr viel «nationalistischeren» Welt zurückzukehren, hätten wir deutlich tiefere Einkommen und weniger Sicherheit. Die Coronakrise wird uns eher in eine Situation wie vor der rasanten Globalisierung der 1990er Jahre bringen.

Wird die Krise den geopolitischen Aufstieg Chinas beschleunigen?

Sie wird sicherlich den Aufstieg Ostasiens zum Zentrum der Weltwirtschaft beschleunigen. Nicht nur China, sondern die meisten Länder der Region haben die Pandemie besser bewältigt als Europa oder Nordamerika. Daher denke ich, dass sich die Verschiebung von ökonomischer Aktivität in die Region fortsetzen wird. Bei China ist der Fall komplizierter. Zum einen machen viele das Land für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich. Zum anderen verstärkt die Pandemie in vielen Ländern die Sicht, dass man zu abhängig geworden ist von China und Gegensteuer geben muss. Beides ist sicher nicht im Interesse Pekings.

Wie hat die Pandemie die amerikanische Innenpolitik beeinflusst?

Leider verdeutlichte sie nochmals die starke politische und kulturelle Polarisierung, die ich schon zuvor als die grösste Schwäche des Landes ansah. Normalerweise ist eine grosse externe Krise eine Gelegenheit, Gräben zu überbrücken, weil die Leute sich bewusst werden, dass sie gemeinsam einer Bedrohung gegenüberstehen. Stattdessen hat die Polarisierung die Reaktionen auf die Krise geprägt: Konservative spielten sie herunter und wollten das Land möglichst schnell wieder öffnen, während Leute auf der linken Seite des politischen Spektrums viel vorsichtiger vorgehen wollten. Und natürlich ist es sehr schwierig, die Reaktionen von der Persönlichkeit unseres Präsidenten zu trennen, der alles mit einem engen Fokus auf seine eigenen Interessen wahrnimmt. Hätten wir nicht Wahlen im November, wären wir wohl nicht in so einer ernsten Situation.

«In vielen Ländern haben die unteren Schichten wenig

von der wirtschaftlichen Globalisierung profitiert,

während die Einkommen und Möglichkeiten

von gut ausgebildeten Leuten in Grossstädten stark zunahmen.»

Das Phänomen der Polarisierung lässt sich nicht nur in den USA beobachten, sondern in vielen westlichen Demokratien. Was sind die Gründe dahinter?

Nun, es gab einen allgemeinen Aufstieg des Populismus in vielen etablierten Demokratien. Einer der Auslöser dürfte die wirtschaftliche Ungleichheit sein. In vielen Ländern haben die unteren Schichten wenig von der wirtschaftlichen Globalisierung profitiert, während die Einkommen und Möglichkeiten von gut ausgebildeten Leuten in Grossstädten stark zunahmen. Doch dieser ökonomische Konflikt entwickelte sich schnell zu einem kulturellen Streit zwischen Leuten mit unterschiedlichen Identitäten. Viele Leute sind der Meinung, dass die Globalisierung und die damit verbundene Immigration sowie die Auslagerung von Arbeitsplätzen die nationale Identität zerstörten. Davon profitierten populistische Parteien in Europa und den USA, die sich gegen die Eliten stellen.

Die Unterscheidung zwischen wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten ist wichtig.…

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Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»