Der neue Totalitarismus

Bassam Tibi
Der neue Totalitarismus
Gräfelfing: Resch Verlag, 2004.

Das Buch behandelt nicht nur ein brennend aktuelles Thema, es stammt auch von einem Autor, der mit der islamischen und europäischen Kultur eng vertraut ist. Bassam Tibi ist gebürtiger Syrer und bezeichnet sich als aufgeklärten Muslim; er hat in Deutschland studiert und lehrt seit Jahren als Universitätsprofessor in Deutschland, ist Gastprofessor in den USA und seit kurzem auch an der Universität St. Gallen.

Tibi zeigt, dass man Islamismus und Islam klar unterscheiden sollte, und er warnt gleichzeitig davor, den militanten Dschihadismus zu unterschätzen. Dieser sei eine Bedrohung für die offene Gesellschaft, und der Westen sollte darauf eine klare, entschlossene sicherheitspolitische Antwort geben. Dass es bei diesem neuen Totalitarismus um existentielle Fragen gehe, steht für Tibi ausser Zweifel und er warnt davor, «in den Dschihadisten lediglich die Protagonisten des Aufstandes der Unterdrückten der Dritten Welt gegen die Globalisierung zu sehen und somit die Bedrohung durch den Dschihad-Islamismus als einen neuen Totalitarismus des 21. Jahrhunderts nicht zu verstehen.» (S.13) Er knüpft damit an sein Buch «Europa ohne Identität?» (München: Bertelsmann, 1998) an, das im Untertitel die kritische Frage «Leitkultur oder Wertebeliebigkeit?» aufwirft und damit insbesondere auch Europas intellektuelle Elite herausfordert, die in dieser Beziehung zwischen Arroganz und Selbstverleugnung hin- und herschwankt.

Tibis neuestes Buch kritisiert somit beide Konfliktparteien, analysiert die Hintergründe und bietet auch Anregungen zur Überwindung des Grabens. Sein Rezept ist nicht die grenzenlose Toleranz, sondern die entschlossene Abgrenzung gegen alle Feinde der «offenen Gesellschaft». Der Beitrag, den ein aufgeklärter Islam selbst in dieser Situation zu leisten vermag, sollte nicht unterschätzt werden. Eine Brücke kann nur gebaut werden, wenn die Brückenpfeiler auf beiden Seiten ein festes Fundament haben. Bassam Tibi gehört zu den bedeutendsten Brückenbauern zwischen den Kulturen, weil er sich konsequent von allen Formen des religiösen Fanatismus und des Totalitarismus abgrenzt.

besprochen von Tito Tettamanti

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