Unbehagen im Writers’ Room

Das neue amerikanische Autorenfernsehen und seine Zukunft

Unbehagen im Writers’ Room

Wie vielen Staaten, Künsten und Menschen werden gleich zwei goldene Zeitalter zuteil? Von einem einzigen goldenen Zeitalter erzählt man mit Nostalgie, von einem zweiten spricht man mit falscher Bescheidenheit. So ist es jetzt mit dem Fernsehen: Wir sind im zweiten goldenen Zeitalter des Mediums, das, wenn wir ehrlich sind, eigentlich das goldenere Zeitalter ist.

Erinnern wir uns: Das Fernsehen im ausgehenden 20. Jahrhundert, ein Medium, das sich in einem Einheitsbrei aus Partnersuchshows und Musikantenstadl zu verlieren drohte, auf das jeder, der intellektuell etwas auf sich hielt, schimpfen musste, dem Internetpiraterie und der Kult um Gratisinhalte den Garaus zu machen sich anschickten, erlebte plötzlich eine zweite Blüte, die die erste noch übertraf. Die erste, das war noch viel früher, begann Mitte des 20. Jahrhunderts und zeichnete sich künstlerisch dadurch aus, dass die damaligen Fernsehmacher gar keine andere Wahl hatten, als originell zu sein. Die neue Originalität, der wir im TV seit der Jahrhundertwende beiwohnen, schien ebenso aus dem Nichts zu kommen. Es ist einerseits die Geschichte einer sich verschiebenden Medienlandschaft, in der neue Zweige – erst das Kabelfernsehen, dann die Streaming-Services – sich mit Prestige ihren Platz im Bewusstsein der Menschen erstritten. Aber andererseits eine Geschichte der Kreativen, die die veränderten Gegebenheiten dazu benutzten, das Popelfernsehen der siebziger, achtziger und frühen neunziger Jahre von innen heraus zu sprengen. Und es ist nicht zuletzt eine Geschichte der Zuschauer, die das honorierten. 

Die Parallele zum neuen Hollywood der späten 60er ist auffällig: Damals kollabierte das alte Studiosystem, die jungen Wilden erzählten neue, anspruchsvollere Stoffe – und die Zuschauer zogen mit. «It’s not TV, it’s HBO», hiess von 1996 bis 2009 der Slogan des grossen Kabelsenders. Das bedeutete: keine Sitcoms, auf denen eigentlich rotzfreche Stand-up-Comedians kreuzbrave Familienväter mimten und vor einem unverhältnismässig amüsierten Studiopublikum ihren Kindern Lebensweisheiten näherbrachten. Keine Krimis mehr, in denen immer dieselben drei Cops irgendwelche Bösewichter jagten, ohne selber jemals in Gefahr zu geraten. Keine Serien, in denen Woche um Woche nie jemand merkt, dass nebenan ein katzenfressender Ausserirdischer oder ein Robotermädchen wohnen.

Stattdessen bekommen wir heute Serien, in denen keine Folge der letzten gleicht, die sich von Staffel zu Staffel einen anderen Ton, neue Themen, ein neues Setting erlauben, in denen die Hauptfigur am Ende der ersten Staffel enthauptet werden kann, in denen wir mit einem Serienmörder mitfiebern, der andere Serienmörder jagt. Die neuen TV-Macher widersetzen sich den Diktaten, die das Fernsehen der siebziger und achtziger Jahre so schablonenhaft wirken liessen. Setzten diese auf das Iterative, auf das in sich Abgeschlossene, auf das leicht Verdauliche, fordern die neuen Serien ihre Zuschauer heraus: episch, oft differenziert und noch häufiger mit harter Kost.

«Die Sopranos» erzählten vom emotionalen Leben der Mafia, «Sons of Anarchy» von einer Rockergang im Central Valley von Kalifornien, «Mad Men» von den Werbeagenturen der Madison Avenue circa 1960 und den Träumen und Ängsten derer, die amerikanische Träume und Ängste zu verkaufen hatten. «Battlestar Galactica» entspann aus einem Remake einer altbackenen «Krieg der Sterne»-Kopie eine niederschmetternde Allegorie auf den 11. September, die fragte: Woher nehmen wir die Gewissheit, dass die Menschheit es verdient hat, zu überleben? In «The Wire» erzählte David Simon von der Stadt Baltimore, mal von den Journalisten, mal von den Kleinkriminellen, dann wieder von den Politikern und der Polizei. Und «The Americans» verfolgt, ohne zu werten, die Umtriebe eines Ehepaars in einer Vorstadt von Washington, D.C., das zufällig auch für den KGB spioniert. 

Unsere Sehgewohnheiten sind den neuen TV-Machern entgegengekommen: Vor zwanzig Jahren war Fernsehen eine prinzipiell unendliche Kette von Folgen, die man erwischte oder nicht. Man sah Folgen in wilder Unordnung, ganze Staffeln blieben einem unbekannt, weil der Sender die Rechte daran nicht gekauft…