Bernhard Pörksen, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen.

Die Hölle der Desinformation

Zu den Spielregeln der Wirklichkeitsordnung im digitalen Zeitalter.

Es war Ende 2016, als erstmals Gerüchte im Netz auftauchten, die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sei in einem Pädophilenring aktiv, der in der Pizzeria «Comet Ping Pong» in Washington angesiedelt sei.1 Ausgelöst wurden die Spekulationen durch von Hackern geleakte E-Mails aus dem Umfeld von Hillary Clinton und ihres Wahlkampfmanagers John Podesta, die Wiki­leaks veröffentlichte. In diesen E-Mails, so hiess es gerüchteweise, gebrauche man Codewörter einer finsteren Geheimsprache. «Pizza» stehe in Wahrheit für Mädchen, «cheese» für ein junges Mädchen, «sauce» bedeute tatsächlich Orgie, mit «pasta» sei ­eigentlich ein kleiner Junge gemeint. Und so weiter. Aufschlussreich ist: Die erste, tatsächlich aufgegriffene Meldung zu Hillary Clintons angeblicher Verwicklung in pädokriminelle Kreise wurde von ­einem gewissen David Goldberg auf Twitter veröffentlicht, der seinerseits auf ein Facebook-Posting mit den Gerüchten verlinkte, dessen Herkunft sich nicht klären lässt. Goldberg präsentiert sich als ein jüdischer Anwalt in New York; faktisch handelt es sich ­jedoch um einen Unbekannten, der auch in Kreisen amerikanischer Neonazis unter diesem Pseudonym auftritt. Dann tauchte die soge­nannte Enthüllung auf den Seiten von Verschwörungs­theore­tikern (Godlike Production, Lunatic Fringe) auf, wurde in Foren diskutiert, auch von Bots auf Twitter verbreitet, schliesslich mit weiteren «Belegen» (z.B. den Aussagen selbstverständlich anonymer Insider) angereichert. Wenige Tage nach der Erstveröffentlichung der frei erfundenen Behauptungen publizierte die Gerüchte­seite True Pundit im Verbund mit neuen Falschbehauptungen die Geschichte, was den Urheber David Goldberg in einem bizarren Akt der zirkulären Selbstbestätigung einer Erfindung durch eine andere Erfindung zu der Jubelmeldung veranlasste, nun sei alles bewiesen: «Meine Quelle», so schrieb er, «lag richtig!» Nun wurde die Geschichte von dem ­Pädophilenring – auf dem Weg der schrittweisen Aufwertung im Akt der Vermittlung – auch von Michael Flynn, dem designierten Sicherheitsberater von Donald Trump, auf Twitter verlinkt («must read!») und auch von seinem Sohn, damals ebenfalls im Trump-Team beschäftigt, empfohlen: «Bis #Pizzagate widerlegt ist», so lautete sein Tweet, «bleibt es eine Nachricht.»

Die angebliche Skandalmeldung, längst in zahlreiche Sprachen übersetzt, kursierte überdies auf Facebook, sie wurde nach Kräften in den unterschiedlichsten Foren verbreitet, zog immer breitere Kreise; in den Hochzeiten der Erregung zählten entsetzte Angestellte der Pizzeria bis zu fünf Tweets pro Minute, die unter dem Hashtag #pizzagate erschienen. Mit dem entstandenen Hype war die Fake-Nachricht vom Stigma des total Wahnhaften befreit, ein Prozess der «Informationswäsche» geglückt. Das Ende des Dramas ereignete sich schliesslich in der analogen Welt: Am 4. Dezember 2016 stürmte ein junger Mann mit einem Gewehr in die Pizzeria «Comet Ping Pong», um sich, wie er nach seiner Festnahme behauptete, «selbst ein Bild» zu machen.

Die resignative Rede vom postfaktischen Zeitalter

Wenig verwunderlich ist vor dem Hintergrund von derartigen ­Reaktionsketten und den geringen Chancen der effektiven Korrektur, dass das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) mitteilt, Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit müsse zu den zentralen Bedrohungen der menschlichen Gesellschaft gerechnet werden.2 Wenig verwunderlich ist auch, dass die Dia-gnose eines postfaktischen Zeitalters als Signatur der Epoche taugen soll und die zeitdiagnostischen Interpretationen bestimmt. Die unmittelbar erlebbare Wahrheitskrise und…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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