Bernhard Pörksen, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen.

Die Hölle der Desinformation

Zu den Spielregeln der Wirklichkeitsordnung im digitalen Zeitalter.

Es war Ende 2016, als erstmals Gerüchte im Netz auftauchten, die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sei in einem Pädophilenring aktiv, der in der Pizzeria «Comet Ping Pong» in Washington angesiedelt sei.1 Ausgelöst wurden die Spekulationen durch von Hackern geleakte E-Mails aus dem Umfeld von Hillary Clinton und ihres Wahlkampfmanagers John Podesta, die Wiki­leaks veröffentlichte. In diesen E-Mails, so hiess es gerüchteweise, gebrauche man Codewörter einer finsteren Geheimsprache. «Pizza» stehe in Wahrheit für Mädchen, «cheese» für ein junges Mädchen, «sauce» bedeute tatsächlich Orgie, mit «pasta» sei ­eigentlich ein kleiner Junge gemeint. Und so weiter. Aufschlussreich ist: Die erste, tatsächlich aufgegriffene Meldung zu Hillary Clintons angeblicher Verwicklung in pädokriminelle Kreise wurde von ­einem gewissen David Goldberg auf Twitter veröffentlicht, der seinerseits auf ein Facebook-Posting mit den Gerüchten verlinkte, dessen Herkunft sich nicht klären lässt. Goldberg präsentiert sich als ein jüdischer Anwalt in New York; faktisch handelt es sich ­jedoch um einen Unbekannten, der auch in Kreisen amerikanischer Neonazis unter diesem Pseudonym auftritt. Dann tauchte die soge­nannte Enthüllung auf den Seiten von Verschwörungs­theore­tikern (Godlike Production, Lunatic Fringe) auf, wurde in Foren diskutiert, auch von Bots auf Twitter verbreitet, schliesslich mit weiteren «Belegen» (z.B. den Aussagen selbstverständlich anonymer Insider) angereichert. Wenige Tage nach der Erstveröffentlichung der frei erfundenen Behauptungen publizierte die Gerüchte­seite True Pundit im Verbund mit neuen Falschbehauptungen die Geschichte, was den Urheber David Goldberg in einem bizarren Akt der zirkulären Selbstbestätigung einer Erfindung durch eine andere Erfindung zu der Jubelmeldung veranlasste, nun sei alles bewiesen: «Meine Quelle», so schrieb er, «lag richtig!» Nun wurde die Geschichte von dem ­Pädophilenring – auf dem Weg der schrittweisen Aufwertung im Akt der Vermittlung – auch von Michael Flynn, dem designierten Sicherheitsberater von Donald Trump, auf Twitter verlinkt («must read!») und auch von seinem Sohn, damals ebenfalls im Trump-Team beschäftigt, empfohlen: «Bis #Pizzagate widerlegt ist», so lautete sein Tweet, «bleibt es eine Nachricht.»

Die angebliche Skandalmeldung, längst in zahlreiche Sprachen übersetzt, kursierte überdies auf Facebook, sie wurde nach Kräften in den unterschiedlichsten Foren verbreitet, zog immer breitere Kreise; in den Hochzeiten der Erregung zählten entsetzte Angestellte der Pizzeria bis zu fünf Tweets pro Minute, die unter dem Hashtag #pizzagate erschienen. Mit dem entstandenen Hype war die Fake-Nachricht vom Stigma des total Wahnhaften befreit, ein Prozess der «Informationswäsche» geglückt. Das Ende des Dramas ereignete sich schliesslich in der analogen Welt: Am 4. Dezember 2016 stürmte ein junger Mann mit einem Gewehr in die Pizzeria «Comet Ping Pong», um sich, wie er nach seiner Festnahme behauptete, «selbst ein Bild» zu machen.

Die resignative Rede vom postfaktischen Zeitalter

Wenig verwunderlich ist vor dem Hintergrund von derartigen ­Reaktionsketten und den geringen Chancen der effektiven Korrektur, dass das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) mitteilt, Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit müsse zu den zentralen Bedrohungen der menschlichen Gesellschaft gerechnet werden.2 Wenig verwunderlich ist auch, dass die Dia-gnose eines postfaktischen Zeitalters als Signatur der Epoche taugen soll und die zeitdiagnostischen Interpretationen bestimmt. Die unmittelbar erlebbare Wahrheitskrise und die Verschärfung der öffentlich ausgetragenen Wahrheitskriege haben ein solches Angstwort hervorgebracht, seine rasche, inzwischen epidemische Verbreitung begünstigt. Hier verdichtet sich in einem einzigen Begriff die Horrorvision von der Totalimplosion realer Bezüge.3 Die Rede vom Postfaktischen – eine Lehnübersetzung von post-truth und seit 2004 in den Büchern amerikanischer Intellektueller wie Ralph Keyes und Eric Alterman nachweisbar – suggeriert, nun beginne die Phase der permanenten Stimmungsbeobachtung und der frei flottierenden, dann nach Belieben im Gefüge der eigenen Gefühle und Vorurteile interpretierten Daten. Kurz: Nun würden wir in die Ära der Leichtgläubigkeit eintreten, die auch dreiste Lügner und schamlose Wirrköpfe ungeschoren davonkommen lasse.

Das klingt zunächst plausibel, aber ist doch bei genauerer ­Betrachtung selbst ein Symptom, Ausdruck einer elementaren Verunsicherung, einer Erschütterung von Gewissheit, die zur überreizten, resultathaften Totaldeutung der Gegenwart verleitet und zur haltlosen Übertreibung motiviert. Denn stimmt die Pauschalannahme, wir lebten im Kontrast zu einer Ära der Tatsachen heute in postfaktischen Zeiten? Nein, und dies aus gleich drei Gründen. Eine solche Post-Truth-Diagnose ist, erstens, geschichtsblind, weil sie, rein begriffslogisch gesprochen, besagt, dass Wahrheit früher einmal als das beherrschende Regulativ der Politik und des sozialen Miteinanders gegolten haben könnte. Das hiesse, dass Wahrheit in früheren Zeiten klar dechiffrierbar war, heute aber nicht mehr ist. Eine solche Prämisse bildet, sehr vorsichtig formuliert, die Wahrheitskriege auf diesem Planeten und die lange Blutspur der Phantasmen («jüdische Weltverschwörung») nicht korrekt ab. Und natürlich wird in der Aufregung der Gegenwartsanalyse übersehen, dass es, seit Medien existieren, schon immer auch Falschnachrichten gab und insbesondere die Industrie der Klatsch- und People-Magazine seit ihrer Gründung sehr gut vom Verkauf gefälliger, unterhaltsamer Lügen gelebt hat – und dies nach wie vor tut. Zweitens suggeriert der Begriff des Postfaktischen, man selbst sei im Besitz der Fakten, die andere Seite jedoch nicht. Das Etikett dient zur Stigmatisierung seltsamer, fremder Twitter-Stämme, die leider nicht wissen, dass Empirie mehr ist als ein diffuses Gefühl von Gewissheit. Das Wort taugt als ein Zeigefinger-Begriff, der gerade nicht dazu anregt, überhaupt erst zu begreifen, wie und auf welche Weise der andere zu seiner Wahrheitsauffassung gelangt ist, die man selbst so unbedingt für falsch hält. Diese Zeigefinger-Geste ist analytisch steril, weil sie sich zur pauschalen Abwertung nutzen lässt, aber nicht zur nuancenreichen Untersuchung animiert, wie hermetisch abgedichtete Realitätsbilder unter den gegenwärtigen Kommunikationsbe­dingungen überhaupt zustande kommen. Der dritte Fehler der Zeitalterdiagnose besteht darin, dass man die Möglichkeit von Wahrheitserkenntnis implizit behauptet, ohne auch nur beiläufig anzudeuten, dass das sogenannte Faktische seit den frühen Skeptikern Anziehungspol des prinzipiellen Zweifels darstellt. Das heisst, die Beschwörung eines Epochenbruchs – Zeichen der grossen Unruhe, sprachliche Manifestation der Erschütterung im ­Angesicht frei flottierender Lügen – ist erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch naiv, Ausdruck eines vorphilosophischen Feuilletonismus, der primär dazu dient, die eigene Erregung auszudrücken.

Kurzum: Das Spezialdrama der Fälschungen und die hysterisch-apokalyptische Interpretation eben dieser Fälschungen als Eintritt in eine postfaktische Phase der Menschheitsgeschichte bleiben zu stark an der Oberfläche des Ereignishaften und der seltsam wirkenden Kuriosität hängen. Man muss die Geschichte medialer Veränderungen in einer Form erzählen, die das Verschwimmen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion als Resultat ­einer tektonischen Verschiebung der Informationsarchitektur und als Konsequenz einer Deregulierung des Wahrheitsmarktes4 spürbar werden lässt. Die Geschichte, um die es geht, handelt von der prinzipiellen Neuordnung der Welt- und Wirklichkeitsbezüge unter den Bedingungen der Digitalisierung.

Gesetze der Informationsverbreitung und -verarbeitung

Will man diese Neuordnung verstehen, muss man eine einfache Frage stellen: Wie verbreiten sich Informationen? Und was fangen Menschen mit ihnen an, wie gehen sie mit ihnen um? Es sind, paradox genug, Berichte über Katastrophen und Anschläge, also die Auseinandersetzung mit Extremereignissen, die die allgemeinen Gesetze der Informationsverbreitung und die grundsätzlich gültigen Muster der Informationsverarbeitung im digitalen Zeitalter greifbar werden lassen. Wodurch zeichnen sich diese aus?

«Dass wir zwar rasch informiert sind, aber nicht in vergleichbarer Geschwindigkeit wissen können, was von all dem wirklich stimmt, wird offensichtlich, wenn man sich mit der Berichterstattung über Attentate und Terroranschläge befasst.»

Erstens, Information ist unter digitalen Bedingungen irrwitzig schnell (das ist das Gesetz der blitzschnellen Verbreitung). Sie lässt sich, zweitens, barrierefrei einer Weltöffentlichkeit zugänglich machen (das ist das Gesetz der ungehinderten Veröffentlichung). Sie ist, drittens, gerade im Falle von emotionalisierenden Themen hochgradig kombinations- und reaktionsbereit, wird rasch kopiert, von Website zu Website transportiert, in immer neuen Kontexten publiziert, mit anderen Informationen kombiniert (das ist das Gesetz der einfachen Dekontextualisierung und Verknüpfung). Diese Formen der Informationsverbreitung sind für sich genommen ­weder gut noch schlecht, aber sie sind, um eine erhellende Formulierung des Technikhistorikers Melvin Kranzberg aufzugreifen, auch nicht neutral.5 Sie wirken verschärfend, begünstigen und befördern eine Dynamik der unmittelbaren Eskalation und erzeugen den Schock der direkten Gegenwart, der totalen Präsenz des Ereignisses.6 Dieser medial produzierte Gegenwartsschock kann äusserst positive Folgen haben, wenn entsetzliches Unrecht sofort bekannt wird. Er kann enorm lehrreich sein, wenn weit entfernte Ereignisse mit Hilfe von Smartphones und sozialen Netzwerken im Livemodus übertragen werden und sich eine Weltgemeinde von Augenzeugen bildet, die ungefiltert betrachtet, was sich auf den Strassen von Kairo, Kiew oder auf den Plätzen von Istanbul ereignet. Und doch geraten die Gesetze der Informationsverbreitung unvermeidlich in Widerspruch zu einem Ideal der Informa­tionsverarbeitung und dem Bemühen um die ausgeruhte Wahrheitssuche, die möglichst vorurteilsfreie, abwägende Überprüfung von Annahmen, die sich eben nicht im Ad-hoc-Modus bestätigen oder widerlegen lassen. «Information ist schnell», so formuliert der Netzphilosoph Peter Glaser das Dilemma der digitalen Moderne, «Wahrheit braucht Zeit.»7

«Deutlich wird, dass die vernetzte ­Gesellschaft noch kein kommuni­katives ­Register entwickelt hat, um mit dem ­Horror der Ungewissheit, der Extremereignisse wie Anschläge und Terror­attentate unvermeidlich ­umgibt, umzugehen.»

Dass wir zwar rasch informiert sind, dass irgendetwas Furchtbares passiert ist, aber nicht in vergleichbarer Geschwindigkeit wissen können, was von all dem wirklich stimmt, wird offensichtlich, wenn man sich mit der Berichterstattung über Attentate und Terroranschläge befasst. Hier zeigen sich in brutaler Regelmässigkeit folgende Muster: Sofortberichte, Sofortreaktionen, Falschmeldungen in Serie, allgemeine Desorientierung, pauschale Verdächtigungen; dies alles in den sozialen Netzwerken, aber durchaus auch in den etablierten Medien und den klassischen Redaktionen, die im Wettlauf um Geschwindigkeitspokale unbedingt mitmischen wollen. So geschehen – beispielsweise – kurz nach den Terroranschlägen von Boston am 15. April 2013.8 An diesem Tag im April detonierten inmitten einer Zuschauermenge in Ruck­säcken versteckte Sprengsätze auf der Zielgeraden einer Marathon­strecke. Getötet wurden drei Menschen, Hunderte verletzt. Was dann folgte, war das Spektakel einer fiebrigen Tätersuche, an der sich alle beteiligten. Plattformen und Websites wie Twitter, Reddit, Facebook und 4chan wurden für einen langen Augenblick zu den Instrumenten einer modernen Hexenjagd, und auch CNN sowie die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) verbreiteten Falschmeldungen, angesteckt vom allgemeinen Wettlauf um die Attentätertrophäe. Die «New York Post» veröffentlichte gar das Foto eines zu Unrecht Verdächtigten auf der Titelseite. Die Bilanz des Informationsdesasters: millionenfach verbreitete Gerüchte, ­fatale Fehlinterpretationen grobkörniger FBI-Fahndungsfotos und angeblicher Polizeifunkmeldungen, Hassausbrüche gegenüber der Familie eines fälschlich beschuldigten Studenten, die ­ihren unter Depressionen leidenden, später tot aufgefundenen Sohn vermisst gemeldet hatte und nun im Moment einer verzweifelten, immer noch hoffenden Suche am öffentlichen Pranger stand. Das Dauerbombardement mit fehlerhaften, unverdauten Neuigkeiten sei endgültig sinnlos geworden, so schrieb der Journalist Farhad Manjoo in dem Onlinemagazin «Slate» in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Berichterstattung. «Wir bekommen», so seine Diagnose, «Nachrichten viel schneller, als wir daraus klug werden können.»9

Deutlich wird – neben den hier analysierten Temposchäden – auch, dass die vernetzte Gesellschaft noch kein kommunikatives Register entwickelt hat, um mit dem Horror der Ungewissheit, der Extremereignisse wie Anschläge und Terrorattentate unvermeidlich umgibt, umzugehen. Gewiss, es gibt hektisch zuckende Liveticker, die in Echtzeit für Aufklärung sorgen sollen. Selbstverständlich, man bekommt immer wieder auch Sondersendungen zu sehen, in denen demütig wirkende Journalisten in einer Endlosschleife der Wiederholung proklamieren, dass jede ihrer Behauptungen mit einem grossen Fragezeichen zu versehen sei. ­Natürlich, man hat neue Formate der Nachrichtenaufbereitung («Was wir wissen – und was wir nicht wissen») erfunden, mit ­deren Hilfe man sich bemüht, die Grenzen zwischen Gewissheit und blosser Spekulation sehr viel präziser und transparenter auszuleuchten. Aber das Unerwartete eines Attentats oder Anschlags erzeugt im Verbund mit dem Geschwindigkeitsrausch der vernetzten Welt und dem Bedürfnis nach sofortiger Klärung notwendig ein vierfaches Informationsvakuum, auf das man dann mit Falschdarstellungen und der Beschädigung Unschuldiger und ­Unbeteiligter und anderen Grenzüberschreitungen reagiert.10

Auch zur Illustration dieses vierfachen Informationsvakuums lohnt es sich, ein Beispiel aus der jüngeren Katastrophengeschichte anzuführen: Am 24. März 2015 steuert der Pilot Andreas Lubitz auf einem Linienflug von Barcelona nach Düsseldorf einen Germanwings-Airbus 320 bewusst gegen eine Bergwand in den französischen Alpen. Er selbst und alle 149 Mitreisenden sterben, sie werden durch den Suizid des an Depressionen leidenden Piloten in den Tod gerissen. Das Zusammentreffen von Katastrophe, elementarer Ungewissheit bei gleichzeitigem Sofort-Sendezwang lässt in den Tagen danach, erstens, ein Nachrichtenvakuum offen­bar werden, das man zunehmend, eben in Ermangelung von relevanten Neuigkeiten, mit Nonsens- und Pseudo-News («Website von Germanwings nicht erreichbar!», «Komiker Stefan Raab lässt seine Sendung ausfallen!») füllt. Es entsteht in einer solchen Situa­tion der elementaren Ungewissheit, zweitens, ein Faktizitätsvakuum, auf das man in diesem Fall schlicht durch Falschbehauptungen reagiert. Man weiss wenig Genaues – und präsentiert dementsprechend Vermutungen vorschnell als Gewissheiten. So wird beispielsweise suggeriert, die Lufthansa sei aufgrund ihrer Unternehmenspolitik und des Einstiegs in den von Preiskämpfen bestimmten Markt der Billigflieger irgendwie mitschuldig am Absturz des Flugzeugs; vielleicht habe man sich nicht ausreichend um die Sicherheit der Maschine gekümmert, um Kosten zu drücken – eine Behauptung, die man trotz der Unkenntnis der eigentlichen Umstände bereits als mehr oder minder feststehende Tatsache präsentiert. Die hektische Suche nach Ursachen, der Versuch, sofort Erklärungen, Motive und Hintergründe zu präsentieren, bringt darüber hinaus, drittens, ein Interpretationsvakuum hervor. Im Falle von Andreas Lubitz sind es wahlweise Journalisten, Experten der Luftfahrtechnik, aber auch Psychologen oder gar ein Pizza­bäcker, der den Piloten kannte, die mit Spekulationen aushelfen und die unterschiedlichsten Deutungen zur Unglücksursache oder der Persönlichkeit und Seelenlage des Piloten liefern. Schliesslich erzeugen der allgemeine Bilderhunger und das Bedürfnis nach ­einer Sofortillustration des Schreckens, viertens, unvermeidlich ein Visualisierungsvakuum. Man braucht Bilder, hat aber womöglich keine.11 Was bekommt man im Falle des Flugzeugabsturzes zu sehen? Beispielsweise einen weinenden Nachbarn, das Wohnhaus des Piloten und seiner Eltern, trauernde, erschütterte Schüler, die ihre Klassenkameraden bei dem Todesflug verloren haben und verzweifelt beieinander stehen. Es sind seltsam kontextfrei präsentierte Aufnahmen, die dem Noch-nicht-Wissen mit einer Art Abwehrzauber der Verbildlichung begegnen, die Aufklärung lediglich simulieren, weil die gewählten Bilder nur als diffus-­bedrückende Chiffren des Schreckens taugen, nicht jedoch zur ­Illustration von Einsicht und Erklärung.

Das übergeordnete Muster, das sich im Falle von solchen Ad-hoc-Berichten offenbart, könnte man die «Tabuisierung der Ratlosigkeit» nennen. Man weiss nichts sicher, aber darf eben dies nicht zugeben; man will sich nicht eingestehen, dass man noch nicht ­sagen kann, was das Geschehen eigentlich bedeutet, welche Nachrichten und welche Fakten tatsächlich relevant, welche Interpretationen und Bilder wirklich sinnvoll sein könnten. Damit stellt sich die Frage, warum dieser in der digitalen Sphäre so leicht herstellbare Zustand der Ungewissheit kognitiv so schwer aushaltbar ist. Die Antwort ist anthropologischer Pessimismus: Menschen sind in hohem Masse sinn- und sicherheitsbedürftige Wesen, eingehüllt in ihre Sehnsucht nach Bestätigung, verkapselt im Kokon ihrer Urteile und Vorurteile, äusserst energisch in dem Versuch, eigene Überzeugungen und auch bloss diffus gefühlte Gewiss­heiten (der amerikanische Comedian Stephen Colbert nennt dieses Wahrheitsgefühl erhellend «truthiness») zu verteidigen.

Entfesselung des Bestätigungsdenkens

In der digitalen Moderne wird auch der nach Bestätigung für seinen Fanatismus suchende Jäger und Sammler in die Lage versetzt, Gleichgesinnte zu entdecken, ideologisch verwandte «Stämme» ausfindig zu machen. Und er kann sich mit aller Entschiedenheit in Resonanzräume hineinbegeben, die seine bizarre, im Extremfall von Gewalt und Mordphantasien getränkte Privatwahrheit plausibel, vielleicht gar mehrheitsfähig erscheinen lassen. Dies hat das entsetzliche, 1516 Seiten umfassende Manifest mit dem Titel «2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung» von Anders Behring Breivik gezeigt, das er kurz vor seinen Mordtaten im Netz publizierte. Neun Jahre lang hat er, so heisst es, daran gearbeitet; neun Jahre hat er die Warnungen vor dem «Aufstieg eines alles kontrollierenden Multikulturalismus» und einer weltweiten Verschwörung von Marxisten, Humanisten und Menschenrechtsorganisationen zusammenkopiert, rechte, antiislamische Blogs besucht, Websites studiert, Belege und Autoritätenzitate in endloser Folge montiert. Schliesslich stilisierte er sich zum Kreuzritter an der Spitze einer «westeuropäischen Widerstandsbewegung». Der letzte Eintrag des Textes lautet: «Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51 Uhr.» Wenige Stunden später zündete er vor dem Büro des Ministerpräsidenten in Oslo eine selbst fabrizierte Autobombe, die mehrere Menschen tötete. Er erschoss danach, als Polizist verkleidet, in einem Feriencamp auf der Insel Utøya wahllos Kinder und Jugendliche, die er unter dem Vorwand, sie über den Osloer Bombenanschlag zu informieren, mit der Autorität des Uniformierten zusammengerufen hatte. Insgesamt 77 Menschen starben. Dies ist gewiss ein Extrembeispiel einer medial möglich gewordenen Selbst­radikalisierung mit furchtbaren Folgen. Entstanden ist hier, um ein kluges Wort des Netztheoretikers Michael Seemann aufzugreifen, ein informationeller Meinungstresor, zusammengesetzt aus eigenen Kommentaren, endlosen, verzweigten Verweisen, feindseligen Blogeinträgen und den Hasskommentaren anderer; es handelt sich um einen Meinungs- und Hasstresor der Marke Eigenbau, der die Gefahren einer strikt selbstbezogenen, individualistisch-ideologischen Wirklichkeitskonstruktion offenbar werden lässt.12

Am bizarren Einzelfall wird greifbar, in welchem Masse sich die Quellenbindung, die Methodenbindung, die Faktenbindung und die Expertenbindung, also das Set einer traditionellen, einer klassischen, mehr oder minder hierarchisch strukturierten, in ­jedem Fall jedoch präfabrizierten, sozial vorgegebenen Wahrheitsordnung, im Universum frei umherwirbelnder, beliebig kombinierbarer Daten lockern lässt, um eine persönliche Wahnvorstellung zu begründen.

Ist das Netz also «schuld» an der Entstehung des Wahns? Dies gewiss nicht, denn eine solche Behauptung würde die Verantwortung des einzelnen, die gerade an diesem Beispiel offenkundig ist, negieren. Ist das Netz somit «unschuldig»? Diese Frage ist schon deutlich schwieriger zu beantworten, aber letztlich auch falsch gestellt, weil sie nach wie vor strikte Kausalität suggeriert, die so nicht nachweisbar ist. Es geht um etwas anderes, nämlich um die eher diffusen, undeutlichen intellektuellen und sozialen Effekte, die in der medial erzeugten Kommunikationsumwelt selbst angelegt sind; es geht um die subtile Prägekraft medialer Umgebungen.

Die entscheidende Frage lautet daher: Begünstigt das Netz – im Vergleich zu anderen Medien – die ideologische Selbstversiegelung? Dies muss man bejahen, denn Dokumente werden, einmal in einen Strom aus Bits und Bytes verwandelt, flüssig und wandelbar; sie lassen sich sehr viel leichter kombinieren, verbreiten, aus etablierten, gerade noch abgeschlossen, behäbig wirkenden Formen und Formaten (z.B. einem Buch oder auch einer Zeitung) heraussprengen und damit eben auch als Bastel- und Baumaterial für Ideologien aller Art benutzen. Was als digitalisierte Information vorliegt, kann endlos verändert werden und verliert daher den Charakter der beharrungsstarken Instanz, die einen festen Ort in einer vorgegebenen Wahrheitsordnung besitzt, die dann ihre ­eigene Prägekraft entfaltet. Physisch-materielle Einschränkungen werden im digitalen Wirklichkeitsraum aufgehoben, Transformation ohne Kontexttreue ist mit einem Mal möglich; das scheinbar Gegebene wird grenzenlos veränderbar, kann leicht verschickt, empfangen und geteilt und endlos kopiert werden. «Mit der Digitalisierung gehen immer mehr Dinge, die zuvor an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, in einen neuen Aggregatzustand über», so der Netzphilosoph Peter Glaser. «Kulturdinge im weitesten Sinn – aus Zeichenbrettern, Tonstudios, Fernsehern, Büchern, you name it – werden Daten. Diese digitale Sub-stanz hat eine grundlegend neue Leichtigkeit. Die digitalen Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, mit anderen teilen, remixen.»13

«Wie kann es gelingen, gegen Desinformation vorzugehen und für eine ausreichend respektvolle Kommunikation zu werben – ohne Bevormundung, ohne die Ideale von Kommunikationsfreiheit und Mündigkeit zu schleifen?»

Das Netz stellt – verglichen mit der Informationsdistribution des Printzeitalters – von der Logik des Senders auf die Logik des Empfängers um und ordnet die Welt der beweglichen, nicht mehr in einer statischen Ordnung fixierten Daten und Dokumente passgenau in Richtung der eigenen Perspektive.14 Man kann sich nun seine Realität, dies eben ohne Reibung mit der Agenda der Allgemeinheit, ohne Anbindung an eine fremdorganisierte Wahrnehmungswelt, konstruieren. Dies ist – einerseits – als Befreiung begreifbar, die eine neue Beweglichkeit zu stiften vermag und die Emanzipation von statisch-hierarchischen Wissenskonzepten ermöglichen kann, weil die gerade noch gegebenen Beschränkungen der Organisation von Informationen aufgehoben werden.15 Andererseits kommt das Prinzip der Abfrage- und Empfängeröffentlichkeit der von eigenen Vorannahmen und Vorurteilen gesteuerten Informationssuche (der entsprechende Fachbegriff heisst biased assimilation) der Sehnsucht nach Bestätigung und Gewissheit sehr weit entgegen. Wer mag, kann sich jetzt, ob allein oder mit Gleichgesinnten, für die eigenen Dogmen jede Menge Gründe suchen, die ihm irgendwann als absolut zwingend erscheinen. Wer will, kann die wilde Vielfalt der Stimmen nutzen, um in einem Akt der gezielten Auswahl nur jenen Gehör zu schenken, die ihn bestätigen, um sich dann fortan in einer selbstgeschaffenen Echokammer zu verbarrikadieren.16 Das also ist das eigentümliche Paradox der digitalen Wahrheitsordnung, ihre ambivalente Gestalt. Sie erlaubt die ko-gnitive Schliessung und eine höchst wirksame Selbstdogmatisierung eben aufgrund ihrer Offenheit und einfachen Formbarkeit. Diese Wahrheitsordnung scheint – einerseits – so flexibel wie nie. Sie bildet kein festes oder gar erdrückendes System der Gewissheiten, keine hierarchisch exekutierbare Ideologie mit speziellen Inhalten, sondern sie zeigt sich als ein gewaltiger Fundus heftig rivalisierender Wirklichkeiten. Hierarchien werden eingeebnet, die Unterscheidung von Peripherie und Zentrum erodiert, orthodoxes Wissen verliert an Prägekraft. Aber das ist nur die eine, die helle Seite. Denn diese weiche, die Idee der Vielfalt stützende Wahrheitsordnung gibt dem Fanatiker – andererseits – alle Möglichkeiten, seinen verstörenden Wahn als umfassend fundierte Weltsicht auszugeben und ihn mit dem Anschein der Plausibilität zu versehen. Er kann aus dem Fundus des Vorhandenen, gemeinsam mit Gleichgesinnten, neue Dogmen und Ideologien schöpfen, um dann die öffentliche Sphäre weithin sichtbar mit seinen Verrücktheiten zu fluten.

Auf dem Weg in die redaktionelle Gesellschaft

Vor dem Hintergrund der neuen Möglichkeiten, auch den exklusiven Irrsinn als vermeintlich gut belegte Wahrheit zu präsentieren, lässt sich die zentrale Herausforderung unserer Kommunikationszukunft in Form einer Schlüsselfrage formulieren. Sie lautet: Wie kann es gelingen, gegen Desinformation vorzugehen und für eine ausreichend respektvolle (keineswegs notwendig harmonische) Kommunikation zu werben – ohne Bevormundung, ohne die Ideale von Kommunikationsfreiheit und Mündigkeit zu schleifen? Mein Plädoyer lautet kurz und knapp: Wir müssen von der digitalen Gesellschaft, in der wir heute leben, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft werden. Was ist die redaktionelle Gesellschaft? Es ist eine Gesellschaft, in der die Maximen und Ideale des guten Journalismus zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind. Ihre Maximen und handwerklichen Regeln lassen sich folgendermassen zusammenfassen: «Kommuniziere wahrheitsorientiert! Prüfe erst, publiziere später! Verlasse dich nie nur auf eine einzige Quelle, verwende stets mehrere Quellen! Höre immer auch die ­andere Seite! Pflege das skeptische Denken und versuche dir deine eigenen Vorurteile und blinden Flecken bewusst zu machen! ­Orientiere dich an Relevanz und Proportionalität! Unterscheide das Wichtige vom Unwichtigen und mache ein Ereignis nicht grösser, als es ist! Agiere unerschrocken in der Kritik von Ungerechtigkeit! Sei transparent im Umgang mit eigenen Fehlern!»

Im guten Journalismus steckt eine Kommunikationsethik, die heute jeden angeht. Sie sollte in Schulen und Hochschulen gelehrt werden. Weil diejenigen, die man früher «das Publikum» genannt hat, medienmündig werden müssen – und längst medienmächtig sind. Dies ist die grosse, noch unverstandene Bildungsaufgabe der digitalen Zeit.

  1. Zur Genese dieses Essays: Der Vortrag in Lech wurde in freier Rede gehalten; der nachfolgende Beitrag stammt aus dem Buch des Autors mit dem Titel «Die grosse Gereiztheit» (Hanser, 2018, S. 32 – 61); er präsentiert die zentralen Thesen des ­Vortrags in schriftlicher Form und wurde für die Publikation im «Schweizer Monat» erneut überarbeitet. Zur Verbreitung dieses Gerüchts siehe die sorgfältigen ­Recherchen der «BuzzFeed»- und der «New York Times»-Redaktion sowie exem-plarisch: Nina Rehfeld: In Amerika herrscht die Lüge. In: FAZ.net (09.12.2016)

  2. Michela Del Vicario, Alessandro Bessi, Fabiana Zollo, Fabio Petroni, Antonio Scala, Guido Caldarelli, H. Eugene Stanley, Walter Quattrociocchi: The Spreading of Misinformation Online. In: PNAS, 113/3 (2016), S. 558.

  3. Zur folgenden Analyse siehe: Bernhard Pörksen: Die postfaktische Universität. In: Zeit Online (29.12.2016). Sowie: Bernhard Pörksen: Das peinliche Zeitalter. In: Forschung & Lehre, 24/2 (2017), S. 97.

  4. Die Formulierung von der Deregulierung des Wahrheitsmarktes verdanke ich ­Michael Seemann, siehe: Michael Seemann: Digitaler Tribalismus und Fake News. In: ctrl-verlust.net (29.09.2017).

  5. «Technology is neither good nor bad», so Melvin Kranzberg, «nor is it neutral.» Zur Erläuterung siehe: Melvin Kranzberg: Presidential Address. Technology and History: «Kranzberg’s Laws». In: Technology and Culture, 27/3 (1986), S. 545 f.

  6. Siehe hierzu grundlegend: Douglas Rushkoff: Present Shock. Wenn alles jetzt passiert. Freiburg: orange-press, 2014.

  7. Persönliche Mitteilung.

  8. Auf dieses Beispiel greife ich auch in folgendem Essay zurück: Bernhard Pörksen: Trolle, Empörungsjunkies und kluge Köpfe: Die fünfte Gewalt des digitalen ­Zeit­alters. In: cicero.de (17.04.2015).

  9. Zitiert nach: Yussi Pick: Das Echo-Prinzip. Wie Onlinekommunikation Politik verändert. Wien: Czernin Verlag, 2013, S. 29.

  10. Diese Überlegungen habe ich zuerst in folgendem Essay ausgeführt: Bernhard Pörksen: Extremismus der Erregung. In: Zeit Online (06.04.2015).

  11. In anderen Fällen reagiert man auf das Visualisierungsvakuum auch durch Fotofälschungen und visuelle Scheinbelege für das Erwartbare. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Foto-Fakes nach dem Tod von Usama bin Ladin.

  12. Michael Seemann: Breivik, Queryology und der Weltkontrollverlust. In: ctrl+verlust.net (07.08.2011).

  13. Peter Glaser: Kulturelle Atomkraft. In: berliner-zeitung.de vom 25.08.2009.

  14. Michael Seemann hat für die Entstehung solcher Abfrage- und Wunschöffentlichkeiten den Ausdruck Queryology geprägt (die Query ist das Resultat einer Suchanfrage). Vgl. «Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust» (orange-press, 2014), S. 58 ff. sowie S. 179 ff.

  15. Siehe das grundlegende Buch von David Weinberger, der die Befreiung vom ­behäbigen Trägermedium des Papiers feiert. David Weinberger: Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung. München: Carl Hanser Verlag, 2008, S. 22 ff. Überdies sind die Analysen von Katharine Viner und Jayson Harsin zur digitalen Informations- und Wahrheitsordnung äusserst lesenswert, siehe etwa: Katharine Viner: Die Wahrheit in Zeiten des Internets. In: freitag.de (28.09.2016). Sowie: Jayson Harsin: Regimes of Posttruth, Postpolitics, and Attention Economies. In: Communication, Culture & Critique, 8/2 (2015), S. 327 – 333.

  16. Die Gefahren des online verstärkten Gruppendenkens hat Cass R. Sunstein in vielen Büchern beschrieben, siehe exemplarisch: Cass R. Sunstein: Infotopia. Wie viele Köpfe Wissen produzieren. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

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