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Das einzig nachhaltige an der Nachhaltigkeitsbürokratie ist die Bürokratie

Unternehmen sind immer umfangreicheren Umweltschutzregeln unterworfen. Das bewirkt wenig – ausser gut bezahlte Jobs für Akademiker.

Das einzig nachhaltige an der Nachhaltigkeitsbürokratie ist die Bürokratie
Konzerne betreiben oft viel Aufwand, um sich eine grüne Fassade zu geben. Bild: Keystone/Westend61.

Nachhaltigkeit spielt in vielen Unternehmen eine wichtige Rolle. Zumindest erhält man diesen Eindruck, wenn man die Konzernwebsites besucht oder die Jahresberichte durchblättert. Zwar ist der Nachhaltigkeitshype inzwischen durch neue Hypes wie künstliche Intelligenz wieder etwas verdrängt worden, aber die grossen Ziele und Versprechen sind geblieben: Klimaneutralität, Netto-Null und globale Verantwortung.

Im Zentrum stehen die drei Buchstaben ESG. ESG steht für Environmental, Social and Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und beschreibt Kriterien, anhand derer nachhaltiges und ethisch verantwortungsvolles Wirtschaften bewertet werden soll. Sie sollen Investoren und Stakeholdern dazu dienen, Risiken zu bewerten und die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zu messen. Weil Brüssel darin ein zentrales Steuerungsinstrument sieht, hat die EU 2023 mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) eine entsprechende Regulierung geschaffen. Sie verpflichtet rund 50 000 Unternehmen in der EU zur jährlichen, standardisierten Offenlegung ihrer ESG-Daten in einem entsprechenden Bericht. Mittelfristig fallen nicht nur grosse, sondern auch kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen unter diese Richtlinie.

Neuer Geschäftsbereich

Zwar sind Schweizer Unternehmen den EU-Regeln nicht direkt unterworfen, aber die Verflechtung der internationalen Märkte und Lieferketten zwingt auch hiesige Unternehmen dazu, diese EU-Richtlinie zu berücksichtigen. Und so tummeln sich hierzulande bereits Berater, die dabei «helfen», sich auf diese neue Herausforderung vorzubereiten. Denn es ist auch damit zu rechnen, dass sich die regulatorischen Anforderungen in der Schweiz mittelfristig den EU-Vorgaben annähern oder dass Marktanforderungen (Finanzierung, Kundenanforderungen, Ausschreibungen) die Unternehmen indirekt dazu zwingen.

Denn Regulierung schafft vor allem eines: Pflichten. Diese führen zu zusätzlicher Arbeitsnachfrage innerhalb der Unternehmen, und daraus ergeben sich wiederum indirekte Beschäftigungseffekte entlang eines erweiterten Dienstleistungsökosystems. Der erste Schritt in dieser Kette ist die Entstehung konkreter regulatorischer Pflichten. Die ESG-Regulierung verlangt von Unternehmen nicht nur punktuelle Anpassungen, sondern auch systematische Prozesse: die Erhebung standardisierter Nachhaltigkeitskennzahlen, deren Prüfung sowie die Veröffentlichung in auditierbarer Form. Eine Studie von PwC zeigt, dass ein Grossteil der Unternehmen in der Schweiz bereits operative Anpassungen vorgenommen hat. Über 60 Prozent der befragten Firmen berichten, dass sie die von den EU geforderten ESG-Indikatoren proaktiv implementiert hätten, während ein ähnlich grosser Anteil zusätzliche Ressourcen für Reporting und Governance eingeplant hat. Regulierung führt so unmittelbar zu zusätzlicher Arbeitsnachfrage.

Der zweite Schritt betrifft die interne Beschäftigungswirkung. Konkrete Beispiele aus grossen Unternehmen illustrieren die Grössenordnung: Die UBS beschäftigt mehrere Hundert Mitarbeitende im Bereich Nachhaltigkeit und ESG, verteilt auf Risk, Compliance, Investment und Reporting. Auch die inzwischen übernommene Credit Suisse hatte bereits ein umfangreiches Sustainability-Team mit deutlich über 100 Spezialisten. In der Industrie zeigt sich ein ähnliches Bild: Bei Nestlé arbeiten über 300 Spezialisten an Nachhaltigkeitsthemen, insbesondere entlang globaler Lieferketten und im Reporting. Der Zementkonzern Holcim hat seine Nachhaltigkeitsorganisation in den letzten Jahren massiv ausgebaut, um CO₂-Reporting, Kreislaufwirtschaft und regulatorische Anforderungen zu bewältigen. Nachhaltigkeit ist dort längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern ein eigenständiger strategischer Geschäftsbereich mit entsprechendem Personal.

Diese Beispiele lassen sich auf ein «typisches» grosses Schweizer Unternehmen herunterbrechen. Während vor zehn Jahren ESG oft von ein bis zwei Personen nebenbei betreut wurde, sind heute in vielen Firmen spezialisierte Teams mit 5 bis 15 Vollzeitäquivalenten keine Seltenheit. In besonders regulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Pharma können die Zahlen sogar deutlich darüber liegen. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass diese Stellen bestehende Funktionen nicht ersetzen. Sie kommen zusätzlich hinzu. Es handelt sich um regulatorisch induzierten Stellenausbau.

«Während vor zehn Jahren ESG oft von ein bis zwei Personen nebenbei betreut wurde, sind heute in vielen Firmen spezialisierte Teams mit 5 bis 15 Vollzeitäquivalenten keine Seltenheit.»

Teure Experten

Der dritte Schritt betrifft die indirekten Beschäftigungseffekte. Regulierung erzeugt nicht nur interne Stellen, sondern auch Nachfrage nach externen Dienstleistungen. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie Deloitte oder KPMG haben ihre ESG- und Sustainability-Practices in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Allein im Bereich Nachhaltigkeitsberatung wurden in Europa Tausende neue Stellen geschaffen. Diese Firmen berichten, dass ESG zu den am schnellsten wachsenden Geschäftsfeldern gehöre. Der Grund liegt darin, dass Unternehmen externe Expertise für Implementierung, Prüfung und laufende Anpassung benötigen. In der Schweiz geben in Umfragen über 80 Prozent der Unternehmen an, dass sie externe Unterstützung bei der Umsetzung von ESG-Regulierung einplanten.

Ein vierter zentraler Mechanismus ist schliesslich die Datenintensität von ESG-Regulierung, die zu einer Verschiebung der Qualifikationsstruktur führt. Unternehmen wie Novartis oder Nestlé betreiben heute umfangreiche Systeme zur Erfassung von Umwelt- und Sozialdaten entlang globaler Lieferketten. Dafür braucht es längst nicht mehr nur klassische Compliance-Fachleute, sondern zunehmend auch Data Scientists, IT-Spezialisten und Supply-Chain-Analysten. Die Folge ist ein überproportionaler Anstieg hochqualifizierter Beschäftigungen mit entsprechend hohen Löhnen. ESG wirkt damit nicht nur quantitativ, sondern führt auch zur Beschäftigung von immer mehr gut bezahlten Akademikern.

Gemessen oder vergessen

Führt mehr ESG-Regulierung wie die CSRD auch zu mehr Nachhaltigkeit? Die Antwort lautet: Ja, sofern man die Nachhaltigkeit auf die «richtige» Weise misst. Will heissen: Die Indikatoren müssen eben so definiert werden, dass am Schluss mehr Nachhaltigkeit gemessen wird. Vorschriften wie die CSRD verpflichten Unternehmen primär dazu, Daten zu erheben und offenzulegen, nicht jedoch zwingend dazu, ihre Umwelt- oder Sozialleistung konkret zu verbessern. Diese Fokussierung führt dazu, dass Unternehmen erhebliche Ressourcen in die Berichterstattung investieren, ohne dass daraus notwendigerweise substanzielle Veränderungen resultieren. Studien der EU-Kommission weisen darauf hin, dass Offenlegung allein keine hinreichende Bedingung für reale Nachhaltigkeitsfortschritte ist.

Damit sind wir beim Thema des Greenwashings. Da ESG-Bewertungen und -Berichte auf standardisierten, aber teilweise interpretierbaren Kennzahlen beruhen, entsteht Spielraum für strategische Darstellung. Unternehmen können ihre Nachhaltigkeitsleistung positiv darstellen, ohne dass dies vollständig mit der tatsächlichen Wirkung auf ökologische, soziale oder ethische Standards übereinstimmt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass hohe ESG-Ratings nicht zwingend mit realen Nachhaltigkeitsverbesserungen korrelieren. Eine vielzitierte Studie von MIT Sloan School of Management kommt zum Schluss: Die Korrelation zwischen verschiedenen ESG-Ratings ist gering. Andere Annahmen und andere Zahlenerhebungen führen schnell zu anderen Ratings. Unternehmen werden also stets versuchen, die Zahlen in den Mittelpunkt zu stellen, die sie in ein positives Licht rücken.

«Unternehmen können ihre Nachhaltigkeitsleistung positiv darstellen, ohne dass dies vollständig mit der tatsächlichen Wirkung auf ökologische, soziale oder ethische Standards übereinstimmt.»

Typischerweise konzentriert sich ESG auch auf quantifizierbare Indikatoren, wie etwa CO₂-Emissionen oder Diversity-Kennzahlen. Deren Exaktheit ist aber oftmals nur vorgetäuscht. Zwar gibt es ganz präzise Zahlen dazu, wie viele CO₂-Emissionen mit bestimmten Prozessen oder Produkten verbunden sind. In Wirklichkeit hängen diese aber von Annahmen ab, die keineswegs zwingend sind. Was als exakte Zahl daherkommt, ist oft nicht mehr als eine grobe Schätzung. Andere relevante Nachhaltigkeitsaspekte – etwa Biodiversität, soziale Auswirkungen in komplexen Lieferketten oder langfristige ökologische Schäden – lassen sich noch viel weniger mit einer Kennzahl erfassen. Die Folge ist eine Verzerrung: Unternehmen optimieren diejenigen Bereiche, die gut messbar und berichtspflichtig sind, während schwer messbare Aspekte tendenziell weniger Aufmerksamkeit erhalten. Dieses Phänomen wird in der Literatur häufig als «only what gets measured gets managed» beschrieben – mit der Kehrseite, dass nicht gemessene Bereiche vernachlässigt werden.

Regulierungen wie die CSRD, die Nachhaltigkeit in Unternehmen garantieren sollen, bewirken mehr Nachhaltigkeitsbürokratie, als dass sie zu tatsächlicher Nachhaltigkeit führen. Als wichtiger Nebeneffekt ergibt sich eine Zunahme der Beschäftigung durch tendenziell gut bezahlte Jobs wie Klimaschutzmanager, Sustainability Consultants, Umweltbeauftragte oder Zertifizierungsauditoren, welche das Thema Nachhaltigkeit aktiv bewirtschaften. Wollen wir tatsächlich mehr Nachhaltigkeit, dann müssen wir uns auch mit der Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems beschäftigen. Solange Aktiengesellschaften an der Börse nach ihren Gewinnerwartungen bewertet werden und sich der Erfolg des Managements nach dieser Bewertung richtet, kann man nicht ernsthaft erwarten, dass Nachhaltigkeit zu einem echten Anliegen des Managements wird.

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