Zeitchronist und «Homo pro se»

Walther Hofers Kampf um die Deutungshoheit historischer Phänomene. Nachruf auf einen Historiker und eigenwilligen Politiker

Walther Hofer, geboren am 10. November 1920 im Berner Bauerndorf Kappelen, verstorben am 1. Juni 2013 in Stettlen, Kanton Bern, war ein Schweizer Historiker mit Lehrauftrag von 1950 bis 1959 an der Freien Universität Berlin sowie späterer Hochschulprofessor und Nationalrat in Bern. Seine meistenteils in Berlin verfassten Hauptwerke wurden in acht Sprachen übersetzt, erreichten eine Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren und wirkten, zum Beispiel über Sendungen von Radio Beromünster, auch in die Zeitgeschichte hinein. Umstritten machte sich Walther Hofer als führender Vertreter der «neronischen» Auffassung des Reichstagsbrandes. Darunter versteht man die von Kritikern als verschwörungstheoretisch angefochtene These, der Reichstag sei am 27. Februar 1933 auf Veranlassung von Hermann Göring und Joseph Goebbels in Brand gesetzt und Mitwisser dieses Verbrechens seien später beim sogenannten Röhm-Putsch (30. Juni 1934) zum Verstummen gebracht worden.

Ab 1963 war Hofer, nunmehr Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bern, einer der wichtigsten Parlamentarier der Schweiz mit Mandaten als Nationalrat in Bern einerseits und bei der Parlamentarischen Versammlung des Europarates andererseits. Der Berner war auch viele Jahre der am stärksten beachtete bürgerliche Medienpolitiker seines Landes, dessen «Schweizerische Radio- und Fernseh-Vereinigung» (SRFV), auch «Hoferclub» genannt, regelmässig die Differenz zwischen einer mehr dem internationalen Mainstream angepassten veröffentlichten Meinung und der öffentlichen Meinung bürgerlicher Wählerinnen und Wähler in der Schweiz anmahnte. Wegen dieser Haltung war der international angesehene Historiker im Inland über einen längeren Zeitraum umstritten. Im Buch «Unheimliche Patrioten», dem berüchtigten Feindlexikon der schweizerischen Linken (1979, 1985 und spätere Auflagen), ist ihm deswegen ein ganzes Kapitel gewidmet.

Der Spezialist zum Thema Nationalsozialismus hielt in Deutschland mehrfach Festreden zum Gedenktag des Attentates auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944, so zum Beispiel 1971 in der Bonner Beethovenhalle, und wurde 1983 durch Bundespräsident Karl Carstens mit dem Grossen Bundesverdienstkreuz geehrt. Mit Willy Brandt, zu dem er 1963 eine Reise der BGB-Fraktion der Schweizerischen Bundesversammlung (heute SVP) nach Berlin organisierte, war er ebenso bekannt wie mit Helmut Schmidt, der sich lobend über den Schweizer Historiker äusserte.

Augenschein im zerstörten Berlin

Walther Hofer gehörte neben Max Frisch und Erwin Jaeckle zu den Schweizer Intellektuellen, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Deutschland und mit besonderem Interesse Berlin bereisten. Im Gegensatz zu den besser situierten Zürchern Frisch und Jaeckle war der Sohn eines landbernischen Volksschullehrers 1946/47 nicht mit dem Auto unterwegs. Berlin erreichte er, dank Dolmetscherdiensten, mit einem französischen Militärzug. Die schweizerische Vertretung in der einstigen Reichshauptstadt empfahl ihm aus Sicherheitsgründen die sofortige Heimreise. Bei Frisch führte diese Reise zu dem für die europäische Literatur wichtigen «Tagebuch 1946–1949», bei Walther Hofer zur Berufung seines Lebens: nämlich als Professor an die Freie Universität Berlin, die damals, im Gegensatz zur Humboldt-Universität, nicht in kommunistischer Hand war. Seine Berliner Habilitationsschrift trägt den Titel «Die europäischen Mächte und der Ausbruch des 2. Weltkrieges» (1952).

Hauptthema der Berliner Vorlesungen von Walther Hofer wurde der Nationalsozialismus. Da Hofer in den fünfziger Jahren zugleich auch Berlin-Korrespondent für das Radio Beromünster war, kam es zu einer Serie von Sendungen zu diesem Thema, fast analog zu den früheren Radiovorträgen des Zeitchronisten Jean-Rodolphe von Salis (1901–1996). Diese Vorlesungen und Vorträge sind in Hofers Bücher «Der Nationalsozialismus» und «Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges» eingegangen.

Es wurde für den Historiker, der in Zürich zum Thema «Geschichtsschreibung und Weltanschauung» am Beispiel von Friedrich Meinecke doktoriert hatte, kein Leichtes, als zugereister Schweizer seine Hörerschaft über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zu belehren. Die Studenten von damals verfügten noch über die Evidenz unmittelbarer Eindrücke und Erfahrungen. In seinen frühesten Vorlesungen musste Hofer seine Hörerschaft mit der Begründung beruhigen, deutsche Soldaten und Landser stünden nicht im Vordergrund seiner Darstellung, vielmehr die nationalsozialistischen Führungscliquen und die von diesen geschaffenen Strukturen.

Für Walther Hofer als Historiker waren in Berlin nicht die unbelehrbaren Altnationalsozialisten das Problem, wiewohl er mit solchen fast lebenslänglich und zum Teil auch gerichtlich seinen Ärger hatte. In der Frühzeit des Kalten Krieges stand vielmehr die Frage um die Deutungshoheit betreffend der Ursachen, Ereignisse und Folgen des Zweiten Weltkrieges im Vordergrund. Es war klar, dass das öffentliche «universe of discourse» in diesem Bereich den Gegnern und Kritikern des Nationalsozialismus gehörte.

Totalitarismuskritiker contra «Antifaschisten»

Unter denselben stritten sich zwei Hauptschulen, die immer erbitterter um die Deutungshoheit kämpften: die Totalitarismuskritiker einerseits und die sogenannten Antifaschisten, welche den Begriff «nationalsozialistisch» wegen des für sie nicht anrüchigen zweiten Teil des Wortes nur ungern verwendeten, andererseits. Die Antifaschisten orientierten sich ideologisch am Leitgedanken, man könne die Diskussion über den Faschismus genannten Nationalsozialismus nicht von derjenigen über den Kapitalismus trennen. Hingegen neigten die Totalitarismuskritiker dazu, zumal im Stalinismus, aber auch in Elementen des Gedankengutes von Karl Marx und Friedrich Engels (zum Beispiel betreffend Diktatur, Führerprinzip, Zentralismus, Massenaufmärsche, Kollektivismus, Bekenntniszwang, mangelnde Gewaltentrennung, zum Teil antisemitisch klingende Kapitalismuskritik), Gemeinsamkeiten oder wenigstens Analogien zum Nationalsozialismus zu sehen.

Zur Zeit von Walther Hofer in Berlin «herrschte» an der Freien Universität noch weitgehend die Kritik am Totalitarismus, während an der kommunistisch gleichgeschalteten Humboldt-Universität der Antifaschismus Doktrin war. Letzterer wurde dann nach 1968, angereichert durch Elemente des Anarchismus, der Psychoanalyse und der sogenannten Kritischen Theorie, auch an westlichen Universitäten etwa in Deutschland, Frankreich und Amerika salonfähig.

Walther Hofer gehörte von Anfang an und im Hinblick auf seine ganze wissenschaftliche Existenz der totalitarismuskritischen Richtung an. Mit diesem Hintergrund war er in den fünfziger und sechziger Jahren aktuell und modern, 1996 aber zum Beispiel schon nicht mehr. Als in der Schweiz aufgrund eines Beschlusses von Bundesrat und Parlament die Expertenkommission «Schweiz – Zweiter Weltkrieg» gebildet wurde, bekam eine neue Generation von Historikern das Sagen. Zu deren «rechtem» Flügel gehörte der Basler Historiker Georg Kreis, zum linken «antifaschistische» Historiker wie Jakob Tanner und Mario König. Letzterer hat neuerdings als vom Kanton Thurgau beauftragter Biograph von Bauerndichter Alfred Huggenberger eine im faktischen Ertrag überdurchschnittliche Leistung erbracht.

Das Problem der Geschichtsbewertung

Ein Lehrbuchbeispiel, wie die Geschichtsschreibung eines professionellen Historikers, Totalitarismuskritikers und hundertprozentigen Demokraten wie Walther Hofer in einen umstrittenen Bereich geraten kann, ist seine interessante, aber methodisch wohl nicht vollständig geglückte Darstellung des Reichstagsbrandes. Das Problem liegt im Bemühen um Verifikation, wohingegen Falsifikation, so auch bei nationalgeschichtlichen Themen wie Tell und Winkelried, leichter glückt. In dieser Frage scheint Walther Hofer wohl schon früh, möglicherweise bereits 1933/34, vom Eindruck als junger Zeitzeuge, zur verbreiteten Überzeugung gelangt zu sein, dass der Reichstag wie einst die Stadt Rom von Nero zum Zweck der entsprechenden Massnahmen, die nach dem Brand getroffen wurden, von den Nationalsozialisten selber angezündet worden sei. Die entsprechende Auffassung, schon in frühen Vorlesungen vertreten, wird als respektabler, wiewohl im Quellenteil wegen Fälschungsfragen umstrittener Beitrag in einem zweibändigen Werk «Der Reichstagsbrand» (1972 und 1978) vertreten. Die Argumente für die «neronische» These werden so vorgetragen, dass man, solange diese Endlos-Debatte andauert, den Namen Walther Hofer in Erinnerung behalten wird.

Unabhängig davon, ob die Historiker des Nationalsozialismus «totalitarismuskritisch» oder «antifaschistisch» eingestellt sind, steht man vor einer Problematik, die Hermann Lübbe in seinem Hauptwerk «Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse» (Neuauflage 2012) als Differenz zwischen sachbezogener «methodischer» Objektivität und der «Konsensobjektivität» auf den Punkt gebracht hat. Für mich ist der Hinweis auf dieses Spannungsverhältnis keine Abwertung der Arbeit des Historikers Walther Hofer. Wenn man, wie er, lebenslang Recherchen unternommen hat, muss man sich zu einer errungenen Sicht bekennen.

In Berlin lehrte Hofer ausserdem an der «Deutschen Hochschule für Politik». 1959 nahm er einen Lehrauftrag an der Columbia University in New York an. Seine Lebensstelle als Hochschulprofessor im bernischen Beamtenstatus fand er 1960 als Professor für Neuere Geschichte, jenen Lehrstuhl, auf dem er bis 1988 bemerkenswerte Schüler unterrichtete – so den als Vorsitzenden der Kommission «Schweiz – Zweiter Weltkrieg» nicht berücksichtigten Urs Altermatt oder den historischen Autor Erwin Bischof, bekannt für Studien betreffend das Verhältnis Schweiz zur DDR.

Ein bedeutender Einschnitt im Leben des Gelehrten Walther Hofer war seine Wahl in den Nationalrat 1963. Zu dieser Zeit vertrat Friedrich Traugott Wahlen (1899–1985), eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Bundesstaates, die bernorientierte Staatspartei BGB als Aussenpolitiker im Bundesrat. Nebst diesem Magistraten wurde Walther Hofer der wohl kompetenteste Aussenpolitiker in der Geschichte dieser Partei. In ihrer soziologischen Zusammensetzung, die sich im früheren Namen «Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei» (später SVP) ausdrückt, repräsentierte der Historiker wie fast kein zweiter den Bürger, weniger in der Bedeutung von «bourgeois» denn als «citoyen».

Hofer als Politiker: gebremste Karriere

Walther Hofer war nicht der einzige Schweizer Politiker, dem intellektuelle Brillanz und eine nicht landesübliche Gelehrsamkeit für die politische Karriere wenig dienlich waren. 1971 musste er für die kleine Kammer des Schweizer Parlaments, den als Rat der Weisen geltenden Ständerat, dem braven ehemaligen Jungbauern, Meisterlandwirt und Milchpreispolitiker Fritz Krauchthaler (1915–2001) den Vorrang lassen. Und obwohl Aussenminister Pierre Graber (1908–2003) und noch andere, auch bürgerliche Politiker, in Hofer einen vorzüglichen Aussenpolitiker in der Landesregierung gesehen hätten, reichte es nie für eine Kandidatur in den Bundesrat. Hindernis war nach dem Tode von Bundesrat Rudolf Gnägi (1917–1985) weniger der fehlende Stallgeruch des Agrarpolitikers als die Konstellation, dass mit Bundesrat Léon Schlumpf (1925–2012) die Bündner Demokraten in die Partei zu integrieren waren. Hofer soll von Léon Schlumpf gebeten worden sein, sich nicht gegen den Bündner wählen zu lassen.

Walther Hofer hat sich nach seinem Rücktritt aus dem Nationalrat 1979 zwar noch dann und wann als «elder statesman» bestätigt, sich aber dann zunehmend aus der Politik zurückgezogen. Von seiner Partei entfremdete er sich zunehmend. Sein Rat war schon in seiner Aktivzeit nicht überaus gefragt; später wohl erst recht nicht mehr. Da gab es auf der einen Seite die auf strukturkonservativen Immobilismus angelegte Berner SVP. Auf der anderen Seite stand der erste bürgerliche Politiker in der modernen Schweiz, der auf Veränderung der Mehrheitsverhältnisse abzielende Wahlkämpfe führte: Christoph Blocher, aus bernischer Sicht ein Plebejer und eine Bedrohung der Stabilität, wie sie gemäss der Zauberformel von 1959 verstanden wurde. Von diesem unterschied sich Hofer weniger von den Inhalten her als mentalitätsmässig. So traten denn Hofer wie auch der engagierteste Schweizer Antikommunist, der meist überzeugende Totalitarismuskritiker Peter Sager, aus der SVP aus.

Auf Dauer bleibt es für einen Historiker von Rang eine Zumutung, sich mit einer Partei identifizieren zu müssen. Über den Humanisten Erasmus von Rotterdam wurde gesagt: «Erasmus nullius factionis est. Erasmus est homo pro se.» Erasmus ist nicht der Mann einer Partei – er ist ein «Mann für sich».

Die humanistische Losung bleibt, vom privaten familiären Hintergrund abgesehen, auch für Walther Hofer gültig. Der ehemalige Vorsitzende der Organisation der Auslandschweizer hinterlässt zwei Söhne aus erster Ehe und eine Witwe: Margarita, geborene Penkova, aus Gabrovo, Bulgarien.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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