Die Geburt einer Branche
Die Sonne scheint über dem Crypto Valley in Zug. Bild: mauritius images / Erik Tham / Alamy.

Die Geburt einer Branche

Kryptowährungen und Blockchain-Technologie sind gekommen, um zu bleiben. Für den Finanzplatz, aber auch für den Rest der Schweizer Wirtschaft ist es an der Zeit, sich neu zu erfinden.

«Google hat Angst vor uns», behauptete Hanspeter Lebrument, der Präsident der Schweizer Zeitungsverleger, 2007 an ihrem jährlichen Kongress. Gegenüber einem eingeladenen Vertreter der US-amerikanischen Firma verkündigte er, Google komme jetzt langsam auf die Welt und brauche noch ein wenig Nachhilfeunterricht1. 2010 dann erklärte er die Krise der Zeitungen kurzerhand für beendet. In der Realität jedoch haben sich die Nettowerbeumsätze der Schweizer Zeitungsbranche von 2007 bis 2016 halbiert2 – während der Google-Börsenkurs stieg und immer noch steigt. Die Verantwortlichen in der Branche haben die revolutionären Auswirkungen, die das Internet mit sich bringt, lange unterschätzt. Nun pilgern ihre Führungskräfte – einem Offenbarungseid gleich – selbst in die USA: zum Nachhilfeunterricht, der ihnen erläutert, wie das Hohelied der Digitalisierung daheim zu intonieren wäre.

Als Google vor zwölf Jahren, im Oktober 2006, ankündigte, YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar in Aktien zu kaufen, titelte die «Finanz + Wirtschaft»: «Google greift für YouTube zu tief in die Tasche.» Doch war der damalige Kaufbetrag nicht ein Klacks? Heute hat YouTube 1 Milliarde Nutzer weltweit und trägt einen guten Teil zum Jahresumsatz von rund 110 Milliarden US-Dollar des Google-Segments des Alphabet-Konzerns bei. Werner Grundlehner, der damalige Autor des kritischen F&W-Artikels, arbeitet heute für das NZZ-Wirtschaftsressort. Dort verglich er im November 2017 die Nachfrage nach Kryptowährungen mit der Tulpenblase und empfahl den Verkauf: «Spätestens wenn der Coiffeur oder der Barkeeper nach dem letzten heissen Ding an den Finanzmärkten fragt, ist es Zeit, dieses Anlageprodukt abzustossen – wenn man es besitzt.» Grundlehners NZZ-Analyse war korrekt, jedenfalls kurzfristig, denn bald darauf brach der Kurs um 70 Prozent ein, von fast 20 000 US-Dollar pro Bitcoin auf rund 6000.

Die viel wichtigere Frage lautet jedoch: Ist die Idee dahinter tot oder wird diese Technologie die Welt verändern? Glaubt man den Medien, ist Bitcoin bereits über dreihundert Mal gestorben3. Statt in der Technologie vornehmlich Chancen und Möglichkeiten zu sehen, schreiben die meisten Medien vor allem über die Risiken: Bitcoin sei unsicher, gefährlich, werde von Kriminellen benutzt usw. Die Kryptogeld-Investoren dürften es schulterzuckend hinnehmen: Wer im Frühjahr 2017 einen Bitcoin für 1000 Franken gekauft hat, verfügt heute über einen Gegenwert von 10 000 Franken. Noch besser lief es für jene, die schon vorher dabei waren – im Spätsommer 2015 etwa war ein Bitcoin etwas über 200 Franken wert. Nein, die Kryptowährungen sind nicht wieder verschwunden. Und auch das Internet ist immer noch da. Merken Sie was?

Banken in Abwehrhaltung

Szenenwechsel: die Grossbank UBS warnt auch 2018 ihre Kunden vor Investments in Kryptowährungen4, da diese keinen inneren Wert besässen. Laut dem UBS-Verwaltungsratspräsidenten Axel Weber sind Kryptowährungen ein Phänomen der Gier – er ruft die Behörden dazu auf, sie zu kontrollieren und zu regulieren. SNB-Präsident Thomas Jordan sagt: «Man kann nicht auf der einen Seite das Bargeld sehr stark drangsalieren und einschränken und dann auf der anderen Seite andere Instrumente zulassen, die völlig anonym sind und in grossem Ausmass für alle möglichen Transaktionen verwendet werden können.»5 Die Europäische Zentralbank EZB hält fest, dass Bitcoin ein spekulativer Vermögenswert sei, es aber nicht in ihre Verantwortung falle, Bitcoin oder andere Kryptowährungen zu verbieten oder zu regulieren.6 Mehrere US-Banken untersagen ihren Kunden, Kryptowährungen per Kreditkarte zu kaufen.7

Unabhängig davon, ob man hier eine scheue Gegenfrage – «Werte Herren, welchen inneren Wert besitzt ein Dollarschein oder eine 100-Franken-Note?» – einwerfen möchte oder nicht, fällt auf: Den Banken – einem Rückgrat der Schweizer Wirtschaft – scheint es sehr schwer zu fallen, sich den neuen Realitäten anzupassen. Sie schimpfen nicht nur öffentlich über die neue Konkurrenz, sie weisen sogar Kryptounternehmer ab, die bei ihnen ein einfaches Bankkonto (!) eröffnen wollen. Wird die Blockchain für die Banken sein, was das freie Internet für die etablierte Publizistik ist? Ein Niedergang auf Raten, verbunden mit einer zunehmend verzweifelten Suche nach neuen Geschäftsmodellen?

Boom der Schweizer Kryptowirtschaft

In Zug jedenfalls sieht man den kommenden Umwälzungen mit Freude entgegen: «Das Silicon Valley ist in die Schweiz gezogen!», frohlockt Mathias Ruch von Lakeside Partners, einem Investor, Advisor und Company-Builder im Kryptobereich – er empfängt mich in topmodernen Räumlichkeiten gleich beim Bahnhof Zug. Ruch, seit 20 Jahren als Unternehmer in der Start-up-Szene und früher auch mal in Diensten des Medienkonzerns Ringier, geht davon aus, dass sich alleine 2018 über 300 neue Blockchain-Firmen in Zug ansiedeln werden. Das unternehmerische Potenzial sei enorm: «Für die Schweiz, die Konsens und Dezentralität in den Genen hat, ist das die grösste Opportunität der letzten 100 Jahre! Sie ist ein idealer Ort für Blockchain-Anwendungen und Krypto-Assets.»

Bisher hat Ruch drei Wellen miterlebt von Leuten, die nach Zug kommen wollten: «Eine erste Welle spülte Ende 2016 Leute in Turnschuhen oder Flipflops mit grossen Ideen heran. Die hatten das Ziel, ein ICO durchzuführen und dabei vielleicht 100 Millionen Dollar einzunehmen. In einer zweiten Welle Anfang 2017 kamen Anzugträger aus den USA, die das Potenzial der Blockchain-Technologie erkannt hatten. Seit Mitte 2017 spült nun eine dritte Welle etablierte Unternehmen ausserhalb der Blockchain-Community an, die investieren wollen.» Die im März vorgestellte Crypto Valley Map8 listet bereits über 400 Schweizer Firmen auf, die irgendwie mit der Blockchain zu tun haben. Die meisten Firmen sind in den Bereichen Finanzindustrie (etwa Crypto Finance, Lykke, Xapo) und Technologie (etwa Akasha, Bitmain, Datum) zu finden, dazu benötigt es viele Serviceprovider, also Rechtsberater, PR-Berater, Anlageberater, Steuerberater (etwa PWC Legal, Narwal, Coinlab Capital). Angesiedelt haben sich aber auch Firmen in den Bereichen InsurTech (ShieldIT, Etherisc), PropTech (Elea Labs, SwissRealCoin) und viele mehr.

Nachgefragt werde auch Bildung zum Thema, erzählt Unternehmer André Wolke, der seine Belegschaft in einem Jahr von 2 auf 19 ausbauen konnte: «Wir bieten Workshops zum Thema Blockchain an: zu unserem Erstaunen war der Workshop für 90 Franken in einem halben Tag ausverkauft. Den zweiten Workshop haben wir dann dreimal so teuer gemacht, aber auch der war in zwei Stunden ausverkauft.» Wolkes Validity Labs existieren seit 2015: die Firma hat inzwischen über zwölf verschiedene Workshop-Typen im Portfolio. Daneben treibt Wolke zwei Non-Profit-Projekte voran: die Blockchain and IoT School (BIOTS) findet jeweils eine Woche lang an einer Universität statt und ist ein akademisches, von Sponsoren finanziertes Projekt, bei dem Bildung geliefert und Talente gesucht werden. Die Studenten erhalten Punkte für ihr Studium angerechnet, die Technologiepartner erhalten Implementierungen konkreter Anwendungsbeispiele. Wolke beschreibt es als «ein Ökosystem, in dem alle lernen». Validity Research setzt auf Anreize für mehr Kollaboration in der Forschung und versucht, die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Hilfe der Blockchain effizienter zu machen. Entstehen soll eine Plattform mit einem Suchindex, mit dem Wissenschafter noch in der Forschungsphase eruieren können, wer an der gleichen Frage arbeitet. Mit dem Anreiz von Krypto-Tokens sollen sich neue Forschungsgruppen bilden, die gemeinsam an den gleichen Themen forschen und dank der Notarisierung ihrer Forschungen ihre Ergebnisse rascher kommunizieren können. Solche Plattformen zur vernetzten Kommunikation und Zusammenarbeit könnten wissenschaftliche Journale auf lange Frist obsolet machen.

Glaubwürdigkeit und Rechtssicherheit durch Regulierung

Für einige Liberale mag es überraschend klingen, aber viele Kryptounternehmen wünschen sich durchaus eine vernünftige Regulierung, weil sie sich davon Rechtssicherheit und Glaubwürdigkeit versprechen. Dass Bitcoin (korrekterweise) auch mit illegalen Aktivitäten in Verbindung gebracht wird, schreckt weiterhin viele Investoren ab. So hat sich die bekannte kalifornische Kryptobörse Coinbase im April aus eigenen Stücken an die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC gewandt, um von ihr als lizensierter Broker und elektronischer Handelsplatz reguliert zu werden. Auch Olga Feldmeier, damals CEO von Xapo, hat die Suche nach Regulierung 2015 in die Schweiz geführt. «Als legitimer Bitcoin Custodian, also als Schützer von Schlüsseln, wurden wir von der ganzen Welt als illegal eingestuft. Wir haben es überall versucht, aber die Lage schien hoffnungslos. Auch mit der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma waren es anfänglich schwierige Diskussionen: sie wollten, dass wir eine Banklizenz beantragen.» Dann aber vermittelten die Parlamentarische Gruppe für digitale Nachhaltigkeit und Digital Switzerland einen Termin bei Finma-Chef Marc Branson, SVP-Nationalrat Franz Grüter reichte eine Motion ein. In der Folge erhielt Xapo Auflagen und konnte sich seitdem als selbstregulierte Organisation im Markt behaupten – aktuell ist der Hauptsitz in Hongkong.

Feldmeier, die ich in Baar im Büro ihres Start-ups Smart Valor treffe, beschreibt diese Story als Startschuss für eine ganze Branche. Die liberale Regulierung sei der Grund dafür, dass so viele Kryptofirmen in die Schweiz kämen und die Schweiz nach den USA am meisten Initial Coin Offerings (ICOs) durchführe. Besonders wahrgenommen hat die Branche das Ausrufen der «Cryptonation Switzerland» durch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. «Das ist ein Commitment auf höchstem politischem ­Level. Unsere Branche verspricht sich viel davon.» Bei Smart Valor handelt es sich um eine Plattform, die Asset-Managern die Tokenization von Anlagen erlaubt und somit die Finanzierung liquider und zugänglicher macht. Werte wie Diamanten oder Gold, Private Equity oder Venture Capital werden in Tokens aufgeteilt und als Coin gehandelt. Aufteilen in Tokens kann man grundsätzlich alles, also auch Fahrzeuge, Start-ups oder VC Funds. Die Community werde auf der Plattform mitreden und Bewertungen abgeben können. «Wir bauen das nächste Amazon für Financial Instruments», sagt Feldmeier selbstbewusst. Auf der Website verspricht Smart Valor nicht weniger als die «Revolution in Global Investment».

Sacheinlage Krypto-Asset

Ein vielleicht noch bedeutenderer Schritt für die Kryptowirtschaft war die Niederlassung der Ethereum Foundation am 9. Juli 2014, zunächst in Baar, später in Zug. Die Stiftung gibt den Ether heraus, die nach Bitcoin meistkapitalisierte Kryptowährung. Dieselbe Absicht, sich als Aktiengesellschaft in der Schweiz niederzulassen, hat zudem eine der weltweit grössten Kryptobörsen angekündigt, Bitfinex, inklusive ihrer Muttergesellschaft iFinex. Sie machte alleine im Dezember 2017 einen Umsatz von 110 Mil­liarden US-Dollar. André Wolke glaubt, dass viele Start-ups in die Schweiz kommen, weil sie hier nur auf einen Regulator treffen, und nicht auf zweiundfünfzig wie in den USA. «Das Verständnis, das Netzwerk, der Wille sind da, es gibt nicht nur Unverständnis und Neinsager. Die Leute hören dir zu und helfen dir.» Das, was Estland mit der E-ID geschafft hat, nämlich ein weltweiter Vorreiter zu sein, könnte der Schweiz mit Krypto gelingen, glaubt Wolke. Die Finma lobt er, denn sie beschäftige sich mit den Fällen: «Aus meiner Sicht ist die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) sehr viel weiter weg von der Sachlage.» Zusammen mit der Anwaltskanzlei Wenger & Vieli sowie dem Zuger Handelsregisteramt hat Wolke bei Validity Labs von der Möglichkeit einer Sachanlage in Ether Gebrauch gemacht sowie eine Kapitalerhöhung in Ether gemacht, als erste Firma überhaupt.

Seit Juli 2016 können Bewohner der Stadt Zug bei der Einwohnerkontrolle anfallende Gebühren in der Höhe bis zu 200 Franken mit Bitcoin bezahlen – und so den Heimatausweis, die Wohnsitzbescheinigung oder die Beglaubigung einer Unterschrift im Gegenwert von je 20 Franken begleichen. Seit September 2017 akzeptiert der Kanton Zug Bitcoin als Sacheinlage zur Firmengründung. Seit November 2017 können beim Handelsregisteramt Zug Gebühren mit Bitcoin und Ether bezahlt werden. Im Merkblatt der Steuerverwaltung des Kantons Zug steht, dass Kryptowährungen «eine bewertbare bewegliche Sache» seien, die im Formular «Wertschriften- und Guthabenverzeichnis» der Steuererklärung aufzuführen sind: «Der Bestand an Kryptowährungen kann in der Regel mit einem Ausdruck der Jahresendbestände im ‹Wallet›, also der digitalen Brieftasche, belegt werden.» Von den Crypto Explorers, einem von US-Amerikanern geführten Unternehmen, das Reisen nach Zug anbietet («Explore the Future in Crypto Valley»), wird die Zuger Stadtregierung, angeführt von ihrem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten Dolfi Müller, als «die zukunftsorientierteste zu den Themen Kryptowährungen und Dezentralisierung» beschrieben.

Vorsicht ist geboten

Viele von den Unternehmern und Beratern im Valley, mit denen ich spreche, sind ehemalige Bitcoin-Miner. Auch Patrick Hofstetter, Datencenter-Berater bei DC One, ist seit viereinhalb Jahren im Mining-Bereich aktiv und hat dabei die Evolution der Hardware mitgemacht: «Ich bin damals auch zu einem ungünstigen Zeitpunkt eingestiegen, der Preis ging zuerst mal runter. Nun aber habe ich viel Geld im Cryptospace, aber dennoch hat sich mein Leben nicht verändert. Ich wohne nach wie vor in Bülach und gehe jeden Tag gerne zur Arbeit.» Hofstetter erwähnt Scams wie OneCoin, Swisscoin oder Bitconnect (BCC): «Mit Bitconnect wurden rund 1,5 Milliarden Dollar eingesammelt, und dann sind die Besitzer verschwunden mit dem Geld.» Hofstetter, der vor jedem Investment das Whitepaper liest und auch darüber hinaus recherchiert, warnt auch davor, sich nur an Coinmarketcap.com zu orientieren: «Es ist gefährlich, sich auf eine Website zu verlassen, bei der niemand genau weiss, wie ihre Werte zustande kommen. Es sind dort auch nicht alle Coins gelistet.» Bevor er mit dem Mining angefangen habe, habe er sich zwei Jahre zum Thema eingelesen. Bei vielen Coins, in die er investiert sei, kenne er die Entwickler dahinter. Das sei ja wohl normal: ein Investment in Aktien sei ja auch niemandem empfohlen, der nichts davon verstehe.

Weitere Parallelen zur Internetwirtschaft sind augenfällig: die Anzahl von selbsternannten Bitcoin-Experten erinnert an die Flut von Social-Media-«Experten», die das Internet mit sich gebracht hat. Wer hierzu Beratung einkauft, ist gut beraten, gut hinzuschauen. Und auch, wer sich an ICOs beteiligt: 4 von 5 ICOs mit einer Marktkapitalisierung von über 50 Millionen US-Dollars seien nicht investitionswürdig, verkündete im März 2018 der ICO-Berater Satis Group – gerade mal 8 Prozent von ihnen erreichen überhaupt eine Kryptobörse.9 Diese Information deckt sich mit den Aussagen bei dieser Recherche. Einer sagt gar, er glaube, 99 Prozent aller ICOs seien nicht investitionswürdig oder schlicht Betrug.

Internet 1993, Kryptos 2018

An einem der vielen via Meetup.com organisierten Bitcoin-Treffen treffe ich im Januar auf den jungen Deutschniederländer Kristiaan Hilger, der von Kryptos so begeistert ist, dass er am liebsten gleich seinen Job aufgeben und nach Zug ziehen würde: «Die Marktkapitalisierung der Kryptowährungen ist noch sehr gering. Wenn wir die Entwicklung vergleichen mit dem Aufkommen des Internets, dann sind wir etwa im Jahr 1993.» Auch als ich ihn einige Wochen später in einem Kurstief antreffe, ist sein Enthusiasmus kaum abgeflaut. Ja, er sei im Minus im Moment, aber er halte seine Assets – verkaufen würde er lediglich Währungen, die sich als Betrug herausstellen. Wer investiere, müsse damit umgehen können, zu 60, 70 Prozent im Minus zu sein: «Ich glaube, wir werden noch 2018 ein Allzeithoch des Bitcoin-Kurses erleben.» Bitcoin werde sich vor allem als Aufbewahrungswährung durchsetzen, meint er, als digitaler Geldspeicher. Andere Währungen jedoch könnten sich im Alltag festsetzen: «Bitcoin Cash arbeitet derzeit an Terminals (Mini-POS), mit denen man auch Kleinbeträge direkt bezahlen kann.» Bald soll es möglich sein, Bitcoin Cash per SMS zu verschicken. Dass Kryptowährungen bisher kaum im Alltag genutzt wurden, hat nicht nur mit hohen Transaktionsgebühren zu tun, sondern auch damit, dass die Usability auf Kundenseite in ihren Anfängen steckt. Sobald sich aber Apps verbreiten, mit denen das Bezahlen eines Einkaufs kinderleicht ist, werden auch Verkäufer diese Zahlungsmöglichkeit vermehrt anbieten.

So wie das Internet viele Mittelsmänner und Gatekeeper verschiedenster Branchen in verschärften, internationalen Wettbewerb gesetzt oder ganz ausgeschaltet hat, so werden auch Kryptos bestehende Branchen unter Druck setzen. Die Meinung, dass es künftig für viele Tätigkeiten keine klassischen Banken mehr brauche, ist bisher noch nicht weit verbreitet in unserer Gesellschaft – im Krypto Valley jedoch ist sie längst Common Sense. Patrick Schilz, der schon für verschiedene Kryptofirmen gearbeitet und als Angel Investor auch in eine Handvoll Krypto-Start-ups investiert ist, sagt, es werde sicher auch weiterhin viele Leute geben, die es gut fänden, wenn sie jemand berate in Finanzangelegenheiten. Für Banken gebe es also keinen Grund, in Panik auszubrechen, Fintech habe sie schliesslich auch nicht zerstört. Aber: «Die Geschäftsmodelle werden sich einfach anpassen müssen: Wenn du nur noch den Notarstempel anbietest, und es braucht den nicht mehr, dann braucht es dich nicht mehr.» Er empfiehlt den Banken stattdessen, sich genau mit dem Thema zu befassen. «Man muss seine Nische finden und diese sehr gut bedienen. Es ist der gegebene Moment, eine neue Industrie aus der Taufe zu heben, deren Infrastruktur die Blockchain ist: Key Management (Schlüsselverwaltung) oder Cold Storage (Aufbewahrung) sind Geschäftsmodelle, für die Banken prädestiniert sind.» Die von UBS, CS und weiteren Banken geplante Digitalwährung Utility Settlement Coin USC dagegen mache aus seiner Sicht nicht viel Sinn, da sie lediglich Bestehendes repliziere. Klar, denn: da kann man auch gleich das Original nehmen.

Dass ausgerechnet alte Bundesräte wie Ueli Maurer (67) und Johann Schneider-Ammann (66) das Potenzial von Kryptowährungen für den Standort Schweiz erkennen und auch die Banken auffordern, sich zu erneuern, ist erstaunlich. Die Schweiz kann zu einer führenden Kryptonation werden, denn die Grundlagen sind gut. Damit sie es aber wird, muss sich die trotzige und mitunter arrogante Abwehrhaltung der etablierten Branchen und Politiker in Neugier und Freude an Innovation verwandeln. Ein Banker, der nicht recht weiss, was ihn erwartet, kann sich ja mal den Veränderungsprozess anschauen, den die Medienbranche seit 2007 durchgemacht hat. Tot ist sie nicht, aber sie hat sich grundlegend gewandelt. Als Gewinner stehen jene da, die frühzeitig die richtigen Schlüsse aus der neuen Sachlage gezogen haben. Und nicht jene, die getobt und geschimpft haben, weil sich ihre Kunden plötzlich anders verhalten.


1 www.persoenlich.com/medien/google-hat-angst-vor-uns-275616
2 Von 2487 auf 1264 Millionen Franken, www.werbestatistik.ch/index.php?pid=88
3
99bitcoins.com/obituary-stats/
4 www.finews.ch/news/banken/30550-ubs-kryptowaehrungen-blockchain-axel-weber-mitarbeiter-personal
5
www.srf.ch/news/wirtschaft/hype-um-kryptowaehrungen-nationalbank-praesident-warnt-vor-bitcoin
6
www.ecb.europa.eu/explainers/tell-me/html/what-is-bitcoin.en.html
7
www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/angst-vor-schuldenspirale-banken-verbieten-bitcoin-kaeufe-per-kreditkarte/20927402.html
8
www.cryptovalley.directory
9
medium.com/satis-group/ico-quality-development-trading-e4fef28df04f


 

Ronnie Grob
ist Redaktor dieser Zeitschrift.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»