Vor 100 Jahren: Verfahren gegen «Ulysses»

Vor 100 Jahren: Verfahren gegen «Ulysses»

Als juristische Cancel Culture nicht zog: Der Roman «Ulysses» von James Joyce erregte die Gemüter, vor allem aber die Freude am Lesen.

Nachdem die US-amerikanische Literaturzeitschrift «The Little Review» zwischen 1918 und 1920 portionsweise Texte des Schriftstellers James Joyce (1882–1941) veröffentlicht hatte, die später als Roman «Ulysses» zu Weltruhm gelangen sollten, hatten die Sittenwächter der New York Society for the Suppression of Vice genug. Im Februar 1921 prozessierten sie, um das in ihren Augen obszöne Schriftgut aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Das Gericht gab ihnen zwar recht – Margaret C. Anderson und Jane Heap, die beiden Verantwortlichen des Journals, wurden jeweils zu einer Geldstrafe von $ 100 verurteilt –, dies half jedoch nichts: 1922 erschien der Roman, der einen Tag im Leben des Dubliner Protagonisten Leopold Bloom schildert, vollständig in Buchform (ein paar Jahre später in deutscher Übersetzung). Auch spätere juristische Querelen in Grossbritannien wie in den USA konnten seinen Erfolg nicht aufhalten. Der Rest ist Literaturgeschichte, und wie immer gilt: Was Moralprediger empört, dürfte Interessantes bergen … (vsv)

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»