Revolutionäre Literatur, revolutionäre Politik

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2011.

Revolutionäre Literatur, revolutionäre Politik

Mario Vargas Llosa, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, setzt sich für die Marktwirtschaft ein. Er bezeichnet sich selbst als liberalen Demokraten und nahm schon zu einer Zeit Stellung gegen Fidel Castro und südamerikanische Guerillas, die unter dem Vorwand der «Befreiung» die Bevölkerung terrorisierten, als das unter Intellektuellen noch als Sakrileg galt. Er wird nicht müde, seinen Einsatz für Freiheit und Fortschritt zu artikulieren, und nicht umsonst wurde ihm der Nobelpreis verliehen für seine «Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands». Und ausgerechnet dieser «Reaktionär» schreibt seit vielen Jahren verstörende Bücher über Sklaverei, Genozid, (Neo-)Kolonialismus, Rassismus, Herrschaft, Brutalität und Gier. Vargas Llosa ähnelt in dieser Hinsicht seinem karibisch-indischen Nobelpreisträgerkollegen V.S. Naipaul, der ebenfalls jedem sozialistischen Pathos abhold ist, sich jedoch unermüdlich mit den «Erniedrigten und Beleidigten» dieser Welt beschäftigt. Auch André Glucksmann, seines Zeichens geläuterter Maoist, gehört zur Fraktion der «neuen Aufklärer». Viele, sich selbst «links» verortende Gegenwartsschriftsteller verspüren hingegen eine eigenartige Beisshemmung, wenn es darum geht, Unrecht ausserhalb des Westens beim Namen zu nennen – vielleicht aus falsch verstandener Solidarität mit der «Dritten Welt», vielleicht aus Angst, sich im eigenen Lager dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt zu sehen. Die Folge: ein literarisches Füllhorn erschreckend unreflektierter Liebesbeweise für die in totalitären Regimes bis heute grassierende Unterentwicklung.

Mario Vargas Llosa hat sich an der Füllung dieses Horns nicht beteiligt, im Gegenteil: er äusserte schon früh den Verdacht, dass die Etablierung von Demokratie im Gegensatz zum Ausruf der Revolution zu rational sei, um in der Gegenwart noch eine Art intellektuellen Sex-Appeal zu haben. Welcher kreative Mensch, immer auf der Suche nach Inspiration und Thrill, ist schon von institutioneller Trägheit, Pragmatismus und Mittelmass fasziniert? Für Vargas Llosa gilt es streng zu unterscheiden zwischen den Welten Kunst und Politik. In literarischer Hinsicht sieht er sich diesbezüglich durchaus als Revolutionär: «Jeder Kreative ist ein Unzufriedener. Der Schriftsteller hält die utopische Hoffnung auf eine andere, bessere Welt am Leben. Das macht ihn in den Augen der Machthaber so gefährlich. Die Schönheit, die Perfektion des von der Phantasie ersonnenen literarischen Entwurfs ist das Gegenmodell zur schlechten Realität. Und darin liegt der Keim der Rebellion.» Doch er warnt davor, solche Gegenmodelle tel quel politisch oder revolutionär verwirklichen zu wollen: «Die Demokratie ist die Negation der Utopie. Der Mensch kann allerdings ohne Utopie nicht leben. Er muss sie suchen, in der Kunst, der Literatur, der Liebe, im Sport. In der Politik dagegen müssen Utopien bekämpft werden. Dort sind sie mörderisch, sie enden immer im Holocaust.»

«Der Traum des Kelten», Vargas Llosas neuer Roman, umgeht das dezidiert Politische mit einem für den peruanischen Ausnahmeschriftsteller typischen Kniff: er zeichnet den Lebensweg des Iren Roger Casement nach, der sich vorerst in einer auch für Vargas Llosa durchaus legitimen Art für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzte: indem er als britischer Konsul schonungslose Berichte über die Greueltaten der belgischen Kolonialmacht im Kongo (1904) sowie der Peruvian Amazon Company (1912) verfasste und dafür geadelt wurde. Bereits mit 19 reiste er für eine Handelsgesellschaft nach Afrika. Rund zwanzig Jahre verbrachte er auf dem Schwarzen Kontinent, anfangs Feuer und Flamme für das koloniale «Entwicklungsprogramm», später umso traumatisierter aufgrund seiner Erfahrungen mit der blutigen Ausbeutung, die den Kongo unter Leopold II. kennzeichnete. Der belgische König hatte sein Privatreich in ein gigantisches Arbeitslager verwandelt. Wer die verlangten Kautschuk-Quoten nicht fristgerecht ablieferte, wurde von der Force publique massakriert. Vargas Llosas Fazit der belgischen «Zivilisierungsmission»: «Wie ein Parasit in einem lebenden Organismus hatte sich die Force publique im Gestrüpp der verstreuten Dörfer eingenistet, in einer Region so gross wie Europa. Die Soldaten und Milizen waren habgierig, brutal und unersättlich, was Essen, Trinken, Frauen, Tiere, Häute, Elfenbein und, kurzum, all das…

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