(6) Nicht immer das alte Lied

Dem Wechsel der Machthaber und Ideologien
in Russland, vom Zarenreich bis heute,
folgte oftmals ein Wechsel der Musik und der Lieder. Oft blieben die Melodien, die Texte hingegen wurden neu gedichtet.

Die junge Sowjetmacht, die sich in Russland nach dem blutigen Bürgerkrieg von 1918 bis 1922 etabliert hatte, schuf nicht nur eine neue Staatsordnung, sondern auch neue Werte und Symbole, die alle Bürger von dem erfolgreichen Aufbau des Sozialismus überzeugen sollten. Die Bolschewiken wollten das Bewusstsein ihrer Untertanen nicht nur vom Einfluss der alten Traditionen reinigen, sie wollte es neu bestimmen. Die kommunistische Sicht auf die Welt sollte in die Seele des «neuen Menschen» eingeschrieben werden – im Medium neuer Rituale, Feste und Lieder.

Die Russen sangen auch unter der Sowjetmacht viel und gern. Die Wahl der Lieder behagte jedoch den Bolschewiken nicht immer. Nichts auszusetzen gab es an harmlosen Volksliedern und Romanzen, wie «Da jagt die Post-Troika dahin», «Mütterchen Wolga hinab», «Schwarze Augen» und «Der Klang der Abendglocken». Kopfzerbrechen bereiteten den Kommunisten dagegen die Lieder aus dem Ersten Weltkrieg und jene der zaristischen Weissen Garde aus dem Bürgerkrieg.

So war ein Volkslied aus dem Ersten Weltkrieg, dessen majestätische Melodie bei den Russen sehr populär war, den Bolschewiken ein Dorn im Auge. Der ursprüngliche Text lautete:

Hört ihr das, Alte:

Der Krieg hat begonnen.

Lass alles liegen und stehen,

Brich auf zum Feldzug.

Tapfer werden wir in den Kampf ziehen

Für die heilige Rus.

Und, alle wie einer, junges Blut vergiessen,

Für unsere Sache.

Um der Popularität dieses Liedes entgegenzuwirken, verboten die Bolschewiken nicht einfach das Lied, sondern griffen zu einer subtileren Methode. Zur gleichen Melodie wurde ein neuer Text verfasst. Die Rote Armee sollte schliesslich nicht für «die heilige Rus», sondern für das neue Sowjetrussland kämpfen und sterben. Der neue Text sollte nun eine neue, «richtige» Wirklichkeitsdeutung schaffen:

Hör zu, Kamerad:

Der Krieg hat begonnen.

Lass alles liegen und stehen,

Brich auf zum Feldzug

Beherzt werden wir in den Kampf ziehen,

Für die Sowjetmacht.

Und, alle wie einer, sterben,

Für unsere Sache.

Auch schon vor der Sowjetmacht wurden Zugeständnisse an die Political Correctness gemacht. Dies zeigt bereits der Text des russischen Volksliedes «Warjag», der schon im Zarenreich zurechtgeschnitten wurde. Der Name des Liedes bezieht sich auf den Kreuzer «Warjag», der zu Beginn des Russisch-Japanischen Krieges an einem Seegefecht in der Nähe der koreanischen Hafenstadt Tschemulpo beteiligt war. Am 9. Februar 1904 wagten die «Warjag» und das Kanonenboot «Korejez» einen Ausbruch aus dem von 14 japanischen Kampfschiffen blockierten Hafen. Die beiden gerieten jedoch ins Kreuzfeuer der Japaner. Die «Warjag» erlitt schwere Beschädigungen, mit 122 Toten und Verwundeten. Die «Korejez» blieb relativ unversehrt, konnte jedoch nichts gegen die Japaner ausrichten. Beide Schiffe kehrten schliesslich in den Hafen zurück, wo sie von ihren Besatzungen selbst versenkt wurden. Die Mannschaften wurden von verschiedenen europäischen Handelsschiffen übernommen und gelangten auf diesem Weg nach Russland zurück, wo sie als Helden gefeiert wurden.

Noch im Februar 1904 publiziere das Münchner Wochenblatt «Jugend» ein Gedicht des deutschen Journalisten Rudolf Greinz unter dem Titel «Im Andenken an die Warjag», das bereits im April 1904 ins Russische übersetzt wurde:

Auf Deck, Kameraden, all’ auf Deck!

Heraus zur letzten Parade!

Der stolze Warjag ergibt sich nicht,

Wir brauchen keine Gnade!

An den Masten die bunten Wimpel empor,

Die klirrenden Anker gelichtet,

In stürmischer Eil’ zum Gefechte klar,

Die blanken Geschütze gerichtet!

Aus dem sichern Hafen hinaus in die See,

Fürs Vaterland zu sterben.

Dort lauern die gelben Teufel auf uns

Und speien Tod und Verderben!

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges baten die Japaner, die nun russische Alliierte waren, den Zaren höflich, das Bild von den «gelben Teufeln» zu revidieren. Und so klang bald die dritte Strophe «politisch korrekt»:

Aus dem sichern Hafen ziehen wir ins Gefecht,

Dem drohenden Tode entgegen.

Fürs Vaterland sterben wir auf freier See,

Wo…

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