L’art pour le service

Die Moderne ist nicht nur die Epoche, in der die Ökonomisierung mehr als je zuvor die Kunst ergriffen hat. Gleichzeitig ist für sie auch die Idee kennzeichnend, Kunst und Autonomie gehörten zusammen. Ein Rückblick in die Geschichte, als die Kunst sich für den Nutzen noch nicht zu schade war.

In der spätkapitalistischen westlichen Welt, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wandelte, etablierte sich in den 1990er Jahren ein zeitgemässer Trend: Kunst als Dienstleistung.1 Als Idee und Strategie ist das Phänomen nichts grundsätzlich Neues, fusst es doch auf jüngeren Entwicklungen wie Konzeptkunst, Fluxus, Aktionskunst, Happening oder Performance. Noch nicht dagewesen ist hingegen die damit verbundene Dehnung des erweiterten Kunstbegriffs bis hin zur Absage an jegliches Kunst- und Werkverständnis. Denn allen unterschiedlichen Ausprägungen dieser Bewegung ist die mehr oder minder deutlich formulierte Absicht gemein, die Distinktion zwischen High und Low aufzuheben.

Dienstleistungskunst versteht sich im Wesentlichen als nach-avantgardistisch, anti-elitär, anti-utopisch und ephemer. Allein die autoritative Künstlergeste im Verein mit Handlungsort und -kontext bestimmt in diesem, als Schnittstelle zwischen Elitär- und Alltagskultur deklarierten Bereich, über den Status als Kunst: Künstler kochen, eröffnen Restaurants, kleiden ein, nähen, bügeln, statten Räume aus, spenden Fussmassagen, besuchen Heiminsassen oder richten Behausungen für Obdachlose oder Bibliotheken ein.2 Selbstversicherungen wie «Ich diene, deshalb bin ich» oder die Frage «Wie kann ich nützlich sein?» motivieren manche dieser Aktionen, die auf Kommunikation und eine – teils affirmative – Einbindung in die soziale Wirklichkeit hin angelegt sind. Sie thematisieren einmal mehr den Kunstwert des Gebrauchsgegenstands beziehungsweise den Gebrauchswert des Kunstwerks, oder sie erproben Grenzüberschreitungen als politische Aktion und als Kunstpraxis.3 Die amerikanische Künstlerin Christine Hill greift eine altbekannte Forderung auf und postuliert, Kunst müsse sich wieder vollständig ins alltägliche Leben integrieren. Denn der Künstler, der sich mit grossem «K» schreibe und eine Elite bediene, habe sich überlebt.4

Die Absage an tradierte Arten des Kunstverständnisses und damit an geläufige künstlerische Selbstversicherungsstrategien äussert sich auch im Umstand, dass die sogenannten Dienstleist-ungskünstler und -künstlerinnen häufig in den unterschiedlichsten Berufen tätig werden, wenn auch in der Regel bloss temporär, bevor sie ihre Allrounderfähigkeiten schliesslich in die als Dienstleistung deklarierte Kunstaktion einfliessen lassen. So hält Raymond Pettibon in bezug auf sich selbst fest: «[…] nach einer bunten Karriere als Holzfäller, Rettungsfahrer, […] seefahrender Händler auf einem Gelegenheitsdampfer, Reporter, Zeitungsherausgeber und Barmixer widmet er nun seine ganze Zeit der Fiktion»5.

Andere Kunstschaffende oder Künstler treten weitaus programmatischer auf, etwa die 2000/01 gegründete Vereinigung deutscher Künstler, Kunstwissenschafter und anderer Akteure des Kulturbetriebs «Dienstleistung Kunst e.V.» mit Sitz in Berlin. Laut Präambel der Satzung und einer Pressemitteilung vom Mai 2003 hat sich der Verein formiert zwecks regen Gedankenaustausches, freier Erprobung neuer oder alternativer Formen der Kunstpräsenta-tion und spartenverbindender Zusammenarbeit aller Künste und Medien. Seine öffentlichkeitswirksamen Kommunikationsinstrumente sind Projekte, Ausstellungen und Tagungen.6 Seine manifestartige Grundsatzerklärung, die geradezu parodistisch-karikierend anmutet, orientiert sich in Impetus und Rhetorik an Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts: Man habe sich vereinigt, um «dem Anforderungsprofil der Dienstleistungsideologie radikal Rechnung zu tragen. Radikal bedeutet für uns: ohne Rücksicht auf den originalen Produktionscharakter des Kunstwerks den Dienstleistungscharakter zu favorisieren, den es doch auch immer in sich barg. Verstanden sich die verwehten Avantgarden der verflossenen Klassengesellschaft einerseits als revolutionäre Retter der Menschheit durch die Kunst (l’art pour l’utopie) und andererseits als reaktionäre Retter der Kunst vor der Menschheit (l’art pour l’art), so wissen wir uns als affirmative Avantgarde der Dienstleistung am je speziellen Menschen (l’art pour le service). […] Wo es um die geistig-seelische Wohlfahrt des Einzelnen geht, haben die Künste zusammenzuwirken wie die Spezialisten in der Klinik: die freien Erfinder von Bildern und Körpern, Bewegungen und Bezügen, Szenen, Klängen und Texten ergänzen einander zum gemeinsamen Dienstleistungswerk, und selbst den Beistand der methodisch kontrollierten Einsichtssuche, der Wissenschaft, verschmähen sie dabei nicht.»7

Dieser Zusammenschluss von Dienstleistern, die sinnigerweise an Pfingsten 2003 ihr zweites Projekt, «Das Recht auf Glück», der Öffentlichkeit vorstellten, ersetzt das obsolet gewordene «l’art…