Nacht des Monats  mit Achim Haug
Achim Haug, fotografiert von Katja Schönherr.

Nacht des Monats
mit Achim Haug

«Jeder Mensch ist wahnfähig.» Als ich das lese, beschliesse ich, um eine Einweisung zu bitten: in die Psychiatrie. Für einen Abend. Dafür kontaktiere ich den Psychiater Achim Haug. Er sagt zu und lädt mich ins Schlössli in Oetwil am See ein. Kurz vor dem Treffen informiere ich ihn noch darüber, dass ich ihn auch fotografieren möchte. Postwendend verspricht er, auf sein Hawaiihemd zu verzichten.

Er hält Wort und erscheint elegant-schlicht im weissen Hemd und dunkelblauen Sakko.

Achim Haug, 1953 in Stuttgart geboren, ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich. Bis Juni 2018 war er als Ärztlicher Direktor der Privatklinikgruppe Clienia tätig, zu der auch das Oetwiler Schlössli gehört. Dann ging er in den Ruhestand. Nun, da er sich beruflich zurückgezogen hat, arbeitet er mehr als vorher, «behauptet zumindest meine Frau», fügt er an. Haug studiert jetzt Philosophie und Deutsche Literaturwissenschaft, betreut weiterhin einige langjährige Patienten und schreibt Sachbücher. Das eingangs angeführte Zitat stammt aus seinem soeben erschienenen Buch «Reisen in die Welt des Wahns», in dem er die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn auslotet. Denn die ist laut Haug durchlässiger, als wir meinen. «Früher dachte ich, bei psychischen Störungen handle es sich um ein Kipp-Phänomen: Entweder man ist krank, oder man ist gesund. Inzwischen weiss ich, dass die Übergänge fliessend sind.»

Anders als der Name vermuten lässt, ist das Schlössli kein Schloss, sondern eine moderne Klinikanlage mit 219 Betten; ein Erweiterungsbau wird im Sommer fertiggestellt. Depressionen, seelische Krisen und Psychosen gehören zu den Behandlungsschwerpunkten. Während wir gemeinsam verschiedene Abteilungen durchstreifen, fühle ich mich eher wie in einem Hotel. Nur Details erinnern mich daran, dass dies nicht der Fall ist: In jedem Zimmer gibt es Notrufknöpfe. Die Fenster lassen sich zwar öffnen, aber davor ist – mit einigen Zentimetern Abstand für die Frischluftzufuhr – nochmals bruchsicheres Glas angebracht. Zudem lese ich an manchem Stationseingang den Hinweis «geschlossen». «Sobald sich die Lage entspannt hat, wird das Schild wieder auf ‹offen› gesetzt», erklärt Haug. Etwa dann, wenn jemand neu in die Klinik eintrete, über dessen Zustand man sich erst ein Bild machen müsse, werde vorübergehend abgeriegelt.

Ein weiteres Detail, das gegen den Hotelaufenthalt spricht: Ein Raum, eigentlich ein gewöhnliches Besprechungszimmer, ist angeschrieben mit «Gericht». «Hier finden Verhandlungen mit Patienten statt, die gegen ihren Willen in der Klinik festgehalten werden.» Haug ist froh, dass Psychiatrien heute «kein rechtsfreier Raum mehr» sind, und erzählt davon, wie viel sich seit seiner Ausbildungszeit, die er unter anderem in Berlin verbrachte, verändert hat. «Damals gab es fast nur männliche, muskulöse Pfleger, die eher an Gefängniswärter erinnerten. Ausserdem waren die Akutstationen komplett geschlossen, wohingegen man heute bloss die notwendigen Teilbereiche abriegelt.»

In seinem Buch zum Thema «Wahn» berichtet Haug von einem Patienten, der aus ägyptischen Grabzeichnungen die Botschaft herauslas, dass er «der neue König» sei. Oder von einer Patientin, die glaubte, ihr Mann und ihr Kind seien ausgetauscht worden. Sie stand kurz davor, den vermeintlichen Doppelgängern etwas anzutun – mit dem grossen Küchenmesser. Solche Fälle hat Achim Haug jahrzehntelang behandelt. Doch von solchen Fällen spüre ich nichts, als ich mit ihm über die Gänge der Psychiatrie gehe. Höflich hält Haug mir jede Tür auf, lässt mir konsequent den Vortritt. Einige Patienten sitzen auf der Raucherterrasse. Ein paar Pflegerinnen sind unterwegs. Jemand hat sich einen Fussabstreicher mit dem Aufdruck «Home Sweet Home» vor die Zimmertür gelegt. Die Atmosphäre: friedlich. Geschrei, Tumult? «Kommt schon mal vor, aber nicht auf Bestellung.»

Nein, wie ein «verrückter» Ort erscheint mir das Schlössli nicht an diesem Abend. Aber wenn das hier keiner ist, was wäre denn einer? «Die verrücktesten Orte? Die befinden sich in unserem Gehirn», sagt Haug. «Das Verrückteste,…

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