Vor lauter Viren geht unsere Psyche vergessen
felixhof.ch

Vor lauter Viren geht unsere Psyche vergessen

Die Politik unterschätzt die Folgen der Corona-Massnahmen für die psychische Gesundheit. Gerade jungen Menschen drohen ­langfristige Schäden.

 

Menschen sind soziale Wesen. Wir überleben ab unserer ­Geburt nur dank anderen Menschen und sind auf Gemeinschaft und sozialen Austausch angewiesen. Wir sind auch darauf angewiesen, über uns bestimmen und an der Gesellschaft teil­haben zu können.

Die Massnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie greifen nun in mannigfaltiger Weise in unsere Selbst- und Beziehungsregulation ein. Vertraute Beziehungsrituale wie z.B. Händedruck bei Begrüssungen oder Umarmungen liebgewonnener Menschen sind tabu, Austausch muss auf Distanz stattfinden, mimische Antworten des Gegenübers sind bedingt durch das Maskentragen nur noch eingeschränkt ablesbar, in Gemeinschaften ­dürfen wir uns nur noch eingeschränkt begegnen, die Bewegungsfreiheit ist genauso wie die Erbringung von Arbeitsleistungen eingeschränkt beziehungsweise stark reglementiert. Kulturelle Teilhabe gibt es nur noch indirekt, Entfaltung in der Freizeit mit Auflagen. Das alles fremdbestimmt.

Diese Eingriffe belasten unsere Psyche und beeinträchtigen möglicherweise unsere psychische Gesundheit erheblich. Die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) definiert «psychische ­Gesundheit» als Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre geistigen und emotionalen Fähigkeiten ausschöpfen, die alltäglichen ­Lebensaufgaben bewältigen, produktiv arbeiten und ­einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann. Für unsere ­psychische Gesundheit relevant sind nun die Intensität und die Häufigkeit von Belastungen sowie unsere verfügbaren Schutz­mechanismen, um Belastungssituationen bewältigen und deren negative Wirkungen abfedern zu können.

Die Covid-19-Pandemie ist eine Belastungssituation, welche unser Gleichgewicht zwischen Schutzmechanismen und Belastungen stören und psychisches Leiden auslösen beziehungsweise verstärken kann. Die Menschen reagieren auf die Pandemie sehr unterschiedlich und mit zunehmender Dauer auch sympto­matisch.

«Es muss uns gelingen, das Virus zu bekämpfen,

ohne das psychische und gesundheitliche Wohlbefinden

der ­Menschen zu gefährden.»

Die Entschleunigung ist anfänglich positiv und entspannend wahrgenommen worden. Die gegenseitige Unterstützung wurde als wertvoll und bereichernd empfunden. Aber mit zunehmender Dauer der präventiven Massnahmen zeigten sich bei vielen Menschen Stress- und Belastungsreaktionen wie Ängste, Zukunfts­sorgen, Schlafstörungen, gedrückte Stimmung, Einsamkeit, Freud­losigkeit, fehlender Antrieb, Konzentrationsprobleme usw. Risikoverhalten, etwa der Konsum von Suchtmitteln, hat zugenommen.

«Ich halte es nicht mehr lange aus»

Wie es Menschen in der Covid-19-Pandemie psychisch gehen kann, verdeutlichen einige Beispiele aus meiner Praxis. Ein 27jähriger Mann berichtete mir, er sei seit Monaten im Homeoffice ­tätig und täglich über Stunden nur am Computer oder in virtuellem Austausch beschäftigt: «Ich halte es nicht mehr lange aus, die ­Decke fällt mir auf den Kopf. Da mir der Sinn der Massnahmen einleuchtet, versuche ich mich daran zu halten, aber allzu lange halte ich das nicht mehr durch. Nachts kann ich nur noch mit Unterbrüchen schlafen, tagsüber kann ich mich nur schlecht konzentrieren und bin überhaupt nicht produktiv. Der direkte Austausch mit meinem Vorgesetzten und meinen Arbeitskollegen fehlt mir extrem, auch der direkte Austausch mit meinen Freunden.»

Ein anderer junger Mann, der einer Hochrisikogruppe an­gehört, erzählte: «Ich habe Angst, nur noch Angst, mich mit ­Covid-19 zu infizieren. Ich gehe kaum noch aus dem Haus und treffe niemanden mehr. Meiner Berufstätigkeit kann ich nicht mehr nachgehen; wenn das noch lange so weitergeht, sehe ich in meinem Leben keinen Sinn mehr.»

Die Mutter eines schulpflichtigen Kindes, die bei einer Bank arbeitet, berichtete: «Mein Mann arbeitet seit mehr als zwölf ­Monaten im Homeoffice und nimmt in unserer kleinen Wohnung sehr viel Raum ein. Nun arbeite ich ebenfalls im Homeoffice und muss schauen, wo ich bleibe. Seit wir dauerhaft aufeinander ­bezogen sind, streiten mein Mann und ich um alles und jedes. Wir vertragen uns überhaupt nicht mehr.»

Stress und Depression

In einer Befragung1 berichten 50 Prozent der befragten Personen über eine Zunahme ihres Stressempfindens und bezeichnen Belastungen aufgrund von Veränderungen in der Schule oder bei der ­Arbeit, Probleme bei der Kinderbetreuung oder Zukunftssorgen, das Leben allein, reduzierter sozialer Kontakt und eingeschränkte persönliche Freiheit als wichtigste Stressoren. 57 Prozent der ­befragten Personen berichten über…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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