Ich werde bei Regen nicht nass

Einfühlungsvermögen ist keine Stärke des Ich-Erzählers aus T. C. Boyles Kurzgeschichte. So hält Brandon es für eine gute Idee, eine mental labile Frau aus einer Bar werfen zu lassen, weil sie ihn bei seinem Jack Daniels mit Cola stört. Oder zwei seiner Freunde zu verkuppeln, weil sie beide übergewichtig sind.

Ich werde bei Regen nicht nass

VALENTINSTAG

Den vergangenen Valentinstag habe ich mit Nola, meiner Frau, in Kingman, Arizona, verbracht. Wir waren im Motel 6, gleich an der I-40. Sie werden vielleicht einwenden, dass Ihnen Kingman, Arizona, nicht gerade wie der ideale Ort für einen romantischen Kurzurlaub erscheint (und wer würde Ihnen da widersprechen?), aber Nola und ich sind seit fünfzehn Jahren verheiratet, und romantische Gefühle kommen und gehen – manchmal wallen sie heiss auf, dann wieder kühlen sie etwas ab, und wir brauchen ganz bestimmt keinen besonderen Tag oder Ort dafür. Wir sind nicht sentimental. Wir schenken uns keine herzförmigen Schachteln voller Süssigkeiten oder hübsche Karten mit vorgedruckten Liebesbekundungen, wir küssen uns nicht in der Öffentlichkeit und sagen nicht zwanzigmal am Tag «Ich liebe dich». (Mir sind Paare, die das tun, immer etwas suspekt – mal ehrlich: Wem wollen sie eigentlich was vormachen?) Ausserdem wollten wir Nolas Vater besuchen, der in den Achtzigern ist und in einem Trailer Park keine zwei Kilometer vom Motel entfernt wohnt, so dass man bequem zu Fuss hingehen und dann in der sogenannten Old Town herumspazieren kann, wo es ein paar Bars und Restaurants und die Trödelläden gibt, in denen meine Frau gern nach Schnäppchen stöbert.

War es eine billige Absteige? Aber ja. Wir hätten uns auch was anderes leisten können, aber das Motel 6 gefällt uns – jedenfalls, wenn wir in Kingman sind. Es ist zwar keineswegs ideal, aber wenigstens mal was anderes. In den frühen Morgenstunden kriecht ein Streifenwagen der örtlichen Polizei über den Parkplatz. Kennzeichen werden überprüft, und hin und wieder wacht man davon auf, dass vor einem der anderen Zimmer jemandem Handschellen angelegt werden – etwas, das man in Kalifornien nicht alle Tage zu sehen bekommt. Ausserdem kampieren ein paar magere weisse Obdachlose in dem ausgetrockneten Bachbett hinter dem Motel. Manchmal erschrecke ich, wenn ich abends rausgehe, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, und einer von ihnen aus der Dunkelheit auftaucht, aber es ist noch nie was passiert, ich bin nicht mal um eine Zigarette oder Kleingeld angehauen worden.

Nachdem wir am Valentinstag meinen Schwiegervater besucht und ihn zum Mittagessen ins «Denny’s» eingeladen hatten, dem einzigen Restaurant, in dem er etwas ass, begann Nola ihre Runde durch die Trödelläden und Antiquitätengeschäfte, während ich die Bar ansteuerte. Dort wollten wir uns, wenn sie fertig war, treffen, etwas trinken und dann auf ein paar Margaritas und Enchiladas in das mexikanische Restaurant gehen. Ich war schon einige Male in dieser Bar gewesen. Früher gehörte sie zu einem Hotel, das inzwischen geschlossen ist; es ist ein riesiger, höhlenartiger Raum mit einer hohen, mit Blechen verblendeten Decke, einer langen, verschrammten Theke, drei Billardtischen und einer Jukebox, die in Stadionlautstärke die Hits der Sechziger und Siebziger spielt. Die Tür steht immer offen, damit der Laden ein bisschen von dem besten Licht abkriegt, das es gibt – nämlich das, was keinen irgendwas kostet –, und auf der anderen Strassenseite ist ein Gespinst aus Gleisen, auf denen endlose Güterzüge durch den Ort fahren. Wenn man den Blick von seinem Bier oder Gin Tonic hebt, sieht man meist eine Wand aus Güterwagen vorbeiziehen.

An dieser Stelle muss ich betonen, dass es kein unfreundlicher Ort ist, auch wenn über den Pinkelbecken auf der Herrentoilette steht: «Leckt mich, liberale Scheisser!», was ich allerdings als Ironie auffasse. Und ich selbst war ebenfalls nicht unfreundlich, sondern setzte mich gutgelaunt zu den Stammgästen meist mittleren Alters an die Theke und bestellte einen Jack Daniels mit Cola. Normalerweise – also in unserer kleinen Küstenstadt in Kalifornien – hätte ich einen Pinot noir aus den Santa-Rita-Hügeln oder einen feinen, körperreichen Zinfandel aus Paso Robles vorgezogen, aber es war eben keine Bar für einen Pinot noir. Ich will das nicht besonders herausstreichen – es war nur einfach offensichtlich. Davon abgesehen war ich ganz zufrieden, an der Theke zu sitzen, mich über mein Handy zu beugen (ich hatte schon den ganzen Tag immer wieder im Finanzforum einer Firma gepostet, für die ich mal gearbeitet habe) und darauf zu warten, dass Nola müde wurde und sich auf einen Valentinsdrink zu mir gesellte. In ihrem Fall würde das wahrscheinlich ein Gin Tonic sein, ein Drink, den niemand, weder in Kingman noch in Irkutsk, verhunzen kann.

Am leeren Ende der Theke, vier Hocker von mir entfernt, sass eine Frau. Beim Hereinkommen hatte mein Blick sie gestreift, aber ich hatte beschlossen, Abstand zu halten, und mich in die Nähe von ein paar bärtigen Stammgästen in Karohemden, Shorts und Arbeitsstiefeln gesetzt. Sie war Ende dreissig, mager wie die Obdachlosen im Bachbett, und trug Jeans und Joggingschuhe. Ihr Gesicht war älter als der Rest von ihr, auf dem dunklen, kurzgeschnittenen Haar sass eine kleine regenbogenfarbene Mütze –, und ich hätte sie auch dann nicht attraktiv gefunden, wenn ich solo gewesen wäre, was ich nicht war. Aber ich war allein, es war Valentinstag, und mein kurzer Blick schien bei ihr anders angekommen zu sein, als er gemeint war, denn drei Minuten später, noch bevor ich einen Schluck getrunken hatte, stand sie neben mir, so dicht, dass wir einander fast berührten.

«Ich heisse Serena», sagte sie und versuchte ein Lächeln, das ihr nicht ganz gelang.

«Brandon», sagte ich, und weil sie mir so dicht auf den Leib gerückt war und mir nichts anderes einfiel, schüttelte ich ihr unverbindlich die Hand.

«Brandon?», wiederholte sie. «Was für ein Name ist das?»

«Ein Name eben.» Ich zuckte die Schultern. «Haben mir meine Eltern gegeben.»

«Ich habe aussersinnliche Wahrnehmungen», sagte sie.

Ich stutzte nur kurz. «Toll», sagte ich dann. «Tja» – ich schwenkte mein Handy –, «ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe ein paar Sachen zu erledigen.»

Die Musik hämmerte auf uns ein wie die Turbulenzen eines startenden Düsenflugzeugs. Ich sah durch die offene Tür, wo ein Güterzug lautlos vorbeirollte – das mechanische Quietschen und Rumpeln wurde von der Jukebox locker übertönt.

«Wollen Sie ein Spiel machen?», fragte sie.

«Nein, tut mir leid.» Erst da wurde mir bewusst, dass hier eine ganz andere Unterhaltung im Gang war: ein Selbstgespräch. Sie murmelte vor sich hin und kommentierte, was ich oder sie gesagt hatte, womöglich fluchte sie sogar.

Sie wiederholte die Frage, und ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder meinem Handy zu, aber sie gab nicht auf, sondern blieb bei mir stehen und führte ihr Selbstgespräch. Ich wollte keinen Ärger, und als liberaler Scheisser macht es mir kein Vergnügen, grausam zu jemandem zu sein, wie nervig oder verrückt er oder sie auch sein mag, und so hörte ich mir das noch ein, zwei Momente an, bevor ich mein Glas nahm, zum anderen Ende der Theke schlenderte und mich zwischen zwei Gruppen setzte, die offenbar Valentinstag feierten, hauptsächlich Männer, aber auch zwei Frauen, allesamt in bislang noch verhaltener Vorfreude auf den kommenden Abend. Doch schon war, wie kaum anders zu erwarten, Serena wieder da, zwängte sich zwischen mich und den Mann auf dem nächsten Hocker und rückte mir auf den Leib. «Ich habe aussersinnliche Wahrnehmungen», sagte sie, und als ich nicht antwortete, sagte sie: «Wollen Sie ein Spiel machen?»

Wütend stand ich auf, nahm mein Glas und ging quer durch den Raum zu einer der Nischen an der Rückwand hinter den Billardtischen. Wäre mir irgendein Mann auf die Nerven gegangen, dann hätte ich mich mit einem Bluff oder einem starken Spruch aus der Affäre ziehen oder einfach rausgehen können, um eine Konfrontation zu vermeiden, aber das hier war etwas anderes. Es war eine Frau. Eine Frau, in deren Kopf sich irgendein unergründliches Karussell drehte, und ich wollte nicht gehen. Ich wollte meinen Jack-and-Coke trinken und dann noch einen und auf meine Frau warten.

«An dieser Stelle muss ich betonen,

dass es kein unfreundlicher Ort ist,

auch wenn über den Pinkelbecken auf der Herrentoilette steht:

‹Leckt mich, liberale Scheisser!›»

Ich kehrte der Theke den Rücken, beugte mich über das Handy und antwortete einem der schwachköpfigen Provokateure auf #moneymostly, deren ganzer Lebenszweck offenbar darin besteht, andere zu beleidigen, als plötzlich die ASW-Frau wieder da war. Und es war wieder dasselbe, Wort für Wort, nur dass sie sich diesmal ärgerte, als ich keine Antwort gab, und so fest gegen die Seitenwand der Nische trat, dass ich fast meinen Drink verschüttete. Ich stand auf, ging zur Theke und winkte der Barfrau, einem dicklichen Partygirl, das mit den Jahren selbstzufrieden geworden war. «Bitte», rief ich, um den Lärm zu übertönen, «die Frau da hinten macht mich wahnsinnig.»

«Ich kümmere mich darum.»

«Kennen Sie sie? Ist sie von hier?» Ich schaffte es nicht, die Schärfe aus meiner Stimme zu nehmen. Ich fühlte mich schwach und schämte mich.

«Sie ist vor ein paar Wochen aufgetaucht. Wohnt bei einer Freundin. Keiner hier kennt sie.»

Ich sah auf, weil sich das Licht ein bisschen veränderte, und da stand Nola in der Tür, die Sonne im Rücken und zwei Einkaufstüten in der Hand. Anmutig, leichtfüssig, glücklich lächelnd kam sie zu mir, glücklich nicht nur darüber, mich, ihren Mann, zu sehen, sondern auch über die belebende Stunde, die sie damit verbracht hatte, die ungehobenen Schätze eines Provinzstädtchens zu heben. Wir tranken etwas. Als ich mich umsah, war die ASW-Frau verschwunden.

Bald darauf verteilte die Barfrau Valentinsballons – rosarot für die Damen, blau für die Herren –, und wir bliesen sie auf und liessen sie im Raum herumschweben, und es war schön und aufrichtig und echt. Der Moment überwältigte mich. Die Jukebox spielte ein Stück, das uns ein Leben lang begleitet hatte, und ich beugte mich zu meiner Frau, drehte mit den Fingerspitzen ihr Gesicht zu mir und küsste sie.

WENN DER BERG ZUM MEER KOMMT

Dass wir ausgerechnet in dieser Zeit in Kingman waren und nicht einen Monat früher oder später, hatte mit den Erdrutschen – genauer gesagt: den Muren – zu tun, die Anfang Januar Teile unseres Städtchens verwüstet hatten. Im Dezember waren wir wegen der Buschbrände, die wochenlang in den Hügeln hinter uns gewütet und alles in schwarzen Rauch gehüllt hatten, zehn Tage evakuiert gewesen, aber wir hatten Glück gehabt, und unserem Haus war nichts passiert. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Feuerwehren waren nur sehr wenige Gebäude zu Schaden gekommen, und wir waren, als die Evakuierungsanordnung kurz vor Heiligabend aufgehoben worden war, nach Hause zurückgekehrt und hatten Weihnachten gefeiert, so gut es eben ging. Aber wie jeder, der die Topografie Südkaliforniens studiert hat, Ihnen sagen kann, sind Buschbrände nur Wegbereiter für die Überschwemmungen, die der nächste ausgiebige Regen bringt. Und genau so kam es dann.

Eine Woche nach Neujahr, um zwei Uhr morgens, entlud sich ein so heftiges Gewitter, wie es Meteorologen zufolge nur alle zweihundert Jahre vorkommt. Die riesigen Niederschlagsmengen liessen eine Mure abgehen, die alles, was auf ihrem Weg zum Meer lag, vor sich herschob: Häuser, Wagen, Bäume, Felsblöcke und dreiundzwanzig meiner Nachbarn, die in den darauf folgenden dunklen, kalten, knirschenden Stunden unter Erdmassen begraben und getötet wurden. Auch diesmal hatten wir Glück. Unser Haus steht auf einer kleinen Anhöhe und blieb unbeschädigt, und ich kannte zwar einige der Opfer vom Sehen, aber wir verloren niemanden, der uns nahe stand. Alle möglichen Leute äusserten ihr Mitgefühl, praktisch jeder, den wir kannten, erkundigte sich per Telefon, E-Mail oder SMS, ob alles in Ordnung sei, und das fühlte sich bald ziemlich seltsam an, denn abgesehen davon, dass wir weder Strom nach Gas hatten, ging es uns prima. Nola sagte, das seien Schuldgefühle eines Überlebenden, aber obwohl das Ganze eine ontologische Dimension hatte, die mich mit einem bis dahin nicht gekannten Grauen erfüllte, fand ich das Konzept nicht schlüssig. Warum sollte ich mich schuldig fühlen? Weil mein Haus unzerstört war? Weil ich nicht ebenfalls tot war?

Als ein paar Tage später die Fotos der Opfer in der Zeitung standen, erkannte ich ein paar von ihnen: Es waren Leute, mit denen ich im Lauf der Jahre mal ein paar Worte gewechselt hatte, flüchtige Bekannte, deren Namen mir nicht gleich einfielen. Da war der grosse, schwungvolle alte Mann mit der lauten Stimme, der stets eine Geschichte zu erzählen hatte, da waren die Besitzerin des Schönheitssalons und eine andere Frau, eine kühle Blondine, die ich oft an der Bar unseres Lieblingsrestaurants gesehen hatte, immer in hochhackigen Schuhen und immer stehend, auch wenn ein Hocker frei gewesen war, fast als handelte es sich um eine Art Dienst. Sie trank Martinis. Hin und wieder verliess sie ihren Posten, ging hinaus, rauchte, an die Wand gelehnt, eine Zigarette und unterhielt sich mit den Jungs vom Parkservice. Ihre Haltung – beim Anblick des Gesichts auf dem etwas unscharfen Zeitungsfoto sah ich sie wieder vor mir – war perfekt, und obwohl sie über fünfzig war, hatte sie eine schlanke, ausdrucksvolle Figur. Nola erinnerte sich weder an sie noch an die anderen.

Mir fiel eine Meldung ein, die zehn Jahre zuvor in der Zeitung gestanden hatte, nachdem, getrieben von warmen südpazifischen Winden, die Meteorologen als «Ananas-Express» bezeichneten, eine Reihe von Wolkenbrüchen über der Stadt niedergegangen waren. Nicht zu vergleichen zwar mit dieser Sturzflut, aber auch damals hatte es ein Todesopfer gegeben. Ich hätte nicht sagen können, warum mir diese Geschichte wieder in den Sinn kam. Es ging um ein gut situiertes Ehepaar Ende sechzig, Anfang siebzig. Ihr Haus stand an einem der zahlreichen ausgetrockneten Bachbetten, eigentlich genau daneben – vom grossen Wohnzimmer aus blickte man direkt darauf. Es regnete, sie sassen im Wohnzimmer, im Kamin brannte ein Feuer, die Stereoanlage spielte ein Streichquartett (stelle ich mir vor), Kerzen brannten, in den Gläsern funkelte Wein, der Hund lag zu ihren Füssen auf dem Teppich und verströmte Hundegeruch, weil sein Fell beim Gassigehen ganz nass geworden war. Was noch? Er war pensionierter Richter, und sie hatte auch irgendeinen Beruf ausgeübt.

Es hatte keine Warnung gegeben, keine Evakuierungsanordnung, nichts – es regnete, das war alles –, und sie konnten nicht ahnen, was auf sie zukam. An der Hügelflanke, einen Kilometer entfernt, löste sich etwas, ein Fels rollte gegen einen anderen, der sich ebenfalls in Bewegung setzte und einen weiteren Felsen anstiess und so weiter, bis ein Strom aus Schlamm und Steinen das Bachbett hinabschoss und die Wand ihres Hauses durchschlug, als wäre sie aus Papier wie bei den Häusern in den Samurai-Filmen von Kurosawa, die Nola mir zu Weihnachten geschenkt hat. Die Frau, die sich an einen Türrahmen klammerte und überlebte, sagte, es sei gewesen, als wäre ein Güterzug durch das Haus gefahren. Auch ihr Mann wollte sich festhalten, doch die Schlamm- und Geröllmassen fegten auch die gegenüberliegende Wand weg und trugen ihn und alles andere davon. Man fand ihn am nächsten Morgen am Strand, er war übel zugerichtet, und die Kleider waren ihm vom Leib gerissen worden. Wegen seines Alters und weil er langes weisses Haar und einen Bart hatte, hielt man ihn zunächst für einen der Obdachlosen, die unter der Brücke kampierten. Die Ironie war, dass er keineswegs ein Obdachloser, sondern ein ehemaliger Richter war, der zu seiner Zeit zweifellos massenhaft Obdachlose verurteilt hatte, und die weitere Ironie war, dass das, abgesehen vielleicht vom Aufwand für die Beerdigung, nicht den kleinsten Unterschied machte.

Am Morgen nach dem Sturm gab es keinen Strom, und man hörte nur das Rauschen des Regens und die widerstreitenden Sirenen der Rettungsfahrzeuge. Selbstverständlich war keine Zeitung zugestellt worden; Radio, Telefon, Fernseher und Router funktionierten ebenfalls nicht, so dass wir keine Ahnung vom Ausmass der Zerstörungen hatten – ja eigentlich wussten wir nicht einmal, dass es überhaupt welche gegeben hatte. Ich machte Feuer im Kamin, um die Kühle aus dem Haus zu vertreiben, und genoss die Zweisamkeit mit Nola, während wir auf dem Sofa sassen, Müsli assen und die nasse Hexenhand des Regens über das Dach streichen hörten. Gegen zehn ging ich hinunter in die Stadt, um zu erfahren, was eigentlich los war. Der Regen klopfte beharrlich auf meinen Schirm, und in der Ferne donnerte die Brandung.

Zunächst entdeckte ich nichts Ungewöhnliches, nur ein paar dunkle Haufen aus Palmwedeln, die wie Bremsschwellen auf der Strasse lagen. Ich hob den Schirm, um besser nach vorn sehen zu können. Es waren nur wenige Menschen und Wagen unterwegs, aber so war es immer, wenn es regnete: Man ging nicht gern hinaus, denn dann waren die Strassen rutschig, und womöglich lagen abgefallene Äste herum, so dass man einen Blechschaden und so weiter riskierte – auch das war also ziemlich normal. Erst als ich die kleine Anhöhe erreicht hatte, auf der das Geschäftsviertel steht, sah ich Schlamm und Schutt am Ende der Strasse, an der Kreuzung mit der Olive Mill Road. Die führt direkt in die Hügel und war, wie ich später erfuhr, die Rinne, durch die die Mure zu Tal gerast war. Neugierig ging ich weiter. Auf der Strasse war immer mehr Schlamm, überall heulten Sirenen, und am Himmel wummerten Hubschrauber. Es lag etwas in der Luft, das ganz und gar nicht normal war, ein dunkler, fäkaler Gestank, unterlegt mit chemischen Gerüchen wie von Benzin oder Propangas.

Als ich noch etwa einen halben Block von der Mure entfernt war und die aufgetürmten Erdmassen sehen konnte, hohe, unregelmässige Hügel, gespickt mit Autowracks, umgerissenen Bäumen, zerbrochenen Balken und zertrümmerten Hausdächern, blieb ich stehen. Um weiterzugehen, hätte ich in den Schlamm steigen müssen, der eine etwa dreissig Zentimeter tiefe Lagune gebildet hatte, und das wollte ich nicht. Ich bin kein Held. Polizei und Rettungskräfte waren bereits vor Ort. Bulldozer brüllten und qualmten, und weitere waren unterwegs. Ausserdem – und verzeihen Sie mir, wenn das lächerlich klingt – wollte ich mir nicht die Schuhe ruinieren, nur um meine Neugier zu befriedigen. Es war ja auch nicht so, als könnte ich mich irgendwie nützlich machen – es trieb kein Baum vorbei, in dessen Zweigen ein Kleinkind hing. Da war nur Schlamm. Eine riesengrosse Menge Schlamm.

Ich kehrte um, ging die Anhöhe wieder hinauf und auf der anderen Seite hinunter, wo alles normal war und nass glänzte. Ich wollte nach Hause, ein paar Scheite nachlegen und mich mit einem Buch ans Fenster setzen, bis es wieder Strom gab und Nola und ich den Fernseher einschalten und uns ein Bild von der Situation machen konnten, aber weil ich das Gefühl hatte, noch nicht genug gesehen zu haben, bog ich im letzten Augenblick nach links zum Meer ab. Es war niemand in Sicht ausser einem Paar mit Kapuzenjacken und matschverschmierten Gummistiefeln, das mir den Strand herauf entgegenkam. Die Wellen waren schokoladenbraun und warfen ein Gewirr von Abfall auf den Sand. Alles, was man in Garagen, unter Küchenspülen, auf Dachböden verstaut hatte, war ins Meer gespült worden und bedeckte das Wasser, so weit das Auge reichte. Die beiden, die mir entgegenkamen, waren junge Leute, in den Zwanzigern, nahm ich an, aber ich konnte ihre Gesichter nicht erkennen und sah nur, dass es ein Mann und eine Frau waren.

«Gehen Sie nicht da runter!», rief der Mann plötzlich. Sie hatten es eilig, als wäre ihnen etwas auf den Fersen, das rasch aufholte. «Das ist ziemlich krass.»

Ich sah, dass die Frau weinte.

«Wie meinen Sie das?»

Er war bereits vorbei. «Ich meine», rief er, «da ragt ein Arm aus dem Schlamm, und es ist … es ist» – sein von der nassen Kapuze umrahmtes Gesicht sah aus wie etwas ungleich Geteiltes – «übel, einfach nur übel.»

Ich fuhr so schnell herum, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor. Ich hatte noch nie einen Leichnam gesehen und wollte auch jetzt keinen sehen. Ich wollte nur nach Hause, doch in diesem Moment liess der Regen ein wenig nach, und mir fiel etwas ins Auge, das am Strand lag. Es war gross, und zunächst hielt ich es für einen Haufen Tang, den das stürmische Meer angespült hatte, doch es war heller als Tang, fast so hellbraun wie Jute – ein grosser Haufen Jute. Ich ging hin und sah, was es war, ich stand da und betrachtete es so lange, dass ich die Sandflöhe hätte zählen können, die auf den Pranken, der Schnauze, der gewaltigen reglosen Flanke herumhüpften. Was es war? Ein Bär. Erschlagen, ersäuft, aus den Bergen ins Meer gespült von einer Sturzflut, die er nicht hatte
kommen sehen. Ich wusste, dass meine Frau auf mich wartete, ein Kaminfeuer und eine warme Decke, sollte ich eine brauchen, aber ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Was ist so falsch an diesem Anblick?, dachte ich, und dann sagte ich
es laut, und dann kam eine Welle und machte meine Schuhe nass, und der tote Bär bewegte sich ein ganz kleines bisschen, als könnte die aufkommende Flut ihn wieder zum Leben erwecken.

DIE GSP-HOTLINE

Zwei Jahre nachdem ich mich zur Ruhe gesetzt hatte (mit fünfzig und versehen mit einem grossen goldenen Fallschirm), meldete Nola sich freiwillig beim örtlichen Büro der Gesellschaft für Suizidprävention, der GSP, wie sie sie nannte. Sie bekam eine kurze Schulung, und dann hatte sie drei Nächte die Woche Telefondienst und versuchte, mit ihrer weichen, beruhigenden Stimme wildfremde Menschen vom Schritt in den Tod abzuhalten. Das war natürlich eine nächtliche, nein, spätnächtliche Tätigkeit, und anfangs missgönnte ich ihr die Stunden, die sie ausser Haus und ohne mich verbrachte, aber das gab sich mit der Zeit, und nach einem halben Jahr hörte sie, unter Berufung auf den Burn-out-Faktor, ohnehin wieder auf. In diesen sechs Monaten erlebte sie natürlich zahllose Stunden voll höchster Dramatik, und wenn sie am nächsten Tag ausgeschlafen hatte und in die Küche oder mein Arbeitszimmer kam, sagte sie oft: «Mann, hab ich eine Geschichte für dich.»

Hier ist eine davon.

Nola hatte bei der GSP einen Kollegen, einen Mann Anfang dreissig namens Blake, der Wert darauf legte, beim Telefondienst immer Jackett und Krawatte zu tragen, auch wenn das gar nicht nötig war und die Anrufer nicht gewusst hätten, ob er bis auf die Socken nackt war oder eine Horrorclownmaske trug oder wie eine Fledermaus kopfunter von der Decke hing. Aber Blake sagte, das sei er den Leuten schuldig, denn sie riefen um Hilfe, und auch wenn sie am Ende seien, erwarteten sie doch einen gewissen förmlichen Respekt, die Stimme der Vernunft in Jackett und Krawatte. Nola dagegen trug Jeans und Sweatshirt und kein Make-up, und gewöhnlich band sie sich das Haar zu einem Pferdeschwanz, damit es nicht im Weg war, wenn sie mit höchster Konzentration der stockenden Stimme des Kummers lauschte. Sie fragte die Anrufer nicht nach persönlichen Informationen und trieb sie nicht in die Defensive – sie hörte einfach zu, und wenn Pausen eintraten, versuchte sie, sie zu füllen, und gab dem Anrufer Gelegenheit weiterzusprechen, bis sie ihn irgendwann – nach einer halben Stunde, einer Stunde, zwei Stunden – so weit hatte, dass er sich bereit erklärte, einen Psychologen in seiner Gegend aufzusuchen, oder sie, in den extremeren Fällen, Polizei und Rettungsdienst zu seiner Adresse schickte.

Blake machte es mehr oder weniger genauso – es war die normale Vorgehensweise –, aber irgendwann in Nolas zweiter Woche sprach er die ganze Nacht mit einer einzigen Anruferin. Sie hiess Brie und war neunzehn, ihr Freund hatte mit ihr Schluss gemacht, obwohl sie in der Klinik gewesen war und das Kind hatte wegmachen lassen. Sie sah im Leben keinen Sinn mehr. Warum sollte man studieren (sie war auf dem College und liess sich zur Dentalhygienikerin ausbilden), warum Geld sparen, warum arbeiten, warum sollte man sich auch nur die Zähne putzen? Was machte es schon, ob man Parodontose bekam, wenn man ja doch sterben würde wie alle anderen? Das Übliche eben – Nola hatte das oder Ähnliches bereits Dutzende Male gehört –, und was antwortete man darauf? Abgesehen von hohlen Phrasen, die keiner der Hotline-Mitarbeiter benutzte, gab es kein überzeugendes Argument. Man konnte dem nichts anderes entgegensetzen als: «Ich verstehe das, ich verstehe Ihren Schmerz, das ist etwas, das jeder durchmachen muss, morgen früh wird es Ihnen besser gehen, glauben Sie mir … Sind Sie noch da?»

Natürlich war es gegen die Regeln, sich auf eine persönliche Beziehung mit den Anrufern einzulassen, aber es dauerte nicht lange, und Brie rief in den Nächten, in denen Blake Dienst hatte, um ein Uhr morgens an. Wenn sie jemand anderen bekam, sagte sie: «Geben Sie mir Blake», und sogleich übernahm er das Gespräch. Es war nicht in Ordnung, das wussten alle. Schliesslich war die Hotline keine Partnerbörse und auch keine Chatline für Teenies. Es war eine ernste Sache, und Nola begann sich zu fragen: Wenn Brie tatsächlich sterben wollte, warum interessierte sie sich dann so sehr für Blake?

Bald darauf gestand Blake meiner Frau, dass er sich, obwohl das natürlich streng verboten war, mit Brie getroffen hatte und, wie kaum anders zu erwarten, schliesslich mit ihr ins Bett gegangen war. «Sie war so deprimiert», sagte er, «und um ehrlich zu sein: ich ebenfalls. Und Sex ist gut gegen Depressionen, stimmt’s?»

«Da wäre ich nicht so sicher», sagte Nola. «Ich bin keine Psychologin, aber meistens ist noch eine ganze Menge anderes im Spiel. Und du bist ebenfalls kein Psychologe. Du hast keine Ahnung, in was für einem Zustand sie ist. Herrgott, wir machen hier Suizidprävention.»

Er sah sie mit einem langen, langsamen Blick an. «Ja, Prävention. Und genau das mache ich, okay?»

«Aber das ist nicht richtig», beharrte sie. «Es ist gegen die Regeln. Wenn Barney das wüsste» – Barney war der Chef, der einzige, der für seine Arbeit bezahlt wurde –, «würde er an die Decke gehen.»

Ein Schulterzucken. Noch ein Blick. «Kümmer du dich um deine Anrufer», sagte Blake, «und ich kümmere mich um meine.»

Zwei Wochen später waren Blake und Brie tot. Blake hatte sie besucht und eine Flasche Wein und chinesisches Essen mitgebracht, aber sie sagte, sie sei zu deprimiert, um etwas zu essen. Sie rollte sich zusammen, ihre Füsse waren nackt, die Leggins umschlossen ihre Knöchel wie Hände, die sie hinabziehen wollten (stelle ich mir vor). Sie sagte, bei dem Gestank des Essens müsse sie an China und die eineinhalb Milliarden stinkenden Menschen dort denken, die allesamt dem Tod entgegengingen. Wie alle anderen. Wie sie. Wie er. Es folgten die Argumente, die sie schon bei ihrem ersten Anruf aufgezählt hatte, die Argumente, die alle aufzählten, und dann die Schlussfolgerung: Mal ehrlich – warum eigentlich weiterleben? Er versuchte, ihr zu widersprechen, aber er war selbst deprimiert und sank immer tiefer, und sie hatte Tabletten, die ihr Psychologe ihr verschrieben hatte, und die nahmen sie, und dann setzten sie sich in ihrer Garage, deren Tor sie von innen verriegelten, in seinen Wagen und liessen den Motor laufen.

Als Nola es mir erzählte – oder vielmehr: es bei mir ablud –, konnte ich nicht viel dazu sagen. Ich hatte die beiden nicht gekannt. Szenarien wie dieses gibt es jeden Tag. Nola hatte die Frau ebenfalls nicht gekannt und Blake nur flüchtig, als Kollegen, mit dem man mal einen Kaffee trinkt und ein paar gespendete Kekse isst, aber mehr auch nicht. Sie hatte ihren Telefonapparat, und er hatte seinen. Wenn die Schicht vorbei war, ging jeder für sich nach Hause, zurück in sein Leben.

«Es hätte jeder sein können», sagte Nola. Ich sah den Kummer auf ihrem Gesicht. Wir sassen am Küchentisch, zwei Gläser Chardonnay standen wie Wachsoldaten vor uns. Es war am frühen Abend eines trüben Tages, die Atmosphäre so dicht, dass sie sich anfühlte wie abbindender Beton. Sie wandte den Blick ab. «Es hätten wir sein können.»

«Nein», sagte ich, «wir nicht. So sind wir nicht.»

FREDDA UND PAUL

Ich spreche von Gnade – oder nennen Sie’s Glück, wenn Sie wollen. Manche haben es, andere nicht; das ist eben so. Ein stochastisches Glücksrad. Dasselbe gilt für gutes Aussehen. Es ist statistisch nachgewiesen, dass attraktive Menschen schneller Karriere machen, mehr Geld verdienen, sich vorteilhafter verheiraten und ihre Kinder besser in die Lage versetzen, dasselbe zu tun, indem sie ihr Vermögen – und ihre guten Gene – an sie weitergeben. Selbst wenn ich vollkommen neutral wäre, was ich natürlich nicht bin, würde ich vermuten, dass die meisten sagen würden, ich sei attraktiver als der Durchschnitt, und Nola ist eine Schönheit, die auch mit Mitte vierzig noch die Blicke auf sich zieht. (Und meine erste Frau Ursula, die ich als Austauschstudent in Berlin kennengelernt hatte, sah ebenfalls aus wie ein Fotomodell und hat mich sechseinhalb Jahre lang glücklich gemacht, dann allerdings nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte.) Ich will hier nicht mein Ego aufblasen, sondern merke lediglich Tatsachen an, die im Licht dessen, was geschah, als Nola und ich zwei unserer ältesten Freunde verkuppeln wollten, vielleicht von Bedeutung sind.

Nola und Fredda hatten sich in ihrem ersten Jahr auf dem College ein Zimmer geteilt und über all die Jahre Kontakt gehalten. Fredda hatte im Osten gelebt, kürzlich aber ihren Job verloren und war an die Westküste gezogen, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Sie war intelligent und tüchtig, hatte ein flottes Mundwerk und besass jenen bissigen, ironischen Humor, der mir so gefällt und den ich in Kalifornien ein wenig vermisse. Das Problem war, dass sie übergewichtig war – oder vielmehr nicht übergewichtig, sondern fettleibig –, und da ihr Gesicht eher männlich als weiblich wirkte, kam sie nicht mal in den Genuss des Vorteils, den manche dicken Frauen haben, nämlich einladend und verletzlich zugleich auszusehen. Nola hatte mir erzählt, dass Fredda als Studentin an den Freitag- und Samstagabenden nicht in Tanzclubs, auf Parties oder zu Basketballspielen gegangen war, sondern im Aufenthaltsraum des Wohnheims Pinokel mit ein paar anderen Mädchen – und Jungen – gespielt hatte, die in puncto Statur im selben Boot sassen wie sie. Mit den Losern also. Und das ist es, worauf ich hinauswill, auch wenn es hart ist, das so auszusprechen: Manche Menschen haben von Anfang an keine Chance. Stellen Sie sich Fredda vor, das dickste Kind im Kindergarten, stellen Sie sich die ständigen Diäten vor, die Hänseleien und Kränkungen, die übergrossen Jeans, die zeltartigen Kleider und den ganzen Rest.

Ich kannte sie nicht so gut wie Paul, meinen übergewichtigen Freund, und bevor sie zu ihrer Mutter nach Ventura, eine halbe Stunde südlich von uns, gezogen war, hatte ich nur an sie gedacht, wenn wir am Telefon ein paar Freundlichkeiten ausgetauscht hatten, bevor ich den Hörer an Nola weitergereicht hatte.

«Ich spreche von Gnade – oder nennen Sie’s Glück, wenn Sie wollen.

Manche haben es, andere nicht; das ist eben so.»

«Wir könnten doch mal Fredda zum Essen einladen», sagte Nola eines Abends, als wir in der Küche sassen. Die Geschirrspülmaschine summte, das Radio spielte klassische Musik, in der Vase auf dem Tisch stand ein frischer Blumenstrauss. Die Sonne balancierte auf dem Horizont und liess alles erglühen – die Weingläser, das gemusterte Geschirr, die glänzenden Oberflächen der Küchengeräte. Ein perfekter Augenblick, und es war, als wären wir von einer unsichtbaren Hand hierher gesetzt worden, damit wir uns daran erfreuten.

Ich zuckte die Schultern. «Klar», sagte ich. «Warum nicht?»

«Es wäre schön, sie mal wieder zu sehen.»

«Ja.»

«Aber wen laden wir ausserdem ein?» Sie legte den Daumen an die Oberlippe und dachte nach. Dann sagte sie: «Wie wär’s mit Paul?»

«Paul? Aber wir können doch nicht…» Ich stellte mir vor, wie wir vier, Cocktails in den Händen, im Wohnzimmer standen und Fredda und Paul erst einander und dann uns ansahen, als würden wir ihnen einen grausamen Streich spielen, während es doch alles andere als das sein sollte.

«Nein, nein, ich meine eine grössere Runde mit … ich weiss nicht, noch zwei anderen Paaren, Jenna und Jorge vielleicht. Die Traynors. Oder Louise – wie wär’s mit Louise und Ira? Wir müssen uns mal revanchieren, wir waren jetzt schon zweimal bei ihnen, oder habe ich mich verzählt?»

Schliesslich waren wir zu zehnt. Im letzten Augenblick wurde uns bewusst, dass wir unmöglich Paul und Fredda als einzige Singles einladen konnten – das wäre zu offensichtlich gewesen –, und so baten wir zwei weitere Gäste hinzu: unseren Nachbarn Arnold, der seit einem halben Jahr verwitwet war, und Katie, eine energische geschiedene Frau Ende fünfzig, die Nola von einem Nähkreis kannte, dem sie sich im Winter angeschlossen hatte. Paul traf als erster ein – er war geschäftlich in Kalifornien und wohnte für ein paar Wochen in einem Hotel in Los Angeles, und ich glaube, er war froh, den vier Wänden, der trostlosen Aussicht und den Pseudobeziehungen, die er zum Portier, dem Barmann und den Zimmermädchen aufgebaut hatte, zu entkommen. Wir waren zusammen aufgewachsen, Paul und ich, und ich kannte seine Gewohnheiten und Vorlieben so gut wie meine eigenen – dachte ich jedenfalls.

Als er eintrat, überreichte ich ihm als erstes einen Cocktail – er trank gern Alkoholisches und war ein versierter Weinkenner und Gourmet, dessen Motto lautete: «Immer zurückhaltend, auch in der Zurückhaltung», und der längst aufgehört hatte, sich Gedanken über sein Gewicht zu machen. «Mein Gewicht ist mein Schicksal», war ein weiteres Motto, und sein liebster – und, soweit ich wusste, einziger – Zeitvertreib bestand darin, die angesagtesten Restaurants der Gegend aufzusuchen und sich durch die Speisekarten zu arbeiten, als wäre er ein Restaurantkritiker. Was er auf seine Art wohl auch war.

Wir standen am Kamin und tauschten Klatsch über gemeinsame New Yorker Freunde aus, als es an der Tür läutete. Ich ging hin, um zu öffnen, während Nola sich in der Küche zu schaffen machte und Paul sich am Kamin wärmte. Draussen hätte jeder der sieben anderen Gäste stehen können, aber wie das Schicksal es eben wollte: Es war Fredda.

«Mein Gott, ihr habt mir nicht gesagt, wie dunkel es hier auf dem Land ist», sagte sie und zeigte mir grinsend die Zähne, als wären sie das einzige, woran ich sie erkennen konnte. «Und dieser Berg hier – ich dachte, das muss der Everest sein. Oder wenigstens der K2 – das ist der andere, oder?»

Sie trug eine Art Sari oder Toga, ein Gewand aus schimmerndem blauem Stoff, in dem sie noch dicker aussah – als wäre dies die mexikanische Grenze und als wollte sie noch eine weitere Person hereinschmuggeln. Ich weiss, es ist nicht sehr nett, das zu sagen, aber es war eine Tatsache. Im nächsten Augenblick schenkte ich ihr ein Glas Wein ein, und sie und Paul sahen einander finster an, während ich versuchte, Konversation zu machen, unter Verwendung von Sätzen wie: «Das wurde aber auch Zeit, dass ihr euch mal kennenlernt», und: «Wisst ihr eigentlich, dass ihr unsere besten Freunde seid?», bis Nola kam und mich rettete und es erneut an der Tür läutete und der Abend begann.

Was soll ich sagen? Es war ein gemeinsames Abendessen. Alle amüsierten sich gut, glaube ich, und die Paella, die Nola und ich ausschliesslich aus frischen Zutaten bereitet hatten, war perfekt. Katie, die Scheidungswitwe, die mal Mitinhaberin eines spanischen Restaurants in Santa Monica gewesen war, sagte, unsere Paella sei besser als alles, was ihr spanischer Koch je zustande gebracht habe. Danach setzten wir uns mit Brandy und Bénédictine an den Kamin, und ich forderte unsere Gäste auf, in unserer Plattensammlung zu stöbern. Jeder sollte ein einzelnes Stück heraussuchen, so dass es war, als würden wir diese Songs zum ersten Mal hören.

Wenn wir einen Fehler begangen hatten, dann indem wir keine Sitzordnung ausgegeben hatten – das erschien mir zu formell, zu prätentiös –, was dazu führte, dass Paul und Fredda an entgegengesetzten Enden des Tischs sassen und kaum miteinander sprachen, geschweige denn sich füreinander interessierten, wie wir erwartet und gehofft hatten. Fredda ass kaum einen Bissen, Paul dagegen schaufelte das Essen in sich hinein. Seine Hände waren in ständiger Bewegung, er tupfte die Paellasauce auf dem Boden der Pfanne mit einem Stück Brot auf, trank sein Weinglas aus, kaum dass es gefüllt war, und nahm sich drei Portionen Flan. Oder waren es vier? Ich weiss es nicht, denn ich hörte auf zu zählen, und was machte es schon? Aber – und das konnte ich mir erst eingestehen, als die anderen Gäste sich verabschiedet hatten, Nola zu Bett gegangen war und nur wir beide noch vor dem Kamin sassen und uns unterhielten – er hatte trotzig gegessen, wütend, in Erfüllung der Rolle, die die Gesellschaft ihm zuwies und in der ich ihn gedankenlos bestärkt hatte.

Das Feuer knisterte. Wir sassen, jeder ein Glas Brandy in der Hand, nebeneinander auf dem Sofa. Die Musik – Paul hatte sie ausgewählt: Ellington und Coltrane mit «In a Sentimental Mood» – geisterte aus den Lautsprechern. Stille. Eine lange Stille. Und ich, Idiot, der ich war, sagte: «Was hältst du eigentlich von Fredda?»

Er bedachte mich mit einem Blick, wie man ihn von einem Freund nicht erwarten würde, starrte mir unverwandt in die Augen und zog die Mundwinkel herab. «Wolltest du das wirklich?», fragte er dann.

«Wollte ich was?»

«Dich über mich lustig machen? Glaubst du wirklich, ich will eine fette Frau? Wenn mir nach Fett zumute ist, brauche ich bloss in den Spiegel zu sehen.»

«Aber sie ist eine gute Freundin, genau wie du ein guter Freund bist, und sie ist ein toller Mensch, sie ist … wahnsinnig witzig und –»

«Fett.»

«Also, Paul, ich würde nie…» Ich wandte den Blick ab und suchte nach Worten. «Ich meine, du weisst doch, dass ich –»

«Ach nein?», sagte er, drehte den Kopf auf dem pfeilerdicken Hals und sah mich an – Paul, mein ältester Freund, den ich seit der Highschool kannte und der mir in diesem Augenblick so fremd war, als hätten wir uns gerade erst kennengelernt. «Wirklich nicht?»

SEI MEIN VALENTINSSCHATZ

Jener Abend in Kingman, der am späten Nachmittag begonnen hatte, als die Sonne über dem Horizont geschwebt hatte und die Luft vom süssen Duft der Wüste erfüllt gewesen war, durchaus verheissungsvoll also und sehr angenehm, denn ich sass gemütlich in der Bar, während meine Frau in aller Seelenruhe shoppen konnte, nahm eine Wendung zum Schlechten, von der ich bisher nie jemandem erzählt habe, weil ich noch immer nicht weiss, was ich davon halten soll. Die Reaktion der ASW-Frau (Serena, obwohl sie alles andere als heiter war) war nämlich sehr viel heftiger, als ich sie vorhin geschildert habe. Ja, sie folgte mir zu der Nische hinter den Billardtischen, wo sich die beschriebene Szene abspielte, aber nachdem ich sie zum dritten Mal zurückgewiesen und sie daraufhin gegen die Seitenwand der Nische getreten hatte, sagte sie mit einer Stimme, die ganz kurz davor war zu brechen: «Glaubst du eigentlich, du bist Jesus oder was? Dass deine Scheisse nicht stinkt? Dass du bei Regen nicht nass wirst?»

Das waren keine Fragen, sondern Anschuldigungen, und ich hatte nicht vor, sie einer Antwort zu würdigen. Ich stand, wie gesagt, auf, ging zur Theke und beschwerte mich bei der Barfrau, und wenn mein Herzschlag beschleunigt war und meine Hand vom Adrenalinschub ein wenig zitterte, dann war das nichts, was der zweite Drink – und Nola – nicht beheben würden. Dann kamen die Ballons und der Kuss und eine neue Runde Getränke, und ich dachte, das war’s, Situation geklärt, Kontakt beendet, das Ganze bereits eine nette Partygeschichte mit mir selbst in der Hauptrolle des unwiderstehlichen Objekts unerbetener Zuneigung: ein Mann, der eine enorme Attraktivität ausstrahlte, ohne sich dessen im Mindesten bewusst zu sein. Nola und ich stupsten die Ballons herum und tranken unsere Gläser aus. Ich ging zur Theke, um zu bezahlen.

Die Barfrau, das ältliche Partygirl mit dem breiten Gesicht und den Augen, die schon alles gesehen hatten, beugte sich vor, um mir das Wechselgeld zu geben, und sagte: «Haben Sie’s schon gehört?»

«Nein, was denn?»

«Diese Frau vorhin – wie hiess sie eigentlich?»

Es fiel mir gleich ein; schliesslich war ich in diesem Fall offenbar so was wie der Experte, auch wenn ich nicht auf ihr Spiel eingestiegen war. «Serena?»

Sie nickte. «Sie ist über die Strasse gegangen» – sie zeigte auf die offene Tür – «und hat sich auf die Schienen gelegt.» Sie machte eine Kunstpause. «Zum Glück hat’s jemand gesehen und die Polizei gerufen.»

Die Musik dröhnte und erstarb, und für einen Augenblick hörte man nur das mechanische Rauschen beim Plattenwechsel. Die Barfrau stand mit aufgestützten Armen da und sah mich an, als wüsste ich die Antwort auf die unausgesprochene Frage. «Das ist ein Witz, oder?», war das Beste, was mir einfiel, aber dann dachte ich an den anderen Spruch an der Wand der Herrentoilette, gleich über der Aufforderung an die liberalen Scheisser. Es ging darin um Jesus. Und die Erlösung. Es war ein Satz, wie man ihn auf Plakatwänden in der Provinz sieht, eine hohle Phrase, die Art von falschem Trost, die Anrufer bei der Suizidprävention nicht zu hören bekommen.

Ich stand, das Wechselgeld in der Hand, an der Theke. Das nächste Stück setzte ein und begrub mich in der Gegenwart. Jemand liess einen Ballon platzen. Ich sah zu Nola, die noch am Tisch sass und einen der Zinnteller bewunderte, die sie im dritten Antiquitätengeschäft auf der linken Seite für einen Spottpreis gekriegt hatte. Und was sagte ich schliesslich zur Barfrau? Ich weiss es nicht mehr. Wahrscheinlich so was wie: «Stell dir vor.» Aber es war Valentinstag, und es war alles meine Schuld: Diese arme verwirrte ASW-Frau war von einem Mann zurückgewiesen worden, den sie nicht mal kannte (und von dessen tiefen, aufrichtigen Gefühlen sie keine Ahnung hatte, es sei denn vielleicht auf einer paranormalen Ebene), und zu dem Schluss gekommen, dass das Leben ohne ihn keinen Sinn mehr hatte. Führen Sie sich das mal für einen Moment vor Augen, und dann erzählen Sie mir was von der unergründlichen, unaussprechlichen, herzzerreissenden Einsamkeit des Lebens auf diesem Planeten.

Im Ernst? Herr Jesus Christus, erlöse uns! Erlöse uns alle, so schnell wie möglich!

Illustrationen:  Rafael Koller

Diese Kurzgeschichte erscheint hier zum ersten Mal auf Deutsch.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»