Liberalismus und Katholizismus gehören zusammen
Liberalismus und Katholizismus werden oft als Gegenspieler wahrgenommen. Doch ohne das christliche Fundament verkommen Freiheit und Menschenwürde zu hohlen Sentimentalitäten. Ein Plädoyer für die Rückbesinnung auf Rom – als Anker für eine krisengeschüttelte Welt.
Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein, katholischer Monarch und bekennender Demokrat, erinnert in seinem Buch «Der Staat im dritten Jahrtausend» (2009) daran, dass Christentum und Liberalismus viele Grundwerte teilen. Bei beiden stehe nicht der Staat im Vordergrund wie im Nationalismus und Sozialismus, sondern der einzelne Mensch in seiner Freiheit und Verantwortung. Sollten sie daher, so der Fürst, nicht «ihre Kriegsbeile aus dem 19. Jahrhundert begraben und sich gemeinsam für das Wohl der Menschheit einsetzen»?
Unredliches «Doppelspiel»
Typisch für europäische Liberale ist es, dass sie sich, wie Jürgen Habermas, «religiös unmusikalisch» geben. Das heisst: Liberale bekennen sich selbstverständlich zur Religionsfreiheit, leugnen aber, dass das Christentum das Fundament der freien Welt sei. Sie haben ein Problem mit dem Glauben.
Der Religionsphilosoph und Priester Romano Guardini (1885–1968) nennt diese Ignoranz ein «Doppelspiel»: Das Christentum ablehnen, aber von seinen «Nutzniessungen» profitieren, das heisst von Werten wie individueller Freiheit, Verantwortung und Würde, die sich Liberale auf die Fahne schreiben.
Dabei erklärt man Werte wie Freiheit und Würde zu unabhängigen Errungenschaften des Menschen, die angeblich in allen Kulturen und Religionen angelegt sein sollen. Als wären Islam oder Hinduismus eine Inspiration für Menschenrechte. Oder atheistische Ideologien Förderer der Freiheit.
Für Guardini ist klar: Die Zeit der Nutzniessungen dauert nicht ewig. In verweltlichten Gesellschaften verkommen Werte wie Freiheit und Würde früher oder später zu «Sentimentalitäten». Dann wird offenbar, was eine «radikale Unchristlichkeit» für unser Zusammenleben bedeutet: das Erkalten der Liebe und das Ende der freien Welt.
Christlich und liberal
Auch die Christen tun sich schwer mit der Moderne. In Europa sind sie mehrheitlich mit sich selbst beschäftigt. Gefangen zwischen progressiver Verzweiflung, die das christliche Erbe zu einer woken NGO transformiert, und reaktionärem Hochmut, der einem christlichen Nationalismus huldigt. Beide haben ein Problem mit der Freiheit.
Das Masslose gehört zum Christentum. Die Auslegung seiner Mysterien von Auferstehung und Heilstod ist anfällig für Irrwege. Dennoch überdauert das Christentum alle selbstgemachten Krisen und äusseren Verfolgungen. Weltreiche gehen unter, ganze Völker verschwinden. Christen tauchen immer wieder auf.
Das ist kein Zufall, wie der Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) betont. Jesus als oberster Hirte geleitet seine Herde bis ans Ende der Zeiten, «nicht triumphal», sondern auf einem «Kreuzweg». Und hier zeigt sich für Balthasar auch die Bedeutung des Papsttums. Es ist der Fels inmitten einer instabilen, leidgeplagten Welt, nicht nur für Christen, sondern potentiell für alle Völker. Und je mehr Vielfalt und Spaltung in Kirche und Welt herrschen, desto unentbehrlicher sei dieser «Beziehungspunkt».
«Überdauert das Christentum alle selbstgemachten Krisen und äusseren Verfolgungen. Weltreiche gehen unter, ganze Völker verschwinden. Christen tauchen immer wieder auf.»
Ein Beispiel dafür ist die «Erklärung über die Religionsfreiheit» des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Darin bekennt sich die katholische Kirche zu den Bürgerrechten, ohne den Wahrheitsanspruch zu opfern. Vorbild ist Jesus, der es bis in den Tod ablehnte, «ein politischer Messias» zu sein und Zwang oder Gewalt auszuüben.
Mit anderen Worten: Der wahre Christ ist im Herzen streng gläubig, in der Gesetzgebung liberal. Dieses ausbalancierte Zusammenspiel zwischen persönlichem Glauben und politischer Macht ist vorbildlich, für Christen aller Konfessionen wie für Muslime, Hindus, Atheisten oder Liberale.
Eine fröhliche Vision
Das heutige Papsttum ist die menschenfreundlichste und krisenerprobteste Institution unserer Geschichte. Es ist ein Hort der Freiheit, ein Widerstandspunkt gegen nationalistisch-religiöse oder sozialistisch-atheistische Verwüstungen. Es schützt die menschliche Würde, stärkt Eigenverantwortung und Subsidiarität. Was gibt es also Besseres als sich an Rom orientieren (im Herzen, nicht politisch)?
Zum Beispiel die Europäische Union: Sie wäre bürgernäher, wohnlicher und widerstandsfähiger, wenn sich viele Unionsbürger und ihre Politiker als romtreue Christen outen würden. Oder die britische Monarchie: Die Royals würden klüger und verlässlicher ihrem Staat und seinen Bürgern dienen, wenn sie den Papst als Korrektiv hätten. Und Russland: Es wäre freier und so viel menschlicher, wenn orthodoxe Christen Rom statt Moskau als ihr geistiges Zentrum anerkennen würden.
Unerschrockene schliesslich denken über Europa hinaus. Man stelle sich vor, Araber, Perser oder Chinesen würden sich in grosser Zahl zum Katholizismus bekehren. Es entstünden blühende Landschaften, in denen die Menschen ihr Potenzial endlich entfalten könnten.
Ein katholisches Weltreich freilich ist ein Selbstwiderspruch. Aber überall dort, wo das romtreue Christentum lebendig ist, ob im heutigen Fürstentum Liechtenstein oder im morgigen Nordkorea, herrscht ein gedeihliches Klima, zunächst einmal für Familien, dann aber auch für Unternehmertum, Wissenschaft, Kunst oder Spiel. So gesehen ist eine katholische Selbsterneuerung für jede Gesellschaft und Nation möglich.
Der rettende Anker
Europa und der freie Westen stehen an einem Scheideweg. Ihre Bürger sind im Begriff, das Fundament, das eine aufgeklärte und freie Zivilisation ermöglichte, zu zerstören. Die Folgen zeigen sich immer deutlicher: weniger Liebe, mehr Repression. Und die Angriffe auf Menschenwürde, individuelle Freiheit und Eigentum werden in einer technikgeprägten Welt weiter zunehmen, von links wie rechts.
Ohne Christentum wird Europa nicht überleben. In den vielzitierten Worten Alexis de Tocquevilles: «Der Despotismus kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht.» Liberale und Christen stehen hier besonders in der Verantwortung. Es genügt nicht, die Kriegsbeile zu begraben. Sie sollten sich ihren Problemen hinsichtlich des Glaubens und der Freiheit stellen – und den rettenden Anker ergreifen.