Die Schweiz hat alles, was es braucht
Unternehmertum beginnt mit der Bereitschaft, Probleme zu sehen und selbst zu handeln. Noch bietet die Schweiz dazu hervorragende Voraussetzungen.
Unternehmertum beginnt oft mit den Gedanken «Das müsste besser gehen!» oder «Dieses Problem kann man doch lösen!». Als ich zusammen mit meinem Mitgründer eduwo gründete, taten wir das aus einer Frustration heraus: Das Schweizer Bildungssystem ist grossartig, aber für Weiterbildungen so komplex, dass kaum jemand den Überblick hat. Wir wollten das ändern. Der gleiche Wunsch nach Verbesserung hat mich angetrieben, als wir in meiner Heimatstadt Winterthur die Start-up Nights ins Leben gerufen haben, um Gründerinnen und Gründern eine Plattform zu geben. Heute bin ich neben meinem politischen Amt in Winterthur auch Präsident der Swiss Start-up Association, weil die Anliegen von Gründerinnen und Gründern in der Politik zu wenig Gehör finden.
Für mich als Unternehmer und Interessenvertreter für Start-ups ist die Erkenntnis dieselbe: Die Schweiz hat alles, was es für unternehmerischen Erfolg braucht. Sie muss aber wieder lernen, Verantwortung schneller zuzulassen und Fortschritt zu ermöglichen. Doch was sind die Erfolgsfaktoren für Unternehmertum in der Schweiz?
Land des Fortschritts und der Innovation
An erster Stelle steht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und anzupacken. Unternehmertum beginnt nicht erst mit der Gründung der eigenen Firma, sondern mit einer Haltung. Es beginnt dort, wo Menschen Probleme erkennen und sich entscheiden, selbst zu handeln. Diese Haltung ist tief im Schweizer Selbstverständnis verankert. Sie zeigt sich im Föderalismus, der direkten Demokratie, im Milizsystem, im Vereinswesen. Man wartet nicht nur auf Lösungen, sondern organisiert sich selbst.
Doch diese Stärke der Eigeninitiative droht zu erodieren. Unsere politische und regulatorische Trägheit und die Entwicklung, immer mehr Spielraum der Eigenverantwortung zu regulieren, lähmt die Initiative zur Selbstorganisation und hemmt die Menschen in der eigenständigen Übernahme von Verantwortung. Was Stabilität sichern soll, bremst den unternehmerischen Geist.
Zweitens braucht es in der Schweiz einen langen Atem. Wir sind ein Land des Innehaltens und des Abwägens und gleichzeitig ein Land des Fortschritts und der Innovation. Diese Balance zwischen Abwägen und Warten, zwischen Zurückhaltung und Fortschritt – das war lange unsere Stärke. Geduld und Qualität haben unsere Industrie gross gemacht, weil sie Innovation erlauben. Unsere Prozesse sind aber zu komplex, unsere Entscheidungswege zu lang, die Bedenkenträger zu vielzählig. Wir wägen ab, statt zu wagen. Wer unternehmerisch erfolgreich bleiben will, muss handeln können. Systeme, die diese Handlungsfähigkeit ersticken, verlieren ihre Wirkung.
Genauso entscheidend sind die Netzwerke und damit verbunden der Zugang zu Märkten und Wachstumskapital. Erfolg entsteht selten im Alleingang: Wer Verantwortung übernimmt und sich ins Ökosystem einbringt, kommt weiter. Diese Netzwerke sind eine reale Stärke unseres Standorts. Sie schaffen Vertrauen, Wissensaustausch und frühe Kooperationen. Doch beim Übergang von der Aufbauphase zur Skalierung fehlt oft die Finanzierung. Aus einer tief verankerten Zurückhaltung gegenüber schnellem, ambitioniertem Wachstum investieren wir defensiv. Das ist fatal: So exportieren wir nicht nur Innovationskraft, sondern unsere unternehmerische Zukunft.
Die Schweiz bietet hervorragende Voraussetzungen. Doch gute Ausgangslagen ersetzen keine Entscheidungen. Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass Verantwortung ermöglicht wird. Am Ende entscheidet nicht das System, sondern die Haltung der Menschen. Doch Haltung braucht Freiräume. Unternehmertum braucht Vertrauen. Und Fortschritt braucht den Mut, Bewährtes weiterzuentwickeln. Die Schweiz war immer dann erfolgreich, wenn sie ihre Balance gehalten hat: zwischen Sicherheit und Bewegung, zwischen Innehalten und Neues wagen. Diese Balance müssen wir aktiv pflegen.