Die Dekonstruktion des Alltags

Er zeichnet und malt, liebt Cervelats, baut Skulpturen, und den Coverphotos schöner Models treibt er schon einmal Finger durch die Wangen. Beni Bischof weiss: das Leben ist kein Ponyhof. Aber als Spielwiese taugt es ausgezeichnet.

Die Dekonstruktion des Alltags
Existenzängste - Champagner! Acrylspray auf Wand, 2013. Ausstellungsansicht, Galerie Rupert Pfap, Düsseldorf.

Deinen Arbeiten bin ich erstmals vor Jahren im «Milieu Artspace» in Bern begegnet. Ich stand in diesem Raum und dachte: «Hier musst du aufpassen, dass du nicht zwischen diesem Überdruss, zwischen all diesen Flächen und Pinselstrichen verschwindest.» Ich habe mir damals Notizen gemacht und jetzt wieder nachgelesen. Schwarz unterstrichen war die Frage: Woher diese Wut?

Gute Frage. Ich habe heute wieder über dieses Wort nachgedacht. Wut. Bei gewissen Themen hatte ich tatsächlich Wut im Bauch. Früher war es ein Grund für mein Schaffen: Rücksichtslos die Wut rauslassen. Aber warum hast du dir das notiert? Warum ist dir das aufgefallen?

Ich las dein Werk nicht als eine grundsätzliche Wut auf alles und jeden, die sich wie eine Schneedecke gleichmässig verteilt. Eher hatte ich den Eindruck, da schlage mir jemand seine Emotionen um die Ohren. Emotionen, die sich klar um Themen wie Konsumismus und Medien drehen.

Das stimmt wohl auch. Es geht aber nicht nur um Wut, sondern auch um eine Form des Spieltriebes, um Humor und das Interesse an Absurdem. Die Wut wirkt dabei eher als Motor, mit ihr lassen sich Arbeiten herstellen, die Kraft ausstrahlen oder überraschen.

Kannst du einen deiner typischen Ateliertage beschreiben?

In den letzten Monaten gab es wenige davon. Ich bin Vater eines Buben namens Linus geworden. (lacht) Normalerweise verlasse ich aber morgens das Haus, trinke in der Stadt einen Kaffee, arbeite zwei Stunden im Atelier, gehe mit jemandem Mittagessen, danach wieder zwei Stunden Atelierarbeit, Kaffeepause. Später treffe ich mich mit jemandem und gehe dann vielleicht noch einmal ins Atelier.

Das klingt nach einem schönen Rhythmus.

Ja, bis auf das Alleinsein im Atelier, das erträgt man nicht immer gleich.

Wenn ich nun aber deine Arbeiten betrachte, drängt sich mir eine andere Form des Künstlers auf: Du bist Derwisch, der im Atelier herumwirbelt. Arbeitest du an verschiedenen Elementen gleichzeitig?

Ja. Computerarbeiten, A4-Collagen und Zeichnungen entstehen meistens zu Hause, am Küchentisch. Ausserdem arbeite ich noch viel in Restaurants. Da entstehen andere Dinge – und dann lande ich irgendwann wieder im Atelier, um zu malen oder Skulpturen anzufertigen. Manchmal gipse ich, dann male ich fünf Bilder gleichzeitig oder drei Tage lang nur eines. Ja, eigentlich läuft alles immer parallel. Das parallele Arbeiten ermöglicht Synergien. Und Zufälle bringen mich sowieso weiter.

Ich sehe eine mögliche Parallele zum Schaffensmodus des schottischen Künstlers David Shrigley. Er erwähnte einmal, dass er stets Unmengen produziere. Ende des Monats läuft er dann mit einer Tüte durch sein Atelier und schmeisst das meiste in einen Mülleimer. Weil er so viele Zeichnungen produziert…

… die nicht hinhauen! Richtig. Und so ist es auch: Man muss probieren, probieren, probieren.

Was mich verwundert: Shrigley fügt gleichzeitig an, er wisse genau, was er behalten müsse und was nicht.

Das ist eine grosse Kunst. Manchmal gestaltet sich die Entscheidung, welche Arbeiten ich behalte, wirklich schwierig – vor allem bei der Malerei. Da kann es lange dauern, bis etwas in einem völlig anderen Licht erscheint. Es gibt aber auch die Arbeiten, die mich nach Wochen oder Monaten im Atelier langweilen. Die gehen meistens automatisch kaputt, weil sie auf dem Boden liegen und ich unachtsam über sie hinwegtrete. Sie entsorgen sich quasi von alleine.

Einige der Arbeiten, die du behalten hast, stellst du nun in der Galerie Rupert Pfab in Düsseldorf aus. Dort finden sich neben Skulpturen und Malereien auch «Vogue»-Magazine, deren Cover aufgeritzt sind. Du trägst Material ab, was sich wiederum in einer Form von Aufbau, ähnlich einem Relief, sammelt. Eine Oberfläche, die präzises Arbeiten erfordert!

Das Ganze hat ganz harmlos begonnen. Es gab dieses Magazin, das mir vom Look und vom Cover her sehr gut gefallen hat und das fast ein halbes…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»