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Der produktive Selbstzweifel

Der produktive Selbstzweifel

Der Mythos des furchtlosen, unbeirrbaren Unternehmers zerfällt bei genauerem Hinsehen. Entscheidend sind nicht Lautstärke und Pose, sondern Zurückhaltung, Demut und die Fähigkeit zur Korrektur.

In den Medien erscheinen bekannte Unternehmerfiguren wie Elon Musk, Jeff Bezos oder auch Donald Trump oft als furchtlose Visionäre: scheinbar frei von Selbstzweifeln, jederzeit entschlossen, über jeden Zweifel erhaben. Unternehmertum wirkt in diesen Erzählungen wie eine Abfolge kühner und visionärer Entscheidungen, getragen von unerschütterlichem Selbstvertrauen.

Die Gespräche, die der «Schweizer Monat» in den vergangenen Monaten im Rahmen des Projekts Esprit Entrepreneurial mit etablierten Unternehmern aus der Deutschschweiz geführt hat, zeichnen ein anderes Bild: Nüchterner. Erdiger. Weniger Glamour, dafür mit mehr Realitätssinn. Unternehmertum erscheint hier nicht als Bühne für Helden, sondern als dauerhafte Auseinandersetzung mit Unsicherheit, Fehlern und der eigenen Begrenztheit – und als Versuch, sich Schritt für Schritt Freiheit zu erarbeiten.

Auffällig ist, wie unspektakulär die Befragten ihre Rolle beschreiben. Christoph Landolt, Gründer des seit 2011 bestehenden Physiozentrums, bringt es auf den Punkt: «Ein Entrepreneur braucht einen starken Realitätssinn und ein gutes Urteilsvermögen. Entscheidend ist zu verstehen, was der Markt und die Kunden benötigen.» Selbstzweifel sind für ihn keine Schwäche, sondern ein Kontrollinstrument. Er zweifle ständig an sich und seinen Schlussfolgerungen – gerade das halte ihn lernfähig. Erfolgreiche Unternehmer scheinen also nicht blind der eigenen Genialität zu vertrauen. Vielmehr misstrauen sie ihren Annahmen, überprüfen diese permanent und bleiben so handlungsfähig.

Gelernt wird im Tun

Ein pragmatisches Selbstverständnis zeigt sich auch im Umgang mit Wissen. Auf die Frage, ob man sich vor dem Start ins Unternehmertum mit Literatur einlesen müsse, reagieren manche mit einem müden Lächeln. Biografien und Ratgeber spielen in ihren Geschichten meist eine Nebenrolle. Alessia Schrepfer, Pflegefachfrau und Gründerin von WeNurse – einem in Zürich angesiedelten Personalverleih für Pflegefachfrauen im Gesundheitswesen – sagt offen, sie habe keine Unternehmerbiografien gelesen. Gelernt werde im Tun.

Für Nicholas Hänny von der Ökokleidermarke Nikin ist es wichtig, an Tag eins mit Machen loszulegen, begleitet von punktuellen Inputs wie Online-Kursen, YouTube-Videos oder Blogs. Diese sollen für Hänny immer problemorientiert und nie systematisch sein. Bücher können inspirieren, aber die wertvollsten Erfahrungen sammelt man letztlich in der eigenen Firmengründung. Unternehmertum ist ein Erfahrungsberuf. Man lernt, indem man Angebote kreiert, Kunden verliert, Märkte falsch einschätzt und beim nächsten Versuch näher an der Realität ist.

Damit verknüpft ist der Umgang mit Fehlern. In keinem Interview taucht die Geschichte der einen genialen Idee auf, die einfach funktioniert. Stattdessen berichten die Unternehmer von einer Serie aus Versuchen, Irrtümern und Korrekturen. Fabian Hediger, Mitgründer des Finanzdienstleisters Bitcoin Suisse, sagt, er scheitere täglich an seinen Projekten – Scheitern gehöre für ihn zum Alltag.

«Unternehmertum ist ein Erfahrungsberuf. Man lernt, indem man Angebote kreiert, Kunden verliert, Märkte falsch einschätzt und beim nächsten Versuch näher an der Realität ist.»

Kleiderunternehmer Hänny unterscheidet zwischen schnellem und langsamem Scheitern. Ein Fehler, der nach zwei Wochen korrigiert werde, sei verkraftbar. Problematisch werde es erst, wenn man ihn monatelang mit sich herumschleppe. In Kombination mit Landolts produktivem Selbstzweifel ergibt sich ein klares Muster: Unternehmertum ist kein einmaliger mutiger Akt, sondern eine permanente Schleife aus Entscheiden, Messen und Nachjustieren. Mut bedeutet, sich dieser Schleife immer wieder auszusetzen.

«Wenn du die Arbeit nicht machst, macht sie niemand»

Persönlich wird es beim Thema Freiheit. Für viele ist sie der eigentliche Grund, überhaupt zu gründen. Gesundheitsunternehmerin Schrepfer beschreibt sich als «extrem freiheitsliebend», ihr Herz sei «sehr liberal». Sie sieht in der Schweiz eine grossartige Unternehmerkultur, die Freiheit und Innovation ermöglicht. Ihr Schritt aus dem stark regulierten Gesundheitswesen ins Unternehmertum ist für sie auch ein Bruch mit als einengend empfundenen Strukturen. Andere wiederum relativieren die romantische Vorstellung der radikalen Selbstbestimmung.

Delia Herger ist Mitgründerin von JobEagle, einer Plattform aus Luzern, die Firmen dabei unterstützt, ihre Stellenanzeigen attraktiv und authentisch zu präsentieren. Sie warnt davor, die Freiheit als Unternehmer zu überschätzen: Man könne den Tag zwar anders einteilen, aber «wenn du die Arbeit nicht machst, macht sie niemand».

Für Hänny ist Freiheit untrennbar mit wirtschaftlichem Erfolg verknüpft: genug Profit, um investieren zu können, und genügend finanzielle Stabilität, um zeitlich flexibel zu sein. Die Interviews zeigen: Freiheit ist kein Ausgangspunkt für Unternehmertum, sondern ein Leitstern. Sie muss erarbeitet und immer wieder verteidigt werden.

Auffällig ist auch, was in den Gesprächen fehlt: die Legende des einsamen Gründers. Stattdessen rücken Teams, Co-Gründer und Netzwerke ins Zentrum. Herger beschreibt die Anfangsphase, in der «einfach alles» selbst gemacht wird – und den Moment, in dem Delegieren zur Notwendigkeit wird. Wer alles unter Kontrolle behalten will, managt schlecht. Schrepfer betont die Bedeutung belastbarer Beziehungen im Gründerteam. Gemeinsame Krisen seien ein zentraler Erfolgsfaktor. Hänny verweist auch auf Mentoren: Viele seien bereit zu helfen, wenn man gezielt frage. Er selbst habe das anfangs unterschätzt. Unternehmertum ist Beziehungsarbeit – Vertrauen im Kernteam, die Fähigkeit, Verantwortung abzugeben, und die Bereitschaft, sich von aussen herausfordern zu lassen.

Was die nächste Generation wissen sollte

Was geben diese Unternehmer jungen Menschen mit, die über eine Gründung nachdenken? Nun, die Idee soll durchdacht sein, aber nicht zu Tode analysiert werden. Ein gutes Team ist wichtiger als die perfekte Präsentation. Soft Skills wie Konfliktfähigkeit, Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung zählen mehr als individuelle Brillanz. Schrepfer rät, Co-Gründer zu wählen, mit denen man bereits schwierige Situationen durchgestanden habe. Je innovativer die Idee, desto wichtiger das komplementäre Team. Hänny ermutigt zum eigenen Start-up – verbunden mit der Aufforderung, früh und regelmässig Rat zu suchen, statt aus Stolz alles allein zu machen.

«Die Idee soll durchdacht sein, aber nicht zu Tode analysiert werden. Ein gutes Team ist wichtiger als die perfekte Präsentation.»

So verdichtet sich aus den Gesprächen ein Bild, das wenig mit den gängigen Unternehmermythen zu tun hat. Unternehmertum ist ein Feld für jene, die willens sind, mit Unsicherheit zu leben, in der Realität zu lernen und Freiheit nicht einfach einzufordern, sondern sich diese zu nehmen – und dabei den Weg nicht allein zu gehen.

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