Unternehmer sind die freieren Menschen
Entrepreneure sehen die Welt mit anderen Augen. Eine Liebeserklärung an eine schützenswerte Minderheit aus der Sicht eines Medienschaffenden.
Zu den Vorzügen eines Journalistenlebens gehört es, dass man vielen spannenden Menschen und ihren Geschichten begegnet. Nicht wenige davon sind prominent: Präsidenten, Wirtschaftsführer, Politiker oder Sportler. Schon früh habe ich als junger Journalist zwei Dinge festgestellt. Erstens: Menschen, und damit auch meine Artikel, werden nicht automatisch interessanter, je prominenter die Gesprächspartner sind. Oft ist das Gegenteil der Fall. Zweitens: Die Begegnungen, die bei mir einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen haben, waren fast immer jene mit Unternehmern. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Gespräch auf Augenhöhe
So erinnere ich mich an meinen allerersten Einsatz als freier Mitarbeiter der «Basler Zeitung». Man schickte mich zu einem eher schmucklosen Anlass einer Vereinigung von Jungunternehmern aus dem Baugewerbe. Im ebenso schmucklosen Messeviertel der Stadt trafen sich Maurer, Maler, Gipser, Sanitärinstallateure und dergleichen zum informellen Austausch. Alle führten ihr eigenes kleines oder mittelgrosses Geschäft. Als Gastredner hatten sie den Besitzer einer Chemiefabrik im Bündnerland eingeladen: Christoph Blocher, damals Nationalrat und CEO der Ems Chemie.
Blocher sah ich damals kritischer als heute. Doch an diesem Abend sprach er über die Wirtschaft – und darin war er eine Instanz. Das bestritten auch seine Gegner nicht. Was mich an diesem Abend beeindruckte, waren nicht die Insignien des Erfolgs in Form etwa des selbstbewusst auf dem Trottoir parkierten Audi A8 mit Chauffeur, mit dem er an diesem Werktag aus Bern angereist war.
Mich beeindruckte vielmehr, wie viel Zeit er sich für den Basler Unternehmernachwuchs nahm – wie neugierig und nahbar er war. Seine Rede hielt er bewusst kurz, um mehr Zeit für das persönliche Gespräch zu lassen. Er, arriviert und schwerreich; die anderen weder noch. Weder der Altersunterschied noch die Tatsache, dass man in völlig verschiedenen Branchen tätig war – der eine global, die anderen regional –, schienen eine Rolle zu spielen. Trotz aller Unterschiede diskutierte man irgendwie auf Augenhöhe miteinander – von Unternehmer zu Unternehmer.
Höhere Fachangestellte
Interessant, ja geradezu frappant sind aus Sicht des Medienschaffenden auch die Unterschiede zwischen echten Unternehmern, die mit eigenem Geld ins Risiko gehen, und Managern – also höheren Fachangestellten im oberen Lohnsegment. Von aussen betrachtet mögen sie in derselben Liga spielen, wie auch die vom Schweizer Monat und Le Regard Libre gemachten Strassenumfragen unter Jugendlichen gezeigt haben. Viele Menschen setzen Unternehmer mit Managern gleich. Zu Unrecht.
Manager – selbst CEOs und Verwaltungsratspräsidenten von Weltkonzernen – sind in ein mächtiges Räderwerk von internen und externen Stakeholdern eingebunden, auf die es alle Rücksicht zu nehmen gilt. Das wirkt sich notgedrungen auf ihr Verhalten aus. Manager im Angestelltenverhältnis äussern sich dementsprechend vorsichtiger, stets darauf bedacht, niemandem auf die Füsse zu treten. Oft verwenden sie die nächsten drei Sätze nach einem halbwegs knackigen Statement damit, dieses umgehend wieder abzuschwächen. Sie relativieren, verklausulieren, verwässern und lassen keine Gelegenheit aus, die ausgeklügelten Sprüche ihrer Marketingabteilungen in das Gespräch miteinfliessen zu lassen. Oft sind sie sekundiert von Pressedamen (es sind fast immer Damen), die auf jedes Wort achten und bei Bedarf den Chef (oder den Journalisten) massregeln.
Die Pressedamen sind es auch, die Journalisten eine vorgängig zugestellte Liste mit den Fragen abnötigen und den Gesprächsrahmen mit Hilfe einer Negativliste festlegen, also mit Themen, über die man keinesfalls zu sprechen gedenkt. Grossmanager wie Journalisten spielen gleichermassen nach den Regeln dieser «Corporate Censorship». Bei Unternehmern habe ich das noch nie erlebt. Nun hat das alles seine guten Gründe, die ich durchaus verstehe. Schon klar, es gibt im Big Business Wichtigeres als diese Beobachtungen eines Journalisten. Worauf ich hinaus will: Diese Sachzwänge machen eben nicht automatisch aus jedem Topmanager auch einen Topgesprächspartner.
Lässige Nonchalance
Firmenbesitzer hingegen sind von einem anderen Schlag. Im Auftritt wirken sie ungezwungener, souveräner, pointierter, oft auch frecher – getragen von einer lässigen Nonchalance, wie sie bei oft normiert wirkenden Managern nicht zu finden ist. Natürlich sind auch Unternehmer nicht völlig frei. Auch sie unterliegen Sachzwängen und müssen Rücksicht nehmen. Doch sie scheren sich klar weniger um Konventionen, haben gar etwas Rebellisches und agieren mit mehr Augenmass als viele ihrer Managerkollegen – Stichwort Lohnexzesse. Unternehmer ziehen vielmehr einfach ihr eigenes Ding durch. Sie versuchen nicht krampfhaft in ein System «hineinzupassen», sondern heben sich wohltuend von der Masse ab – bewusst oder unbewusst.
Unternehmer sehen die Welt mit anderen Augen. Ihre Sinne sind wacher, sie sind Träumer, denken in Potenzialen statt in Besitzständen. Sie wollen gestalten, nicht bloss verwalten wie so viele der Manager, Expats oder Diplomaten, die es sich in dem ihnen anvertrauten Kokon bequem gemacht haben und vor allem darauf bedacht sind, wenn schon nicht übermässig positiv, dann wenigstens nicht negativ aufzufallen. Unternehmer sind Macher, Bastler oder stille Schaffer, die – oft ihrer Zeit voraus – am nächsten grossen Wurf arbeiten. Und vor allem sind sie eines: die vielleicht interessantesten Gesprächspartner, die es gibt.
Kein Wohlstand ohne Unternehmer
Die Schweiz tut gut daran, ihren Unternehmern Sorge zu tragen. Mit ihrer Innovationskraft und Leistungsfähigkeit halten sie die Schweiz wettbewerbsfähig, finanzieren den Staat auf allen Ebenen und zu wesentlichen Teilen und schaffen Arbeitsplätze und somit Wohlstand. Es kann also nie genug von ihnen geben. Den Menschen in der Schweiz kann es nur gut gehen, wenn es auch den Unternehmern gut geht. Es gibt kein wohlhabendes Land, in dem Unternehmer nicht prosperieren. Die Schweizer wissen das auch – von der politischen Linken mit ihrer klassenkämpferischen Rhetorik und der Stimmungsmache gegen «die Reichen» einmal abgesehen.
«Den Menschen in der Schweiz kann es nur gut gehen, wenn es auch den Unternehmern gut geht.»
Im Rahmen des Projekts «Esprit entrepreneurial» haben sich in zahlreichen Gesprächen mit Unternehmern in Bezug auf die Schweiz zwei Konstanten herauskristallisiert. Die gute Nachricht zuerst: Die Schweiz bietet weiterhin gute Rahmenbedingungen für Entrepreneurship. Der Unternehmergeist in der Schweiz ist nach wie vor stark ausgeprägt. Dies bestätigt auch die Ende Januar erschienene Studie «GEM Switzerland National Report» der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg. So lag die Quote der «unternehmerischen Aktivität in der Frühphase», das sind Unternehmen, die seit weniger als dreieinhalb Jahren bestehen, im Jahr 2024 bei stabilen knapp 10 Prozent der Erwerbsbevölkerung.
Rund 56,2 Prozent der Befragten gaben ausserdem an, jemanden zu kennen, der 2024 ein eigenes Unternehmen gegründet hat, während es im Jahr 2020 nur 44,6 Prozent waren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Entrepreneurship in der Schweiz an Sichtbarkeit gewinnt. Das ist erfreulich.
Schweiz mit akutem Handlungsbedarf
Die Schweiz bietet viele Vorzüge. Die Menschen sind gut ausgebildet und fleissig, die Infrastruktur entspricht derjenigen eines Hochleistungslandes, die Steuern sind moderat, der Arbeitsmarkt ist liberal, die Regulierung wirtschaftsfreundlicher als anderswo. Doch auch hier gilt es, Sorge zu tragen. Mehr noch: Es sind zwingend Verbesserungen anzubringen, denn nichts ist für ein Land oder eine Firma gefährlicher als Selbstgefälligkeit.
Womit wir bei der schlechten Nachricht sind. Ausgerechnet in der reichen Schweiz mangelt es an Risikokapital und risikoaffinen Geldgebern. Das hat fatale und weitreichende Folgen: Grosse, kapitalintensive und besonders risikoreiche Ideen haben in der Schweiz einen schweren Stand. Sie werden entweder selten, gar nicht oder dann gleich im Ausland realisiert. Grossbritannien und die USA stehen hier in der Poleposition. Dieser unsichtbare «Brain Drain» gehört unverzüglich auf das politische Parkett. Was ist konkret zu tun? Eine Steuerbefreiung von Risikokapitalinvestitionen wie in Grossbritannien wäre ein guter Anfang. Es ist paradox: Während in der Schweiz solche Anlagen dem Vermögen angerechnet und entsprechend besteuert werden, kann Venture Capital im Vereinigten Königreich vom Einkommen abgezogen werden. Aufschlussreich ist auch ein Blick in die USA: Dort dürfen Pensionskassen in Venture-Capital-Fonds investieren, was für zusätzliche Liquidität für Start-ups sorgt. Ebenfalls ist es notwendig, unternehmerisches Denken in der Ausbildung zu fördern, damit die Bevölkerung das notwendige Wissen und Selbstvertrauen erlangt, um sich selbstständig zu machen. Affaire à suivre.
«Ausgerechnet in der reichen Schweiz mangelt es an Risikokapital und risikoaffinen Geldgebern.»