«Alles war politisch: die Jeans, der Rock’n’Roll und natürlich auch die Sexualität»

Über das politische Vermächtnis der abtretenden Generation.

«Alles war politisch: die Jeans, der Rock’n’Roll und natürlich auch die Sexualität»
Michael Hermann, zvg.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Babyboomer verdankt sich nicht nur der Grösse ihrer Kohorte, sondern auch der Tatsache, dass sie von ihrer Sozialisation und ihrem Selbstverständnis her eine recht homogene Generation sind. Woran liegt das?
Die Babyboomer hatten und haben ein starkes Generationsbewusstsein. Während man heute Buchstaben erfinden muss, um eine Generation festzumachen – Generation X oder Y –, haben die Babyboomer ihre spezifischen Eigenschaften und eine klare Identität. Diese entwickelten sie, weil sie sich im Kontrast zur Kriegsgeneration definieren mussten.

Als die Babyboomer aufwuchsen, waren ihre Eltern mit dem Wiederaufbau beschäftigt, die Entbehrungen und Sorgen aus der Kriegszeit waren aber noch sehr präsent. Wie prägend war dieser Umstand?
Richtig, die Babyboomer waren eine Art Scharniergeneration. Ihre Eltern, die Kriegsgeneration, hatten einen oder zwei Weltkriege und mindestens eine einschneidende Wirtschaftskrise miterlebt. Das waren traumatische Erfahrungen. Viele Entwicklungen, die schon in den Roaring Twenties, der Zwischenkriegszeit, eingesetzt hatten – die gesellschaftliche Öffnung, die Orientierung hin auf Selbstverwirklichung –, wurden von der grossen Depression und dem Zweiten Weltkrieg unterbrochen, ja zunichte gemacht. Ohne diesen markanten Bruch wären die Entwicklungen wohl Schritt für Schritt weitergegangen. Doch so wurden sie unterdrückt und aufgestaut – bis es dann 1968 zum grossen Dammbruch kam. Nie zuvor gab es einen so scharfen Generationengraben wie in diesem Moment. Die Traumata der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten die Eltern der Babyboomer und ihre ordnungsliebende und auf materielle Dinge orientierte Weltanschauung. Die Generation der Babyboomer wurde im Aufschwung und der Sicherheit der Nachkriegszeit sozialisiert und entdeckte für sich ganz neue Lebensstile und Horizonte! Das betraf die Wirtschaft, die Politik, die Musik und die Mode. Die radikale Verknüpfung von allem Fortschrittlichen und Neuen mit der Jugend ist eine Erfindung der Babyboomergeneration – und diese Bindung ist bis heute stark. So gelten in der Werbung nach wie vor nur die Jüngeren als relevante Zielgruppe.

Würden Sie der These zustimmen, dass die Babyboomer eine sehr politische Generation waren? Politisiert durch ihren kollektiven Werdegang, aber auch durch die ideologisch aufgeladene Zeit des Kalten Krieges, in der sie aufwuchsen?
Absolut. Vor allem die 1960er und 1970er Jahre waren ein Zeitalter der Theorien und Ideologien: Es gab zwei klare politische Alternativen in Ost und West. Der Zugang zu Politik war diskursiv und dialektisch. Die radikalen Ideen dieser Zeit waren noch nicht von ernüchternden Erfahrungen entzaubert. Zudem trug der harte Generationsgegensatz selber zur Politisierung bei; alles war politisch: die Jeans, der Rock’n’Roll und natürlich auch die Sexualität. Die eigenen Erfahrungen mit ihren als autoritär wahrgenommenen Eltern prägten das politische Bewusstsein der Babyboomer und führten zur Solidarisierung mit unterdrückten Völkern und ausgebeuteten Arbeitern. Heute hat «die Generation» als Identitätsbezug massiv an Bedeutung verloren: Die einen haben konservative Eltern, die anderen linke – na und?

Konkreter?
Weil keine offensichtlichen Reibungsflächen mit der Elterngeneration mehr bestehen, hat das Konzept der Generation seinen identitätsstiftenden Charakter verloren. Verstehen wir uns hier nicht falsch: Längst nicht alle Vertreter und Vertreterinnen der Kriegsgeneration waren konservativ und längst nicht alle Babyboomer links. Dennoch existierte für beide Gruppen eine dominante Erzählung. Selbst Fussballprofis liessen sich damals die Haare wachsen und trugen Schlaghosen, auch wenn viele von ihnen wohl wenig mit dem ganzen politischen Überbau anfangen konnten. Es herrschte eine Art generationaler Gruppendruck. Als dieser sich später aufzulösen begann, rückten viele Babyboomer nach rechts. Ich habe dies in einer Längsschnittanalyse von Abstimmungsnachbefragungen untersucht. Dabei kam heraus, dass sich die Babyboomer tatsächlich deutlich links von ihren Eltern abgrenzten, später jedoch stärker als andere Kohorten nach rechts schwenkten. Die nachfolgende Generation etwa, zu der ich selber gehöre und die von meinem Altersgenossen Florian Illies einmal als «Generation Golf» bezeichnet wurde, startete weniger links, bewegte sich dann aber auch…